Angesehen, entrechtet, ermordet

Die Alte Synagoge in Binswangen: Heute dient sie als Begegnungsstätte. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Den „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ nutzen die Gemeinden Binswangen und Buttenwiesen, um auf ihre langjährige Vergangenheit jüdischer Mitbürger, aber auch auf die zahlreichen Einrichtungen der damaligen jüdischen Gemeinschaft aufmerksam zu machen. Heuer findet die Erinnerung dazu am Sonntag, 4. September, statt.

Der Förderkreis Synagoge Binswangen hat dazu ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt. Von 14 bis 16.30 Uhr steht der jüdische Friedhof am Judenberg in Wertingen zur Besichtigung offen. Im gleichen Zeitraum ist auch die Synagoge in Binswangen geöffnet.
Um 15 Uhr kommt dort der Film „Die Schul‘ bewahren …“ zur Aufführung. Der Streifen ist eine Dokumentation über die Geschichte der Juden in Binswangen und Schwaben sowie über die örtliche Synagoge. Um 17 Uhr steht eine literarische Stunde mit Texten jüdischer Schriftsteller an. Die Veranstaltung wird musikalisch umrahmt.
In Binswangen bestand eine jüdische Gemeinde bis um 1940. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Einwohner auf fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung an.
Damals betrieben die meisten Binswanger Juden vor allem Hausierhandel mit Ellenwaren, Leder, Häuten, optischen Waren und Wolle, aber auch Viehhandel. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und Abwanderung zurück. 1933 lebten noch 36 jüdische Personen am Ort. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet und völlig verwüstet, in jüdischen Läden und Wohnungen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. 1942 wurden die letzten sieben Juden deportiert.

Plünderndes Rollkommando

Die Gemeinde Buttenwiesen lädt am „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ von 14 bis 15.30 Uhr zu einem Rundgang durch die jüdische Kommune vor Ort ein. Er wird von Gemeindearchivar Dr. Johannes Mordstein durchgeführt. „Wie kaum ein anderer Ort wird Buttenwiesen bis zum heutigen Tag von der jüdischen Geschichte geprägt“, betont er. Davon legen Synagoge, Friedhof, Ritualbad, jüdisches Wohnviertel und Schule Zeugnis ab. Die Teilnahme am Rundgang ist kostenlos. Treffpunkt ist beim Rathaus am Marktplatz 4.Auch in Buttenwiesen prägten die Juden mehr als 350 Jahre die Geschichte ihres Heimatorts. Der Bau der Lokalbahnstrecke Wertingen - Mertingen wurde 1905 durch das Engagement einiger jüdischer Kaufleute aus Buttenwiesen ermöglicht. Ebenso waren es Juden, die 1900 den Bau der ersten Wasserleitung veranlassten. 1938 plünderte ein SA-Rollkommando aus Augsburg die Buttenwiesener Synagoge. 1991 wurde ein Gedenkstein für die ermordeten und zwangsverschleppten Juden eingeweiht. (spr)
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