Bobinger Siedler sollen sich wohlfühlen

Fast sein ganzes Leben hat Günter Arkleb in der Siedlung verbracht; im Hintergrund die Kirche zur heiligen Familie. Foto: Mertens


Die bei einem Sturm verbogene Maibaum-Halterung am Brunnenplatz hat Symbolcharakter: In der Bobinger Siedlung ist einiges in Schieflage geraten und muss wieder ins Lot gebracht werden. Das erfordert außer Geld auch Geduld und viele Gespräche, wie Friedrich Kraus weiß.

Darum hatte der Vorsitzende des Siedlervereins zu einem Informationsabend eingeladen, an dem neben zahlreichen Bürgern auch Quartiers-Manager Bernd Beigl und Stadtbaumeister Rainer Thierbach teilnahmen. Sie versuchten den zahlreichen Zuhörern verständlich zu machen, was auf der Internetseite der Stadtverwaltung ziemlich unverständlich klingt: "Das Team eines Münchner Instituts für Sozialforschung hat in Abstimmung mit der Stadt ein mehrmethodisches und iteratives Arbeitskonzept entwickelt, mit dem alle Betroffenen mit ihrer Alltagskompetenz angemessen in den Quartiersprozess einbezogen werden können".

Bobingen hat mit der Siedlung, die zwei Kilometer vom Zentrum entfernt ist und eine eigene kleine Welt bildet, eine besondere städtische Situation zu gestalten. 1937 als Werkssiedlung der damaligen IG Farben/ Höchst Werke nahe bei den Produktionsstätten entstanden, wurde der Stadtteil nach und nach in mehreren Stufen erweitert.

Während die alten Siedler-Häuser mit kleinem Grundriss überwiegend in großen langgestreckten Gärten liegen und viele einen bescheidenen Ausbaustandard aufweisen, stehen die neueren Gebäude mit zeitgemäßem Standard oft auf deutlich kleineren Grundstücken dicht beieinander. Der Hausarzt und die Sparkasse haben dem Stadtteil den Rücken gekehrt, junge Familien finden keine Bauplätze und siedeln sich trotz Kindergarten und Schule lieber in umliegenden Gemeinden an.

Die Stadt möchte aber die Wohn- und Lebens-Qualität des Quartiers erhalten beziehungsweise stärken. Fachlich und finanziell unterstützt wird sie dabei von der Regierung von Schwaben im Rahmen des Bund-Länder-Förder-Programms "Soziale Stadt".

Als Ziel nennt Thierbach, "dass sich die Bewohner in ihrem lebendigen Stadtteil gut beheimatet fühlen". Der Beteiligung der Bürger komme dabei große Bedeutung zu, denn sie sollen in mehreren Arbeitskreisen ihr Umfeld aktiv mitgestalten.

Vielen gehe es aber zu langsam vorwärts, sagt Wolfgang Stingl. "Denn seit Jahren wird immer nur geredet und sehen kann man von all den großen Plänen nichts!" Und so fragt sich Stingl, "ob wir überhaupt noch die Zeit haben, die ein tragfähiges Zukunftskonzept aus vielen Bausteinen benötigt?"

Mit seiner Apotheke am Wertachplatz ist der 66-Jährige ebenso wenig aus der Siedlung wegzudenken wie die gegenüberliegende Kirche. Trotz seines Alters und rückläufiger Umsätze, seit der Arzt weg ist, will er aber weitermachen: "Denn ich verdanke den Menschen hier und der Siedlung viel."

Zum 75-jährigen Jubiläum der Siedlung hatte Stingl 2012 zusammen mit Reinhold Lenski eine Ausstellung mit historischen Fotos organisiert, die demnächst im neuen Quartiers-Treffpunkt gezeigt werden sollen. Dort steht Bernd Beigl den Bürgern regelmäßig als Ansprechpartner zur Verfügung und organisiert Veranstaltungen wie zum Thema Nachbarschaftshilfe am 6. Mai oder Lesungen und Vorträge.

Doch damit ist es nicht getan. Beim Informationsabend des Siedlervereins erläuterte der Stadtbaumeister eine ganze Reihe von Projekten, die Schritt für Schritt umgesetzt werden sollen. Solche Konzepte und Dialogprozesse, wie es die Sozialforscher nennen, sehen manche Bürger wie Günter Arkleb skeptisch. "All die Anregungen und Pläne sind ja gut und schön", sagt er. "Aber ob sie wirklich den Fortbestand unserer kleinen Welt sichern können, muss man erst mal abwarten." Der 75-jährige hat den typischen Lebenslauf vieler Siedler hinter sich: 1941 in Breslau geboren, kam er als Bub mit seinen Eltern nach Bobingen, wo der Vater bei Hoechst arbeitete. Auch Arkleb selbst war vier Jahrzehnte lang zunächst Weber, dann Färber bei Hoechst und ist Mitglied im Siedlerverein; seine Tochter ist in Wehringen verheiratet.

Junge Leute kommen kaum nach. Zu den Geschäften, die es in der Siedlung noch gibt, gehört auch die traditionsreiche Bäckerei Hornik. Schon seit 1958 versorgt sie die Bewohner mit Semmeln, Kuchen und der berühmten Roy Black-Gedächtnistorte. "Wenn ältere Leute ins Heim gehen oder sterben, kommen kaum Junge nach", haben Andrea und Christian Hornik festgestellt; sie hoffen, dass ihr Stadtteil tatsächlich attraktiver wird, "denn wir können mitsamt unserer Backstube nicht einfach umziehen!"

"In der Siedlung kaufen auch die Bürger aus Straßberg gern ein", sagt Stadträtin Waltraut Wellenhofer. Zwischen den beiden Stadtteilen oben und unten gebe es enge Verbindungen, "weil viele Leute miteinander versippt und verwandt sind!" Wie ihre Kollegen im Ratsgremium macht auch sie sich Gedanken über die Zukunft des Stadtteils, der schließlich auch einiges zu bieten habe: Spielplatz und Sportverein, gepflegte Gärten und viel Grün, hohen Freizeitwert und die Nähe zu Augsburg.

"Es ist für alle wichtig, dass die Stadt jetzt eine Entwicklung anschiebt", so Wellenhofer. Sie erinnert daran, dass Straßberg durch ein kleines Baugebiet einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht habe - "eine solche Bewegung wäre in der Siedlung auch notwendig".

Sie kann kommendes Jahr ihr 80-jähriges Bestehen feiern. "Anfangs war es hier ein wenig wie im wilden Westen", schildert Wolfgang Stingl, "alles wurde mit geringsten Mitteln aus dem Nichts geschaffen." "Siedlervater" Adolf Kämpf , der ehemalige Werksleiter der IG-Farben, schreibt in seinen Lebenserinnerungen 1955: "Neben dem Technischen wurde mir in Bobingen eine schöne soziale Aufgabe übertragen: Ich durfte jenseits der Wertach beim Dörflein Straßberg, 1937 eine Arbeiter- und Angestelltensiedlung bauen." Nach dem ersten Spatenstich am 6. Juni 1937 entstanden in wenigen Monaten zehn Wohnhäuser für 20 Familien mit 800 Quadratmetern Grund im Erbbaurecht für 60 Jahre. Am 1. Mai 1938 wurden die ersten zehn Doppel-Siedlungshäuser bezogen. (Alex Mertens )
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