Sterben im Stellungskrieg

Siegfried Müller (Zweiter von links) und Anna-Elisabeth Klein präsentieren Bürgermeister Norbert Beutmüller (links) und Kulturreferenten Manfred Hartl (Zweiter von rechts) Leihgaben für die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg im Buttenwiesener Rathaus. Rechts im Bild: Gemeindearchivar Dr. Johannes Mordstein. Foto: privat
 
Die Zeichnung von Heinz Klein, der mit 23 Jahren in den Krieg zog, zeigt einen erschöpften und zugleich verzweifelten Frontkämpfer. Foto: privat

Es begann mit einem heimtückischen Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo. Kurz darauf froren die diplomatischen Beziehungen zwischen den mächtigsten Staaten Europas ein. Schlagworte wie Vergeltungsschlag und Bündnistreue kursierten. Anfang August 1914 marschierten deutsche Truppen in Luxemburg und Belgien ein. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Eine kleine Ausstellung - organisiert von Gemeindearchivar Dr. Johannes Mordstein - im Foyer des Rathauses Buttenwiesen erinnert an das traurige Schicksal der beteiligten Soldaten.

Es sind Leihgaben aus Wortelstetten, die an die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts aufmerksam machen. Es sind persönliche Dinge, klein und intim, die die gewaltige Katastrophe weder verherrlichen noch beschönigen. Im Gegenteil: Alles spielt sich im Kopf ab, in Gedanken. Und gerade letztere sind es, die Gewalt, Tod und Vertreibungen heraufbeschwören, aber auch Nationalstolz, Loyalität zum Vaterland und Kaisertreue.
Die präsentierten Erinnerungsstücke stammen beispielsweise von Heinz Klein, der von 1891 bis 1986 lebte. Sie wurden von Anna-Elisabeth Klein zur Verfügung gestellt. Ihr Schwiegervater war, als er damals in den Krieg ziehen musste, ein empfindsamer und zugleich kunstsinniger Mann. 23 Jahre alt, oder besser: jung. Der Krieg war für ihn eine einschneidende, nicht gesuchte und schon gar nicht gewollte Erfahrung.

Verlorene Generation

Er gehörte zu jener jungen und auch verlorenen Generation, die nicht ahnte, dass sie sich schon bald in einer weltweiten Katastrophe fürchterlichen Ausmaßes befinden wird, gezeichnet von ungeheuerlichen Verlusten, von erbarmungslosen und sinnlosen Stellungsgefechten, von Giftgas als Waffe, von zermürbendem Grabenkrieg und ohrenbetäubendem Granatenbeschuss. Hinzu kamen Kälte, Regen, Schlamm und Fraß, Gehorsam, Zucht und Ordnung.
Heinz Klein verarbeitete sein Erlebtes in lyrischen Zeilen und Zeichnungen. Aus ihnen springt Angst, Unverständnis und Verzweiflung. Einer seiner Skizzen zeigt einen erschöpften Soldaten, dem eindringlich die Hoffnungslosigkeit des Frontkämpfers ins Gesicht geprägt ist. Der Betrachter sieht in ihm ein Opfer des Nationalismus und der profitierenden Rüstungsindustrie. Verheizt beim Kampfeinsatz an der Front, Kanonenfutter der Mächtigen.
In Kleins Gedicht „Vogesennacht“, das er 1919, ein Jahr nach dem mörderischen Krieg, zu Papier gebracht hatte, schrieb er: „Nacht ist’s / Der Himmel hängt / In tausend Tränen / Im dunklen Tann. / Nur dann und wann / Ein Lichterrunkeln, / Wie wenn im Dunkeln / Ein Friedensgeistersehnen / Durch das Geäst sich zwängt. // Nasskalt und schwer / In bangen Träumen / Steht hier der Wald. / Kein Laut erschallt, / Nur Windeswehen / Gibt zu verstehen / Hier in den Bäumen / Was Friede war. / Noch ist es Nacht.“

Hoher Blutzoll

Heinz Klein überlebte den kriegerischen Wahnsinn. Die Familie von Siegfried Müller musste dagegen einen schrecklichen und noch dazu sehr hohen Blutzoll zahlen. Das Fotoalbum seiner Familie besitzt er in dritter Genration. Die Bilder lassen den Ersten Weltkrieg auch heute, 100 Jahre danach, nicht vergessen. Kein Wunder: Von den sechs Söhnen seines Urgroßvaters wurden fünf zum Kriegsdienst eingezogen.
Die Brüder Xaver und Johann Müller starben auf den Schlachtfeldern. Die amtlichen Stellen sprachen damals vom „heldenhaften Tod“ auf dem „Feld der Ehre“. Längst weiß man: nur patriotische Floskeln.
Georg kam von der Front zurück. Durch Giftgaseinwirkung erlitt er aber schwere Kopfverletzungen und Lähmungen. Seine Schmerzen waren so unerträglich, dass er - so erinnerten sich Nachbarn - „Tag und Nacht“ geschrien habe. 1923 wurde er vom Tod erlöst. Nur Michael und Josef Müller - nach zwei Verwundungen - kehrten nach Wortelstetten zurück.

Zum Frieden mahnen

Bürgermeister Norbert Beutmüller bringt es auf den Punkt: „Es braucht nur wenige Ausstellungsstücke, um den Schrecken des Krieges zu veranschaulichen.“ Stücke, die daran erinnern, dass von 1914 bis 1918 die Welt im Chaos versank, rund 17 Millionen Soldaten und Zivilisten starben und große Teile Europas zerstört wurden. Stücke allerdings auch, die uns an den Frieden mahnen.
Die Rathaus-Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8 bis12 Uhr sowie zusätzlich Donnerstag 14 bis18 Uhr.

Von Siegfried P. Rupprecht
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