Freispruch für Friedberger Ärztin

Eine angeklagte Friedberger Ärztin wurde freigesprochen. Ein Fehlverhalten der Frau sei nicht nachzuweisen. (Foto: justizia_© tom_u 123rf.de)


Nach rund dreieinhalbstündiger Verhandlung sprach Amtsgerichtsdirektor Walter Hell eine 31-jährige Ärztin des Friedberger Krankenhauses vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Es sei nicht nachzuweisen, dass ein Fehlverhalten ihrerseits im April 2013 zum Tod eines 68 Jahre alten Mannes geführt habe.

Hätte die junge Ärztin alle Untersuchungen und Maßnahmen, die sie vor Gericht erklärte, zum Wohle des Patienten vorgenommen zu haben, auch in dessen Akte dokumentiert, sie wäre niemals auf der Anklagebank gelandet. Davon ist Amtsgerichtsdirektor Walter Hell überzeugt.

Doch offensichtlich ist eine lückenlose Dokumentation zumindest damals in der viszeralchirurgischen Abteilung der Klinik nicht üblich gewesen. Eine Gutachterin erklärte, was in den Akten notiert werde, schwanke nicht nur von Klinik zu Klinik, sondern sogar von Station zu Station. Sie selbst jedoch sei "dazu erzogen", alles aufzuschreiben, weil ihr Chef auch als Gutachter tätig sei und deshalb wisse, wie wichtig das ist.

Die angeklagte Assistenzärztin jedenfalls berichtete, sie habe im April 2013 überhaupt erst von der Unfall- zur Bauchchirurgie gewechselt. Am 12. April war der 68-Jährige operiert worden. Es ging um die Rückverlegung eines künstlichen Darmausgangs, und die Operation verlief laut Gutachten komplikationslos. Tags darauf wurde der Patient durch den Oberarzt von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Zwar hatte er anschließend abends Temperatur und am 14. April Durchfall, doch das allein sei kein Grund zur Besorgnis gewesen. Er bekam ein Medikament dagegen. Am 14. April hatte die Angeklagte ohnehin frei. Als sie die Betreuung des 68-Jährigen am 15. April übernahm, so berichtete sie, habe sie den Bauch abgetastet und abgehört und Darmgeräusche festgestellt, die zu Durchfall passen. Der Patient habe nicht über Schmerzen geklagt. Die auffälligen Laborwerte, die auf ein akutes Nierenversagen sowie Probleme im Bauchraum hindeuteten, habe sie mit dem Oberarzt besprochen. Dieser habe keine Notwendigkeit für weitergehende Untersuchungen gesehen wie etwa Ultraschall, Röntgen oder gar eine Computertomographie. Der Oberarzt war als Zeuge geladen, konnte sich aber an den speziellen Fall nicht erinnern.

Dokumentiert wurden weder ihre Untersuchungen noch diese Rückfrage beim Chef. Das, so meinte die 31-Jährige, habe sie immer so gehandhabt. Sie blieb sogar länger im Dienst als vorgesehen, um gegen 17.20 Uhr die neuesten Laborwerte des Patienten auszuwerten. Weil ein Gerinnungsparameter erneut angestiegen war und nun einen Wert von 200 Prozent über dem kurz nach der Operation festgestellten erreicht hatte, fragte die Assistenzärztin auch diesmal bei einem Vorgesetzten nach. Bei welchem, daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Wieder machte sie keine Notiz.

Ansonsten ist ihr der Fall jedoch gut im Gedächtnis geblieben: "Es war mein erster Patient, der gestorben ist." Sie berichtete, wie die personelle Situation im Friedberger Krankenhaus aussieht. Demnach endet der Tagesstationsdienst um 15.50 Uhr. Der Arzt bespricht die Fälle, bevor er geht, mit dem Tagschicht-Arzt der Notaufnahme, der bis 20 Uhr dann allein zuständig ist für die 60 Betten der Unfall- sowie Viszeralchirurgie und die eintreffenden Notfälle - zehn bis 40 Pro Nacht. Ein Oberarzt hat stets Rufbereitschaft, befindet sich aber nicht im Krankenhaus.

"Sie jedenfalls haben während ihrer Dienstzeit keinen Fehler gemacht, ob das Krankenhaus einen gemacht hat, steht auf einem anderen Blatt."

Die Angeklagte erklärte, sie habe ihrer Kollegin damals den Fall des 68-Jährigen geschildert und "engmaschige Überwachung" angeordnet, worunter sie verstehe, dass alle zwei Stunden nach dem Mann hätte gesehen werden sollen. Die Kollegin der Notaufnahme konnte sich nicht an eine derartige Übergabe erinnern. Dokumentiert wurde auch sie nicht. Die Frau berichtete, der diensthabende Mediziner befinde sich stets in der Notaufnahme und werde bei Bedarf von den Schwestern auf die Stationen geholt.

Um 20 Uhr übernahm ein Arzt die Nachtschicht, auch er allein zuständig für alle drei Abteilungen mit einem Oberarzt in Rufbereitschaft. Zwischen 20 Uhr abends und dem nächsten Morgen begann der 68-Jährige zu erbrechen. Wann und wie oft, und ob der Arzt darüber überhaupt von den Schwestern informiert wurde, das steht nicht in den Akten. Morgens um 6.30 Uhr jedenfalls entdeckte man den Patienten tot in seinem Bett. Reanimationsversuche scheiterten. Die Angeklagte selbst kreuzte auf dem Totenschein "nicht natürliche Todesursache" an, so dass die Polizei eingeschaltet wurde. Die Obduktion ergab, dass der Mann exzessiv Erbrochenes eingeatmet hatte, weil sich aufgrund einer Darmlähmung Nahrung und Flüssigkeit in großer Menge gestaut hatte. Wie lange die Darmlähmung schon bestand, ist nicht feststellbar.

Staatsanwalt Hans-Peter Dischinger erklärte, nach Aktenlage sei man von einem schuldhaften Verhalten der Angeklagten ausgegangen, denn man habe angenommen, wo nichts dokumentiert sei, sei auch nichts unternommen worden. Die Verhandlung habe nun etwas anderes ergeben. Er glaube der jungen Ärztin, dass sie, weil unerfahren, Rücksprache mit dem Vorgesetzten gehalten habe. Es sei nicht zu widerlegen, dass sie den Patienten korrekt untersucht und nichts bemerkt habe, das auf größere Probleme deutete.

Eventuell habe der Spätdienst etwas versäumt. Er plädierte auf Freispruch. Verteidiger Johannes Daunderer fügte an, bei gewissen Arbeitsabläufen in Kliniken passierten häufig Fehler. Wann hier tödliche Fehler gemacht wurden, sei schwer zuordenbar.

Richter Walter Hell ermahnte die 31-Jährige, sie solle aus dem Verfahren mitnehmen, künftig immer alles sauber zu dokumentieren. Denn letztlich habe sie nun einfach "Glück gehabt, dass wir Ihnen geglaubt haben". Festzustellen bleibe, die Versorgung des Patienten sei nicht optimal gewesen: "Ich glaube nicht an einen schicksalshaften Verlauf", so Hell. Bei einer engmaschigen Überwachung hätte man das Erbrechen bemerkt und einschreiten können. "Sie jedenfalls haben während ihrer Dienstzeit keinen Fehler gemacht, ob das Krankenhaus einen gemacht hat, steht auf einem anderen Blatt." (Monika Grunert-Glas )
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