Das Original vom Birkethof bei Grimoldsried

Der Grimoldsrieder Kalligraf Emil Kugelmann gestaltete Urkunden und Haussegen von atemberaubender Schönheit. Er hätte nun seinen 100. Geburtstag. Foto: Walter Kleber


Es wäre sicher wieder ein großes Fest geworden auf dem kleinen Einödhof im Schweinbachtal südlich von Grimoldsried. Wie zuvor schon beim 80. und beim 90. Geburtstag des Hausherrn, als sich unzählige Gratulanten die Klinke in die Hand gaben. Am 3. November könnte Emil Kugelmann, der einfache und bescheidene Landwirt mit den vielfältigen Talenten und seiner lebenslangen Begeisterung für die schönen Künste, seinen 100. Geburtstag feiern. Am 1. Februar 2009 ist der weit über sein Heimatdorf hinaus bekannte Kalligraf und Krippenbauer 92-jährig gestorben. Mit seiner Tuschefeder hat er ein Denkmal auf Papier hinterlassen. Die Erinnerung an den Staudenkünstler ist noch allgegenwärtig. Seine kunstvoll geschriebenen Haussegen und Urkunden, seine Glückwunschkarten und seine unzähligen Einträge in den Goldenen Büchern vieler Städte und Gemeinden im Umkreis sind bleibende Erinnerungen an das Original vom Birkethof.

Arzt oder Pfarrer wollte er in jungen Jahren gerne werden. Doch nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs kam alles ganz anders: Emil Kugelmann übernahm zu Hause in Grimoldsried die elterliche Landwirtschaft, blieb aber zeitlebens den schöngeistigen Dingen eng verbunden.

Dem einfachen Landwirt war es nie genug, nur die tägliche Arbeit im Stall und auf dem Feld zu verrichten und das kleine "Bauernsach" umzutreiben. Zeit seines Lebens beschäftigt sich Emil Kugelmann mit anspruchsvollen Hobbys, die einen Blick zulassen über den Tellerrand und über die heimische Scholle hinaus. Wenn es schon im Hauptberuf nicht so geklappt hat wie gewünscht, wenn das Schicksal die Lebenslinien in andere Bahnen gelenkt hat, dann sollte es wenigstens nach Feierabend und in der knapp bemessenen Freizeit noch etwas anderes sein als Ackerbau und Viehzucht. An Talenten dazu hat es Emil Kugelmann nie gemangelt.

Ob Kunst- und Kirchengeschichte, Heimat- und Volkskunde, der Krippenbau und die Kalligrafie: Emil Kugelmann erwies sich als beschlagener, kompetenter Kenner der Materie, bewandert und belesen. Bekannt geworden im ganzen Landkreis und weit darüber hinaus ist der Mann mit dem ver-schmitzten Lächeln in zweierlei Hinsicht. Zum einen durch seinen kunstfertigen Umgang mit Feder und Tusche. Von weither kamen die "Kunden" - Vereinsvorstände, Bürgermeister und Pfarrer ebenso wie viele Privatpersonen - auf den abgelegenen Bauernhof im Schweinbachtal, um beim Emil, wie er schlicht genannt wurde, Urkunden und Haussegen, Chroniken, Wandsprüche und Stammbäume in Auftrag zu geben. Jedes der mit geschwungenen Lettern ebenso kunst- wie liebevoll gefertigten Schrifstücke war ein Unikat. In der französischen Kriegsgefangenschaft hatte sich Kugelmann diese Fertigkeit angeeignet.

Einem großen Publikum bekannt geworden war Kugelmann auch durch seine insgesamt sechs Krippenausstellungen, die er in den 1980er Jahren in der ehemaligen Grimoldsrieder Schule gezeigt hat. Tausende von Besuchern fanden jeweils den Weg in das kleine Staudendörflein und erfreuten sich an den in eine detailgetreue Landschaft eingebetteten kleinen Kunstwerken, die er von Krippenfreunden aus ganz Mittelschwaben zusammen getragen hatte.

44 Jahre lang, von 1947 bis 1991, versah Emil Kugelmann gewissenhaft das Amt des Mesners in der Grimoldsrieder Pfarrkirche St. Stephanus. Insgesamt sechs Pfarrern hat er in dieser langen Zeit ins Messgewand geholfen. Weithin bekannt war der üppige Blumenschmuck, mit dem er das Gotteshaus zu allen bedeutenden Festtagen feierlich herausgeputzt hat. Hier zeigte sich noch eine weitere Leidenschaft, die ihn zeitlebens fest im Griff hatte: das Garteln und Blumenzüchten. Wenn Kugelmann nicht in seiner Schreibstube am Werk war, dann war er in seinem weitläufigen Garten anzutreffen, wo die Arbeit nie ausging.

Nach dem Tod seiner Gattin Thekla lebte er unter der Woche allein auf dem abgelegenen Hof. Obwohl durch ein schmerzhaftes Hüft- und Knieleiden gehandicapt, versorgte er Haus und Garten bis kurz vor seinem Tod noch weitgehend in Eigenregie.

Von Walter Kleber
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