Ehefrau zerstückelt: Die Lebensbeichte des Horst K.

Ungebrochen groß ist das Zuschauerinteresse am Mordprozess gegen Horst K. Viele Besucher kannten das Paar, das in Friedberg lebte, persönlich. Foto: Monika Grunert Glas


Was geht in einem Menschen vor, der seine Frau nach zehn Jahren Ehe mit einem Hammer erschlägt und anschließend in acht Teile zerlegt? Ist so ein Mensch "normal"? Oder hat er eine so massive Persönlichkeitsstörung, dass er womöglich nur eingeschränkt oder komplett schuldunfähig ist? Diese Fragen beantwortete am Donnerstag Dr. Richard Gruber im Mordprozess gegen Horst K. Der Arzt für forensische Psychiatrie ist sich sicher: Der 53-Jährige ist voll für die Tat verantwortlich zu machen. Und: Er ist überdurchschnittlich intelligent, kommt auf einen IQ von 133.

Im März 2015 feierte das Paar den zehnten Hochzeitstag. Grace K. neigte zwar dazu, ihn mit Schweigen zu strafen, wenn es zu Missstimmungen mit ihrem "Honeyko" kam, doch letztendlich verzieh sie ihm immer wieder größere und kleinere Verfehlungen. Zweimal flüchtete er, als er sich in der Arbeit überlastet und von ihrem Kinderwunsch bedrängt fühlte, zum Sexurlaub nach Thailand. 2007 und 2013 vergab im Grace diese Ausrutscher, obwohl sie 2013 zur Beerdigung ihrer Mutter auf den Philippinen weilte, während er sich in Pattaya ein billiges Zimmer über einer Bar genommen hatte.

Dass er unfruchtbar war, verschwieg er ihr

"Mir ist heute selbst nicht mehr klar, wie ich ihr das antun konnte", sagte der Angeklagte vor Gericht. Und noch etwas kam jetzt auf: Der Kinderwunsch seiner Frau bedrückte ihn, der bereits einen Sohn und eine Tochter aus seinen beiden ersten Ehen hatte, ganz besonders deshalb, weil er wusste, er würde ihn niemals erfüllen können. Er hatte, nachdem seine zweite Frau 1998 eine Fehlgeburt erlitten hatte und keine weiteren Kinder mehr wollte, eine Vasektomie vornehmen lassen. Dass er unfruchtbar war, verschwieg er Grace fast bis zuletzt. "Auch nachdem sie es wusste, sprach sie von ihrem Kinderwunsch. Wir dachten an Adoption, doch ich hatte Zweifel, ob ich in meinem Alter dafür noch in Frage käme."

Lange Jahre, legte Gutachter Gruber dar, verlief das Leben des Angeklagten unauffällig. Er machte einen guten Realschulabschluss, durchlief problemlos eine Ausbildung zum Chemielaboranten, absolvierte den Wehrdienst in Lagerlechfeld und arbeitete 21 Jahre lang bei der gleichen Firma. Seine erste Frau, sie war auch seine erste richtige Partnerin, wie Horst K. berichtete, habe er 1987 über eine Heiratsagentur kennengelernt. Jelena stammte aus Russland. Gerade mal 24 Jahre alt, heiratete er sie nach nur zehn Monaten Beziehung. "Mein Verdienst war jedoch nicht ausreichend für die Ansprüche meiner Frau", berichtete er von ersten Wolken am Ehehimmel. Deshalb sei Jelena dann arbeiten gegangen, was dazu geführt habe, dass sie ihn seltener sah und ihm eine Affäre mit der Sekretärin unterstellte: "Dabei war die gar nicht mein Fall." Jelena verließ ihn, kehrte zurück, wurde schwanger, gebar 1993 einen Sohn: "Ihre grundlose Eifersucht wurde jedoch immer schlimmer." 1995 reichte Horst K. die Scheidung ein, kaum war diese durch, heiratete er erneut. Carmen hatte er über eine Zeitungsannonce gefunden. Im Oktober 1996 kam seine Tochter zur Welt.

Seine zweite Frau misshandelte den Sohn

Die Ehe habe von Anfang an nicht gut funktioniert, sagt er, denn seine Frau habe zu einer obskuren Sekte gehört und später seinen Sohn aus erster Ehe, der bei ihnen lebte, misshandelt. Als er dazu kam, wie sie den Jungen mit einem Gürtel verprügelte, war nach acht Jahren auch diese Ehe vorbei - zumal er übers Internet bereits Grace kennengelernt hatte.

Etwa zur Jahrtausendwende hatte seine unstete Phase begonnen. Ab da bis zu seiner Festnahme hatte er, der inzwischen als IT-Fachmann einen guten Leumund hatte, zehnmal den Arbeitgeber gewechselt. Mal fühlte er sich vom Vorgesetzten gemobbt, mal ging die Firma pleite. Auch zahlreiche Wohnsitzwechsel prägten diese Jahre. Er habe, als er im Februar 2004 auf die Philippinen flog, um Grace zu treffen, eigentlich gedacht, er säße im Flieger zu seiner letzten Reise. Doch dann habe er Grace gesehen und neuen Mut geschöpft. Wie ein rettender Engel war sie ihm erschienen. Im Februar 2005 wurde seine Scheidung rechtskräftig, im März 2005 gab er Grace auf den Philippinen das Ja-Wort. Ein halbes Jahr später zog sie zu ihm nach Friedberg.

Was er seiner dritten Frau von Anfang an verschwieg, waren neben der Unfruchtbarkeit die immensen Schulden, die er nach zwei Ehen angehäuft hatte. Eines Tages aber klingelte der Gerichtsvollzieher. Und wie sollte es anders sein: Grace verzieh ihm. Sie fand einen Job, gemeinsam bekamen sie die Finanzen in den Griff. Er meldete Privatinsolvenz an und durfte seine Arbeitsstelle behalten, weil man ihn als fähigen Mitarbeiter schätzte.

Etwa 2007/2008 kam er über Grace zu den Zeugen Jehovas. Anfangs habe er Horrorvorstellungen gehabt, dann aber festgestellt, dass man dort "wirklich nette Menschen" treffe. Sein Sohn allerdings wandte sich von ihm ab, zog zu den Großeltern, als er davon erfuhr, dass sein Vater zu dieser Glaubensgemeinschaft gehören wollte. Horst K. hat keinen Kontakt mehr zu ihm - und auch nicht zu seiner Tochter. Diese habe er vor mehr als zehn Jahren zuletzt gesehen, berichtete er.

Die ganze Lebensbeichte, ergänzt durch das Gutachten des Psychiaters, legte der Angeklagte ruhig und scheinbar emotionslos ab. Er erfahre den Aufenthalt im Gefängnis als entlastend, sagte Gruber. Er bescheinigte dem 53-Jährigen, die Tendenz zu haben, durchweg eher verstimmt zu reagieren und Schuldzuweisungen vorzunehmen, insgesamt emotional instabil, aber durchaus zur Empathie fähig zu sein. Bei der Tat habe Horst K. seine Emotionen ausgeschaltet, seine Vorstellungen konsequent und zielgerichtet umgesetzt und zuvor zu recherchieren versucht, wie er es für seine Frau möglichst schmerzfrei hinbekommen könne.

Er habe eine narzisstische Persönlichkeit, ein teils ambivalentes Selbstbild. Er nehme sich manchmal als passiv leidenden, überforderten, den Entwicklungen ausgesetzten Menschen wahr. Diesem Selbstwert-Defizit stünde ein gehobenes Selbstbewusstsein gegenüber, was seine Fähigkeiten anbelange. Ein Intelligenztest ergab im Durchschnitt einen Wert von 127, im sprachlichen Bereich sogar deutlich mehr, bis zu 133. Eine psychische Erkrankung lasse sich ausschließen. Die von Horst K. behauptete Konstellation, er habe sich durch den Mord selbst in Zugzwang hinsichtlich eines Suizids bringen wollen, hält Richard Gruber für "durchaus denkbar". Letztlich sei Suizidalität eine gegen sich selbst gerichtete Aggression, die kippen könne. Dass Horst K. sage, er habe Angst gehabt, seine Frau werde ihn verlassen, stelle keinen Widerspruch zu deren Tötung dar: "Ich töte sie, also behalte ich die Initiative, sie kann mich dann nicht mehr verlassen", erklärte der Arzt.

Am Dienstag werden die Plädoyers gehalten. Es ist davon auszugehen, dass Staatsanwalt Matthias Neumann dann wegen besonderer Schwere der Schuld die Höchststrafe fordert. Das Urteil will der Vorsitzende der achten Strafkammer, Richter Christoph Wiesner, am 18. November sprechen. ( Monika Grunert Glas )
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