Bis zu 200 Flüchtlinge brauchen eine Bleibe

Die Asylbewerber werden in Bobingen von einem engagierten Helferkreis betreut. Foto: Mertens

Der enorme Druck der Flüchtlingswelle auf den Landkreis Augsburg und die Kommunen wird immer stärker und zwingt auch die Stadt Bobingen zum Handeln. Trotz eines engagierten Helferkreises gibt es im Alltag immer noch viele Hürden und Probleme. Weil künftig bis zu 200 Asylbewerber aufgenommen werden sollen, muss Wohnraum geschaffen und die Arbeit der ehrenamtlichen Kräfte stärker unterstützt werden, kündigt Bürgermeister Bernd Müller an.

Vor wenigen Wochen hat die Stadt eine Grundstücks- und Wohnungsbaugesellschaft (GWB) gegründet; diese arbeitet an der Bereitstellung von rund 200 Plätzen. An der Peter-Henlein-Straße im Gewerbegebiet Ost hat die GWB ein Eckgrundstück erworben; dort sollen nach einem Umbau rund zwei Dutzend Flüchtlinge einziehen. Bobingen wolle nicht von privaten Investoren überrascht werden, betont Müller, die zum Beispiel mitten im Zentrum oder im Industriegebiet – wo es sowieso nicht zulässig wäre – Gebäude erwerben, um sie dem Staat zu vermieten. "Die Erfahrung zeigt, dass eine Erreichbarkeit der Infrastruktur nötig ist." Damit meint der Bürgermeister eine Einkaufsquelle und Nahverkehrsanbindung, die Erreichbarkeit des Rathauses zu Fuß oder mit dem Fahrrad oder medizinische Versorgung.

Ab November soll es in Bobingen einen Ansprechpartner für die ehrenamtlichen Asylhelfer geben; dieser kann die Helfer bei Fragen rund um die Betreuung von Asylsuchenden unterstützen sowie als Mit-Koordinator der Ehrenamtshilfe fungieren; die Finanzierung wird durch die Stadt erfolgen.

Ein internationales Café und ein randvolles Möbellager, dazu 13 Sprachkurse an sechs Tagen in der Woche - die alte Mädchenschule an der Pestalozzistrasse ist zentrale Anlaufstelle für alle Flüchtlinge in Bobingen. Dort treffen sie sich jeden Freitag nachmittag in geselliger Runde mit ihren Helfern, lernen Deutsch und können für einige Stunden ihre Ängste und Sorgen vergessen. "Denn entwurzelt, ohne Arbeitserlaubnis und oft isoliert von ihrerder Familie, verharren diese Leute quasi im luftleeren Raum“, sagt Reinhold Lenski. Wie einige Dutzend weitere Bürger kümmert sich der 66-jährige um Kleidung und Fahrräder, den Kontakt zu Ämtern und Behörden und vieles mehr.

Für dezentrale Einrichtungen wie in Bobingen gibt es im Gegensatz zu Gemeinschaftsunterkünften der Regierung keinerlei öffentlich finanzierte Sozialarbeit. Darum sind Ahmad, Harun oder Rashid auf die unentgeltliche Unterstützung von vier Gruppen angewiesen, die sich im Helferkreis die Arbeit aufteilen. Antonie Mehringer, Julia Meilinger, Bettina Pamin und Jennifer Seitz koordinieren die Bereiche Deutschunterricht, Arbeit und Alltag, Kultur, Sport und Freizeit. So gibt es seit einigen Wochen den "FC Krebswirt" oder Schwimmunterricht im Hallenbad, der Verein „Bobingen ist bunt“ organisierte einen Begegnungsabend im evangelischen Gemeindezentrum.

Zum Kreis der engagierten Helfer gehört auch der Bobinger Rentner Johann Mehringer. Die Mitarbeit ist für den 72-jährigen zum Vollzeitjob geworden: "Ich begleite Asylbewerber zu ihren Anhörungen, vermittle ihnen Arbeitsstellen, besichtige Wohnungen, besorge Fußball-Trikots, repariere Fahrräder oder korrespondiere mit der deutschen Botschaft in Kabul!" Den Männern im Krebswirt erklärt er, wie ein Bankautomat oder die Mülltrennung funktionieren, doch für seinen ganzen Aufwand, Benzin- und Telefonkosten bekommt er wie alle anderen Helfer kein Geld.

Eines von vielen Problemen bei der Betreuung von Flüchtlingen ist deren medizinische Versorgung, die durch Sprachbarrieren oft noch zusätzlich erschwert wird. "Viele Asylbewerber kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Notaufnahmen der Wertachkliniken", berichtet Klinik-Sprecherin Verena Escheu, denn sie wissen nichts über die Arbeitsteilung zwischen niedergelassenen Ärzten und der ambulanten Behandlung im Krankenhaus von Bobingen oder Schwabmünchen. Schwangere Frauen müssen behandelt werden, aber auch Patienten mit Flüssigkeitsmangel oder Erschöpfungszuständen nach einer wochen- oder gar monatelangen Flucht.

Escheu: "Oft beherrschen die Asylbewerber keine Fremdsprache und die ärztlichen und pflegerischen Mitarbeiter der Wertachkliniken können natürlich die Landessprache der Patienten in der Regel auch nicht." Deshalb gestalte sich die Behandlung sehr zeitaufwendig, zumal neben der medizinischen nicht selten auch eine psychosoziale Problematik besteht.

Johann Mehringers Möbellager in der Mädchenschule, wo sich gespendeter Hausrat stapelt, quillt mittlerweile über, doch die Stadt hat dafür momentan keinen anderen geeigneten Platz. Auch im "Café international" geht es arg eng zu, wenn am Freitag nachmittag die Asylbewerber bis von Großaitingen und Königsbrunn kommen. Für viele von ihnen ist dieses Treffen mit den Helfern der Höhepunkt einer langen Woche, die wie alle anderen vor allem aus Warten und Hoffen besteht.
"Willkommen!“ steht in vielen Sprachen an der Tafel. Im Erdgeschoß der Schule wird gemeinsam gespielt und geratscht, es gibt Tee, Kaffee und Kuchen und ein Riesengedränge in dem zu kleinen Raum. Die 24-jährige Jenny Seitz kümmert sich mit ihrer Gruppe um Freizeit- und Sportmöglichkeiten für die Flüchtlinge. "Neben meiner Arbeit in München ist das hier mein zweiter Acht-Stunden-Job", sagt sie und spricht von "meinen Jungs, die für mich wie Brüder sind". Mit 23 von ihnen fuhr sie kürzlich ins Curt-Frenzel-Stadion, um das Eishockey-Spiel der Augsburger Panther gegen die Adler aus Mannheim zu verfolgen.

Im September wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge insgesamt 43.071 Asylanträge gestellt. Dies bedeutet einen Anstieg von 126,2 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat 2014. Die größte Gruppe unter den Asylbewerbern stellten Syrer mit 16.838 Asylanträgen. Entschieden hat das Amt im September über die Anträge von 22.983 Personen - ein Anstieg von 166,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Alex Mertens
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