Mediziner aus Friedberg gesteht Missbrauch der eigenen Tochter

Der Angeklagte lebte mit seiner Familie in Stätzling, praktizierte aber dort nicht als Arzt, sondern arbeitete im Gewerbeaufsichtsamt Augsburg. Er wird vertreten von Rechtsanwalt Jörg Seubert. (Foto: Monika Grunert Glas)

Die zierliche junge Frau betritt den Gerichtssaal mit gesenktem Kopf. Gleich wird sie im Zeugenstuhl Platz nehmen, und daneben, auf der Anklagebank, sitzt ihr Vater. Ihr Vater, ihr Peiniger. Jahrelang, so die Anklage, hat sie der 64-Jährige schwer missbraucht. Es begann, als sie sieben, acht Jahre alt war. Da legte er sich zu ihr ins Kinderbett, und während er ihr Gute-Nacht-Geschichten erzählte, verging er sich an ihr.

Als die junge Frau die mannigfachen Taten schildert, ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Beantragt hat das Mandana Mauss, die Rechtsanwältin, welche die heute 29-Jährige als Nebenklägerin vertritt. Eigentlich hätte sie nicht mehr aussagen müssen, denn ihr Vater hat all die schändlichen Übergriffe gestanden. Dafür hat das Gericht ihm eine Haftstrafe unter zehn Jahren in Aussicht gestellt. Vielleicht aber musste sie aussagen, um mit sich ins Reine zu kommen, um nach all den Jahren abschließen zu können.
Eine Kripobeamtin berichtet der Jugendkammer am Landgericht Augsburg, was sich zugetragen hat in dem Haus am Rande von Stätzling. Dort lebte der Angeklagte, ein Mediziner, der bis zu seiner Festnahme im Gewerbeaufsichtsamt der Regierung von Schwaben tätig war, mit seiner Familie. Vier Kinder gehörten dazu, und die junge Frau war, wie er erklärte, seine „Lieblingstochter“. Man geht davon aus, dass er nur sie missbraucht hat. Sie hat einen drei Jahre älteren Bruder, eine sechs Jahre ältere Schwester und eine jüngere. Es begann, als das Mädchen im Grundschulalter war. Zunächst zeigte der Vater der Tochter Bilder von missbrauchten Kindern und nackten Frauen auf seinem Computer, nahm sie auf den Schoß, berührte sie unsittlich. Er steigerte seine Handlungen von Mal zu Mal, bis hin zum Geschlechtsverkehr. Meist zog er sich mit dem Kind in sein Dachzimmer zurück, das ihm als Büro und Schlafzimmer diente. Doch auch im Kinderzimmer, im Bad und im Urlaub kam es zum Missbrauch. Er nahm sogar abscheuliche Experimente an der Tochter vor. Die Kripobeamtin berichtete, das Mädchen habe alles über sich ergehen lassen, um die Familie zu schützen. Man erfährt, der Vater habe wie ein Tyrann über alle geherrscht, Schläge mit dem Rohrstock angedroht, Frau und Kinder beleidigt, psychisch niedergemacht und beschimpft, diese teils wegen Nichtigkeiten im Heizungskeller eingesperrt. Nach dem Sex jedoch sei er besserer Laune gewesen.
Wie konnte der Missbrauch des kleinen Mädchens jahrelang unentdeckt bleiben? Das fragen sich die zahlreichen Zuhörer, zum Teil ehemalige Arbeitskollegen des Angeklagten, denen er während der gesamten Verhandlung den Rücken zudreht. Die Antwort: Er blieb nicht unentdeckt. Doch niemand unternahm etwas. In der Familie herrschte Schweigen.
Der drei Jahre ältere Bruder des Opfers war es, der dem Vater irgendwann auf die Schliche kam. Er sagt vor Gericht aus, dass man im Geschwisterkreis das Mädchen öfter „vermisst“ habe. Man wusste, die Kleine ist im Haus – aber wo? Man suchte, und übrig blieb nur noch die verschlossene Dachstube des Vaters. Und was dort vor sich ging, das fand der damals Zwölfjährige auf eigene Faust heraus. Wie Kinder so sind, wusste er, wo er den Schlüssel zum verbotenen Zimmer finden würde. Als er einmal allein Zuhause war, machte er sich ans Werk. Er stöberte herum und fand eine Videokassette. Was in dem Buben vorgegangen sein muss, als er sie in den Rekorder schob, auf Start drückte und schließlich sah, wie sein Vater mit seiner kleinen Schwester Geschlechtsverkehr ausübte, kann man nur erahnen. Der junge Mann befindet sich in Therapie.
Etwa ein halbes Jahr trug der Bub damals das drückende Wissen um den Missbrauch ganz allein, dann vertraute er sich der ältesten Schwester an. Doch auch diese, damals etwa 16 Jahre alt, schwieg. Sie wurde magersüchtig, erkrankte später an Krebs. Zufall, mag man sagen, doch man könnte auch vermuten, dieser Missbrauch hat viele Opfer.
Angst, sagt der inzwischen 32-jährige Bruder, Angst sei es gewesen, die alle schweigen ließ. „Wir sind damals auf Zehenspitzen durchs Haus geschlichen.“ Um den Vater nur ja nicht zu provozieren. Sogar die jüngste Schwester, die mit dem Opfer ein Zimmer teilte, fragte nicht weiter, als sie dabei war, wie der Vater im Stockbett unter ihr zum Täter wurde und sie wissen wollte, was er da tat. „Das geht dich nichts an“, beschied er sie.
Der Missbrauch endete erst, als die Ehe des Mediziners so zerrüttet war, dass es zur Scheidung kam. Die Mutter zog mit ihren Kindern aus, da hatte der Angeklagte bereits eine „neue Frau“ aus Thailand ins Haus geholt.
In dieser Beziehung gibt es zwei Kinder, darunter ein kleines Mädchen. Zwar wurde der Kontakt der ersten Familie zum Vater immer weniger, doch stieg gleichzeitig bei seiner „Lieblingstochter“ die Angst, er könne sich auch an diesem kleinen Mädchen vergehen. Das wuchs heran, kam in das Alter, in dem es bei ihr damals losgegangen war. Auch die Geschwister und die Mutter hegten gewisse Befürchtungen, während die neue Frau aus Thailand ahnungslos von einer „wunderbaren Ehe ohne Probleme“ schwärmte. Und eines Tages brach das Schweigen. „Wir haben uns besprochen. Endlich kam das Thema auf den Tisch. Wir haben beschlossen, wir wollen es nicht mehr verheimlichen, sondern offen aussprechen“, sagt der Bruder Richterin Katharina Schneider.
Die Kripobeamtin, der sich das Opfer anvertraute, schildert den Bericht als absolut glaubwürdig. Ruhig und sachlich habe die 29-Jährige erzählt, was sie noch konkret wusste, und zwar ohne Belastungseifer. Angeklagt sind längst nicht alle Fälle, denn die Erinnerungen verschwimmen. Anfangs wöchentlich sei der Vater zu ihr gekommen, weniger sei es erst geworden, als sie als Jugendliche ab und zu Möglichkeiten fand, sich ihm zu entziehen, habe ihr die Geschädigte berichtet, so die Beamtin. Der Vater legte sogar eine Excel-Tabelle an, um ein Belohnungssystem zu etablieren, „bezahlte“ sein Kind mit einem Fünfer und wollte wissen, wie es die Kleine „am liebsten machen“ wollte – welch ein Hohn, sie wollte es gar nicht.
Nachdem die Geschädigte unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurde, sieht es das Gesetz vor, dass in der Folge auch die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage sowie Verteidigung nichtöffentlich stattfinden. Öffentlich verkündet werden muss das Urteil, ob für dessen Begründung erneut die Türen geschlossen werden, liegt im Ermessen des Gerichts.
Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt, am Freitag soll er enden. Neben dem Missbrauch der Tochter geht es auch noch um rund 91 000 Videos und Fotos mit kinderpornografischen Inhalten wie etwa Darstellungen vergewaltigter Babys, die auf dem Computer des Angeklagten gefunden wurden.


Von Monika Grunert Glas
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