Exhibitionist in Aichach vor Gericht: "Sex und Gehirn sind bei mir nicht okay"

Der Angeklagte habe im Sommer immer einen Drang zum "Wildbieseln" verspürt. (Foto: justizia_© tom_u 123rf.de.jpg)

Fast könnte er einem leid tun, der alte Mann, der sichtlich beschämt auf der Anklagebank sitzt und sich vor Amtsgerichtsdirektor Walter Hell als Exhibitionist zu verantworten hat. Immer im Sommer, wenn er sich mit seiner Frau auf einem Campingplatz im Wittelsbacher Land aufhielt, verspürte er einen verhängnisvollen Drang zum „Wildbieseln“, wie er zugab. Und bei diesen Gelegenheiten spielte er an seinem Geschlechtsteil herum – was nicht unbemerkt blieb.

Bereits 2014 bekam der Rentner einen Strafbefehl, weil er im Juni zweimal im Abstand von zwei Wochen erwischt worden war, wie er sich an einem Baggersee unsittlich zeigte. Einmal hatte er eine Frau angesprochen, sodann seine Hose heruntergelassen und onaniert, das andere Mal lief er, als eine Frau in der Nähe war, vor einer Hütte auf und ab und manipulierte an sich. Mehrere Tausend Euro Strafe musste er dafür zahlen, und seine Frau, mit der er bald goldene Hochzeit feiern möchte, las ihm gehörig die Leviten. Sie drohte sogar mit Scheidung, würde er das „Wildpinkeln“ nicht ein für alle Mal lassen.
Doch im Sommer 2015 überkam ihn der Drang erneut. Während seine Frau im Wohnwagen das Mittagessen zubereitete, setzte er sich auf sein Fahrrad und fuhr zu einer nahe gelegenen Gaststätte am See. „Dort ist ein Busch, da habe ich schon öfter rangebieselt“, sagte der Augsburger. Anschließend trat er mit offener Hose auf die Terrasse und onanierte, während an der Bar zwei Frauen standen und ihn dabei beobachteten. Der Wirt knöpfte ihn sich vor, und als er die Geschichte des alten Mannes erfuhr, sah er zunächst von einer Anzeige ab.
Der Rentner berichtete Walter Hell, er sei als Zwölfjähriger von seinem Onkel, der ihm Musikunterricht gab, missbraucht worden. Zudem habe er vor ein paar Jahren eine schwere Kopfverletzung erlitten. Er befinde sich in neurologischer Behandlung, der Arzt habe ihm geraten, nicht mehr so oft an den Missbrauch zu denken. Doch ihm ist klar: „Sex und Gehirn sind bei mir nicht okay.“ Als ihn jetzt die Anklageschrift erreichte, rief er Richter Hell an und bat ihn, die Zeugen abzuladen. Zu peinlich sei ihm das alles, und er gebe es ja eh zu.
Nach dem Geschehen auf der Terrasse im Jahr 2015 gehörte er nach wie vor zu den Stammgästen des Lokals. Allerdings hätten der Wirt und seine Frau wohl auch nicht gedacht, dass der Senior erneut auffällig werden würde. Doch in diesem August erleichterte er sich zunächst an einer Mülltonne hinter der Gaststätte und es kam zu einem weiteren Vorfall, bei dem ein Hund eine Rolle spielte. Daraufhin war es vorbei mit der Gutmütigkeit des Wirtspaares. Es erteilte dem Rentner Hausverbot und erstattete Anzeige.
Amtsgerichtsdirektor Walter Hell nahm sich viel Zeit für den Fall und bemühte sich, mit dem Angeklagten so zu sprechen, dass dieser ihn auch verstand. Er fragte, wie häufig derartiges denn passiere? Jede Woche, jeden Monat? Der Rentner gab zu, dass wohl die wenigsten Frauen Anzeige erstattet hatten, denn es komme oft zu solchen Taten, „wenn ich meinen Rappel habe“. Hell attestierte dem Mann zwar nicht, zwanghaft zu handeln, gestand ihm jedoch eine geringere Hemmschwelle und verminderte Schuldfähigkeit zu. Er empfahl ihm ernsthaft, ein Vorhängeschloss an seiner Hose anzubringen und den Schlüssel nicht mitzunehmen, wenn er eine Radltour unternehme. „Wieso gibt Ihnen Ihr Psychiater eigentlich nicht solche Tipps? Lieber bieseln Sie ja in die Hose!“
Walter Hell verurteilte den Mann gemäß dem Antrag von Staatsanwalt Christian Peikert zu einer sechsmonatigen Haftstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Zudem muss er 500 Euro Geldauflage an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen.
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alfred esser aus Theilenhofen | 11.11.2016 | 11:07  
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