Das Ende einer Freundschaft: Landrat tritt aus Deutsch-Türkischem Verein aus

Arif Diri. Foto: privat


Ein Mausklick hat die Freundschaft beendet: Per E-Mail kündigte Landrat Martin Sailer die Mitgliedschaft im Deutsch-Türkischen Freundschaftsverein. Kurz zuvor hatte Sailer einen Bericht in der "Schwabmünchner Allgemeinen" gelesen, in dem sich Arif Diri, der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins in Bobingen, zur Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geäußert hatte. Dass Diri allerdings auch kritisch über den türkischen Präsidenten spricht, übergeht Sailer rigoros.

In seiner E-Mail vom vergangenen Mittwoch schreibt Sailer, dass er mit "großer Verwunderung ja Bestürzung" den Artikel zur Kenntnis genommen habe. "Darin unterstützt Du vorbehaltslos den Kurs des türkischen Präsidenten Erdogan, insbesondere was die derzeit laufende Verhaftungswelle betrifft." Sailer wirft dem Vereinsvorsitzenden Diri vor, kein Wort zur Einschränkung der Presse- und Medienfreiheit gesagt zu haben - oder zur Überlegung, die Todesstrafe wieder einzuführen. "Leider hast Du Dich als Vorsitzender eines Vereins, der sich eigentlich für Toleranz, Menschenrechte, auch das Recht zum Schutz von Minderheiten einsetzt, genau zum Gegenteil bekannt. Das enttäuscht mich umso mehr, als gerade Du doch persönlich als Angehöriger einer Minderheit hier in Deutschland genau von dem Schutz profitiert hast, den Tausende in der Türkei nun nicht mehr haben", schreibt Sailer.

Wer den Zeitungsartikel gelesen hat, weiß, dass Diri kein bedingungsloser Erdogan-Fan ist. Zwar lobt Diri in dem Beitrag den türkischen Präsidenten, der die Türkei in den vergangenen Jahren in rasanter Geschwindigkeit modernisiert habe - ebenso Erdogans Vorgehen gegen mutmaßlich Andersdenkende als nötige Maßnahme, um die Ruhe in der Türkei herzustellen. Doch heißt es auch in einem Zitat: "Andererseits blicken viele Deutsche und Türken - auch ich persönlich - mit großer Sorge in die Türkei: Sie haben Angst, dass sich dieses wichtige Land von Europa abwendet. Sie fürchten um die Freiheit in der Türkei - um die Freiheit von Journalisten und Richtern, aber auch um die Freiheit jedes einzelnen Menschen, seine Meinung offen sagen zu können. Sie sehen mit Bestürzung, dass über die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert wird." War alles nur ein Missverständnis?

"Ja, der Landrat hat mich falsch verstanden", sagt Diri. "Ich habe betont, dass ich Erdogans Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre in der Türkei begrüße beziehungsweise schätze. Er kämpft dafür, die Türkei in die EU reinzubringen, er tritt für die Visumsfreiheit ein. Ein Fanatiker an seiner Stelle würde sein Land niemals nach Europa hineinbringen wollen. Ansonsten bin ich kein Freund von Erdogans Politikstil. Selbstverständlich unterstütze ich in keiner Form die willkürliche Verhaftungen." Er selbst könne sich noch gut an den Putsch vor 30 Jahren erinnern. "Ich musste miterleben, dass Freunde auf Freunde schossen und absolute Anarchie herrschte. In diesem Zusammenhang fürchte ich selbstverständlich auch Auswirkungen auf die verschiedenen Organe im Staat. Demokratie muss an erster Stelle stehen."

Sailers Reaktion findet Diri darum "absolut überzogen". "Von einem souveränen Landrat in einem Land, wo die Meinungsfreiheit so groß geschrieben wird, hätte ich erwartet, dass er sich einer offenen Diskussion stellt oder sich zumindest mit mir vorher ausgetauscht hätte." Dennoch, Arif Diri setzt auf Versöhnung. Noch am Mittwoch schickte er Sailer eine Antwort mit der Bitte, seine Entscheidung nochmals zu überdenken.

Sailer bleibt dabei. "Da fehlt mir die differenzierte Abgrenzung." Diri hätte zu diesen Thema ganz klar Position beziehen müssen. "Da genügt es mir nicht, wenn er in einem Nebensatz sagt, dass er um die Freiheit von Journalisten und Richtern fürchtet", erklärt Sailer. Auch sei Diri in seiner Antwort nicht auf Sailers Vorwürfe eingegangen. "Es kam nur eine allgemeine E-Mail." (Natascha Höck )
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