Ein tödlicher Fehler

Richter Walter Hell verurteilte einen Lkw-Fahrer wegen fahrlässiger Tötung. Foto: justizia_© tom_u 123rf.de

Nach Überzeugung des Aichacher Amtsgerichts hat ein heute 65-Jähriger vor knapp einem Jahr einen Fehler gemacht. Einen Fehler, der vorkommt. „Es fährt jeder fehlerhaft“, unterstrich Richter Walter Hell. Doch in diesem Fall war es ein tödlicher Fehler. Nach einer ausführlichen Beweisaufnahme war Hell überzeugt, dass der Lkw-Fahrer vor dem verhängnisvollen Spurwechsel auf der A 8 nicht ausreichend auf den hinter ihm fahrenden Verkehr geachtet hatte. Daraufhin raste ein silberner VW in sein Heck. Dessen Fahrer starb wenige Tage nach dem Unfall an den Folgen seiner Verletzungen.

Der tragische Unfall ereignete sich im Dezember 2014 auf der A 8 bei Dasing in Fahrtrichtung Stuttgart. Zunächst wurde ein schwarzer Wagen von einem anderen Fahrzeug touchiert, daraufhin über die Fahrbahn geschleudert und kam auf der mittleren Spur quer zum Stehen. Der 31 Jahre alte Fahrer und seine Beifahrerin brachten sich in Sicherheit. „Ich bin nochmal zurück, und hab versucht das Auto wegzubekommen. Aber es ging nicht. Wir hatten total Glück, dass so wenig los war“, erinnerte sich der Zeuge.

Diesen Unfall bemerkte der angeklagte Lkw-Fahrer knapp hinter der Kuppe. Er und drei vor ihm fahrende Autos seien daraufhin auf die linke Spur gefahren, um den Unfall zu umgehen. „Als der erste über die Autoteile gefahren ist, musste ich auch stark bremsen“, erklärte der 65-jährige Augsburger, der seit Juni im Ruhestand ist. Rechts wäre er nicht vorbeigekommen, so sein Eindruck. Den silbernen Wagen, der anschließend in sein Heck raste, habe er erst wahrgenommen, als es einen Schlag getan habe. „Im Führerhaus hat es alles durcheinandergewirbelt.“ Natürlich habe er vorher in den Rückspiegel geschaut, und auch geblinkt. „Hinter mir war kein Fahrzeug“, so der Lkw-Fahrer.

Anders sah das der Sachverständige. Zwar könne er anhand der vorliegenden Daten nicht sagen, wann der Spurwechsel erfolgte. Lege man aber die Aussage des Angeklagten zugrunde, der angegeben hatte, mit etwa 60 Stundenkilometern die Spur gewechselt zu haben, sei der silberne Wagen nach seinen Berechnungen zu sehen gewesen – auch wenn man annimmt, dass er mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs war. Wäre der Lkw auf der rechten Spur geblieben, hätte er noch bremsen können. Noch im Gerichtssaal bat Anwalt Udo Russler den Gutachter, den Spurwechsel früher anzunehmen. Der berechnete neu und kam zu dem Schluss, dass der silberne Wagen dann für den Lkw-Fahrer „möglicherweise nicht zu sehen war“.

Insgesamt acht Zeugen vernahm Richter Hell. Zu Entfernungen und Geschwindigkeiten konnten sie allerdings nur wenig Angaben machen. Die meisten waren in dieser Nacht mit sich selbst beschäftigt, manche standen unter Schock, kümmerten sich um Verletzte, oder versuchten, nicht selbst in die Unfallstelle zu krachen. Nur ein Zeuge, der hinter dem Lkw unterwegs war, konnte das Geschehen einigermaßen beobachten. Er sei mit etwa 150 Stundenkilometern unterwegs gewesen und kurz nach der Kuppe von dem silbernen Wagen links überholt worden. Fast zeitgleich zog der Lkw von rechts über drei Fahrspuren nach links. Als der silberne Wagen in den Sattelzug krachte, sei das Führerhaus bereits links gewesen, der Rest am Nachziehen, so der Zeuge.

Während Verteidiger Russler für einen Freispruch plädierte – „es gibt vernünftige Zweifel“ an der Version der Anklage –, waren sich Staatsanwalt Markus Eberhard und Richter Hell einig, dass der Lkw-Fahrer, den heranrauschenden Wagen hätte sehen können. „Damit ist ihr Verhalten nicht ganz korrekt. Es bleibt eine Fahrlässigkeit“, so der Staatsanwalt.

Hell verurteilte den 65-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 25 Euro, also 2250 Euro. „Sie waren schon relativ nah am ersten Unfall, als Sie die Spur wechseln. Hätten Sie genau geschaut – was viel verlangt ist –, hätten sie das Auto sehen können“, so Hell.

Verena Heißerer
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