Friedberger zerstückelt Ehefrau: Mit dem Mord wollte sich Horst K. zum Suizid zwingen

Horst K. (Mitte) muss sich am Augsburger Landgericht wegen Mordes an seiner Ehefrau Grace verantworten. Sein Pflichtverteidiger ist Bernd Scharinger (Zweiter von rechts). Das Urteil wird für Mitte November erwartet. (Foto: Monika Grunert Glas)

„Mein Ehemann ist eine der größten Segnungen, die Gott mir zuteil werden ließ. Seine Liebe ist jeden Tag aufs Neue ein Geschenk.“ Das schrieb Grace K. am 28. Juli 2015. Vier Monate später erschlug sie ihr „Hubby“ im Schlaf mit einem zwei Kilogramm schweren Hammer. Am Dienstag begann in Augsburg der Mordprozess gegen den 53-jährigen Systembetreuer aus Friedberg.

Drei Schwestern des Mordopfers sind von den Philippinen angereist. Betreut werden sie von Nebenklageanwältin Mandana Maus. Für die drei Frauen, denen der Prozess übersetzt wird, sind die Details kaum zu ertragen. Immer wieder fließen Tränen, während Horst K. strukturiert und sachlich schildert, wie es dazu kam, dass er am 30. November 2015 zum Mörder wurde.

Er berichtet, sein Alltag sei „wüst und grau“ gewesen. Beruflich fühlte er sich überfordert. In der Ehe herrschte nach zehn Jahren Schweigen, Probleme wurden nicht mehr ausdiskutiert. Mehrfach war er in der Vergangenheit nach Thailand gereist, hatte seine Grace mit blutjungen Mädchen betrogen. Sie verzieh ihm, fand Trost in ihrem Glauben. Über sie war auch er zu den Zeugen Jehova gekommen. Gestern sagt er: „Ich bin jetzt sicher, dass es keinen Gott gibt und keinen Satan. Ich habe es bewiesen.“

Von Kindheit an habe er sich nach dem Tod gesehnt, sagt Horst K. Im Elternhaus habe es ihm an Liebe gefehlt, an Bestätigung. Nie habe er es geschafft, eine Frau anzusprechen, als er bei einem Unfall einen Zahnschaden erlitt, schon gar nicht mehr. Vor dem Zahnarzt habe er panische Angst. Seine Beziehungen nahmen alle ihren Anfang im Internet oder per Zeitungsannonce.

Mit seiner Ex-Frau hat er einen gemeinsamen Sohn. Von diesem halte er nicht viel. Mit ein Auslöser für den Mord, sagte er, sei eine Anzeige seiner Eltern und seines Sohnes gewesen wegen Verletzung der Unterhaltspflicht, die im Sommer erfolgte. Dabei sei der Sohn nur zu faul zum Arbeiten und werde das angestrebte Studium sowieso nicht schaffen. Als er wegen der Anzeige zur Polizei geladen worden sei, habe er in den Akten gelesen, was seine Eltern über ihn ausgesagt hatten. Das, verbunden mit seiner Panik, er könne an einer schlimmen Krankheit leiden, weil er dreimal pro Woche Kopfschmerzen und eine verstopfte Nase sowie Hautausschlag und Meniskusschmerzen hatte, habe ihn in seinem Plan bestätigt, er müsse Suizid begehen. Zudem leitete er aus unkonzentriertem Benehmen seiner Frau sowie gewissen finanziellen Aktivitäten – sie spekulierte mit Geldanlagen – ab, diese könne daran denken, ihn zu verlassen.

2013 war Horst K. schon einmal in einer schweren Krise. Damals beabsichtigte er, sich in Thailand das Leben zu nehmen. Er traf sich mit einer Frau, verbrachte „die zehn schönsten Tage meines Lebens.“ Dann stülpte er sich eine Plastiktüte über den Kopf, doch: „Meine Hände machten sich selbstständig.“ Nicht zuletzt seine Ehefrau Grace war es, die ihn damals aus dem psychischen Tief holte. „Ich dachte jetzt, noch einmal hält sie das nicht aus. Sie war so traurig.“ Er folgerte, wenn er sich das Leben nähme, ließe er sie verzweifelt zurück. Andererseits wusste er, er würde es unter diesen Bedingungen nicht so einfach schaffen, Suizid zu begehen. „Ich wollte mein Leben beenden und mich durch die Tötung meiner Frau unter Druck setzen.“

Bereits Anfang November, so fanden die Ermittler später heraus, holte er sich im Internet Informationen über die Tötung eines Menschen mit einem Hammer, die Zerteilung einer Leiche und wie sich Verwesungsgeruch vermeiden ließe. Er überlegte, erst Grace zu töten und dann nach Thailand zu fliegen, um noch einmal so schöne Tage wie 2013 zu verbringen – und dann dort zu sterben. Am 28. November kaufte er einen Hammer, einen sogenannten Fäustling.

Der 29. November, der erste Advent, verlief wie viele Sonntage des Ehepaars. Nach dem üblichen Treffen der Zeugen Jehova wurde Schweinebraten gegessen. Abends saß man mit einem Glas Wein vor dem Fernseher. „Ich wusste, in dieser Nacht muss ich sie töten“, sagt Horst K. Denn er hatte bereits ein Hotel in Thailand gebucht, für sich alleine, und dafür Geld abgehoben, und er befürchtete, am Montag werde Grace das bemerken. Wegen seiner Privatinsolvenz war ausgemacht, dass sie stets Bescheid bekam, wenn er ans Konto ging. Irgendwann begab man sich zu Bett, doch es war eine stürmische Nacht. Grace K. konnte nicht einschlafen. Mehrfach stand sie auf. Erst gegen 1 Uhr übermannte sie die Müdigkeit.

Mehrfach, so sagt der Angeklagte, habe er dann mit dem Hammer vor der Schlafenden gestanden, panisch über Alternativen nachgedacht. Ihm fiel nichts ein. Zwischen fünf und sechs Uhr früh schlug er zu. Er zog der Sterbenden eine Tüte über den Kopf und drückte ihr ein Kissen aufs Gesicht. Er hielt ihre Hand, bis er sicher war, dass sie nun tot sei. Als Horst K. an dieser Stelle seiner bis dahin emotionslosen Schilderung angekommen ist, kämpft er zum ersten Mal mit Tränen. Ein zweites Mal wird er weinen, als er berichtet, inzwischen wisse er, er habe sich geirrt, jetzt sei ihm klar geworden, seine Frau habe ihn immer geliebt und hätte ihn nie verlassen.

„Ich habe dann eine Zeitlang dagesessen“, fährt er fort. „Da ist mir bewusst geworden, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt.“ Er ging ins Wohnzimmer, trank so lange Bier, bis er aufhörte, zu zittern. Inzwischen war der Montagvormittag angebrochen. Er ging zum Reisebüro, buchte den Flug nach Thailand, hob am Automaten mehrere Tausend Euro ab, fuhr weiter ins Lagerhaus und hörte, erst am nächsten Tag wäre ein Fach frei. Er mietete es für einige Wochen. Ihm war klar: So einfach würde er die Leiche in dem relativ kleinen Fach, das sich in 1,80 Metern Höhe befand, nicht unterbringen. Also besorgte er sich im Baumarkt Kisten, geruchsdichte Tüten, Bauschaum, Klebeband, Folien, eine elektrische Säge. Weil er einen Lagermitarbeiter mit Hund gesehen hatte, kaufte er noch Streusalz. Das, so hoffte er, würde die Geruchsbildung verzögern. „Ich wollte, dass es möglichst spät entdeckt wird.“ Am Montagnachmittag zerlegte er seine Frau in acht Teile und verstaute sie in den Kisten. Am Dienstag kaufte er noch mehr Bauschaum. Mit einem Mietauto brachte er sodann die Leiche in das Lagerhaus. Er packte Koffer, auch für seine Frau, und schrieb mehrere Nachrichten an Bekannte, sie habe ihn verlassen, sei auf die Philippinen gereist, und er werde ihr nachfliegen, um sie zur Rückkehr zu überreden.

Stattdessen flog er Mittwochfrüh nach Thailand, wo er blieb, bis sein Geld alle war. Er traf sich in Pattaya mit Frauen. Genießen konnte er das nicht: „Ich hatte wahnsinnige Angst, dass ich verhaftet werde.“ Doch habe er das Alleinsein vermieden, um sich „unbewusst“ die Möglichkeit zu verbauen, sich zu töten.

In Deutschland war Grace mittlerweile als vermisst gemeldet. Die Kripo ermittelte, schöpfte Verdacht, schrieb ihn zur Fahndung aus und bekam am 8. Januar Bescheid, dass er in Frankfurt gelandet war. In einem kleinen Landhotel, in das er sich zurückgezogen hatte, um erneut eine passende Möglichkeit für seinen Suizid zu suchen, klickten am nächsten Tag die Handschellen. Schon in seiner ersten Vernehmung gestand er alles. Zudem hatte er in Thailand einen Aufsatz verfasst. Unter dem Titel „Warum“ schildert er, wie es zu dem Mord kommen konnte.

Am heutigen Mittwoch geht der Prozess weiter.

Monika Grunert Glas
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.