Nach der Brandnacht in der Western City: Ein Stück Heimat ist zerstört

Die Reste der Dasinger Western City: Ein Feuerwehrmann hat seinen Helm auf den Kopf eines Spielpferds gesetzt. (Foto: Monika Grunert Glas)

Die Western City Dasing ist ein Trümmerfeld. Fast alle Gebäude, sämtliche Waren und Unterlagen – darunter die Feuerschutzpolicen – vernichtet, ebenso die Einnahmen aus der Samstagnacht. Wie es nun weitergeht ist völlig unklar, die süddeutschen Karl-May-Festspiel können aber möglicherweise weitergehen. Über die Ursache kann bislang nur gemutmaßt werden.

Volker Waschk hat Tränen in den Augen. Und das kommt nicht nur vom beißenden Rauch, der in der Luft liegt. Dem übernächtigten, langjährigen Pressesprecher und Manager der Western-City Dasing geht es am Sonntagvormittag wie allen Bewohnern und Mitarbeitern. Das, was ihr Leben weitgehend ausmachte, woran sie mit Idealismus und Herzblut arbeiteten, gibt es nicht mehr. Verkohlt und stinkend ragen die Trümmer der Westernstadt, die Fred Rai 1980 gründete, in den Himmel. Doch wenigstens wurde niemand schlimmer verletzt, alle Tiere sind gerettet.

Das bunte Karussellpferdchen hat es überlebt. Ein Feuerwehrmann hat ihm seinen Helm aufgesetzt und seine Jacke darüber gelegt. Er und seine Kollegen sind an diesem Sonntagmorgen erschöpft. Sie sitzen auf den Stufen des Wohnhauses im Eingangsbereich, warten auf ihre Ablösung und gönnen sich einen Schluck Kaffee. Rund 400 Feuerwehrleute aus allen umliegenden Gemeinden waren im Einsatz. Stundenlang kämpften sie in der Nacht zum Sonntag gegen den verheerenden Großbrand. Und konnten doch so wenig ausrichten.

Samstagabend liefen noch die süddeutschen Karl-May-Festspiele

Es war ein wunderschöner, lauer Samstagabend. Die beiden Vorstellungen der süddeutschen Karl-May-Festspiele, mit „Winnetou und die Felsenburg“ in der 13. Saison seit Beginn 2005, bestens besucht. Viele Besucher genossen anschließend noch die Show im Saloon und ein Ranch-Buffet, einige übernachteten in den Blockhäusern, die für Gäste zwischen Stadt und Stall gebaut wurden. Ein paar Mitarbeiter räumten noch auf, kehrten im Saloon zusammen. Manche wohnen in der Westernstadt. Volker Waschk hatte seinen Laptop mitgenommen und wollte gerade die Abendabrechnung erledigen, als eine Kollegin das Feuer entdeckte.

Mutmaßungen über die Ursache: War es Selbstentzündung?

25 Pferde werden bei den Festspielen eingesetzt. Sie werden zwischen den Vorstellungen in einem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Bereich hinter dem Saloon gefüttert. Deshalb wird dort eine kleinere Menge Heu gelagert. Geschäftsführerin Gabriele Amreihn kann sich nicht vorstellen, dass es sich selbst entzündet hat. Im Sommer kann das passieren, wenn das Heu bei der Ernte und beim Pressen in Ballen nicht ganz trocken war und von innen heraus zu gären beginnt. Dabei entstehen enorme Temperaturen, zumal, wenn heißes Wetter dazu kommt. Doch die Heuvorräte dort waren überschaubar, und so besonders warm war es in den vergangenen Tagen ja auch nicht.

Angestellte kämpfen selbst gegen die Flammen

In der Westernstadt gibt es zahlreiche Feuerlöscher und hinter dem Wohnhaus des Gründers Fred Rai einen Pool, der als Löschteich angelegt wurde. Verzweifelt kämpften die Angestellten, nachdem sie die Feuerwehr alarmiert hatten, selbst gegen die sich rasend schnell ausbreitenden Flammen. Doch sie hatten keine Chance. Die Häuser am Stadtplatz, weitgehend aus Holz errichtet, brannten wie Zunder (Fotos vom Brand in der Western City).

Fred Rai, gebürtig aus Ellwangen, lebte längere Zeit in der St.-Anton-Siedlung in Augsburg. Zunächst tourte der Versicherungskaufmann in den 70er Jahren hobbymäßig als singender Cowboy auf seinem Pferd Spitzbub durchs Land, mit zunehmendem Erfolg machte er sein Hobby zum Beruf. Für einen Auftritt erhielt er statt einer Gage die Kulissen einer Westernstadt.


Fred Rai erweckte seine Ideen an der A8 zum Leben

Auf einem großzügigen Gelände an der A8 wurde er 1980 damit sesshaft und baute im Laufe der Jahre die Kulissen zu stabilen Gebäuden um. Vielerlei, wie ein Saloon, ein Gefängnis, ein Laden, in dem man allerlei Andenken, aber auch Ausrüstung für Ross und Reiter wie Kleidung oder Sättel kaufen konnte, ein Kino und zuletzt ein Museum entstanden. Malerisch gruppierten sich die Häuser um den Stadtplatz, auf dem zu Saisonbeginn die Cavalry aufmarschierte, um die Flagge zu hissen, und zum Saisonende, um sie einzuholen und zu verstauen bis zum nächsten Jahr.

Der gewaltfreie Umgang mit Pferden, sie ohne Sporen, ohne Peitsche in einem vertrauensvollen Miteinander zu beherrschen, das lag Fred Rai besonders am Herzen. Er rief das der Westernstadt angegliederte Bundeszentrum für Rai-Reiten ins Leben, das im In- und Ausland zahlreiche Ableger hat. Immer Neues fiel ihm ein. So wurden Blockhäuser errichtet, in denen man einen Westernurlaub verbringen konnte und Ferienkinder unbeschwerte Wochen genossen.

Nicht der erste Brand in der Western City

Im September 2013 traf die Westernstadt der erste Brand. Damals war ein technischer Defekt der Grund für ein Feuer im Tunnel der parkeigenen Bummelbahn. Es griff auf den angrenzenden Palisadenzaun über. Vier Autos, die davor auf der Straße parkten, brannten aus.

Schlimmer kam es im November 2016. Fred Rai war bereits gut eineinhalb Jahre tot – er starb im April 2015 im Alter von 73 Jahren während eines Ausritts an einem Schlaganfall – da brannte der Hauptstall ab. Erneut war es ein technischer Defekt, der das Feuer auslöste. Zwar gab es im Mai dieses Jahres die Genehmigung für den Wiederaufbau, doch noch wurde damit nicht begonnen. Die Finanzen sind noch nicht ganz geklärt.

Nach dem Brand: Können die Festspiele weitergehen?

Die Westernstadt ist ein Saisonbetrieb, zwischen Oktober und April ist sie geschlossen. Nur ein halbes Jahr bleibt, um genug einzunehmen, um den Freizeitpark und seine Angestellten zu erhalten. Wichtiges Standbein sind seit 2005 die süddeutschen Karl-May-Festspiele. Nach Rais Tod machten seine Lebensgefährtin Tessa Bauer, die auch das Ausbildungszentrum leitet, Geschäftsführerin Gabi Amrhein und Volker Waschk mit dem engagierten Team in seinem Sinne weiter.

„Ich wünsche mir, dass die süddeutschen Karl-May-Festspiele selbst dann noch die Menschen in ihren Bann ziehen, wenn auch ich wie die Helden von Karl May längst durch die ewigen Jagdgründe reite“, sagte Fred Rai ein Jahr bevor er starb. Ob sein Wunsch weiterhin erfüllt werden kann, ist fraglich, zumindest in diesem Jahr könnte die Festspielsaison ein jähes Ende gefunden haben. Aber vielleicht gelingt es, die Arena vom übrigen, zerstörten Bereich abzutrennen und nach besten Möglichkeiten so schnell es geht weiterzuspielen. Die Einnahmen würden so dringend benötigt.


Der dritte Brand binnen vier Jahren zerstört die Westernstadt

Dieser dritte Brand binnen vier Jahren ist der verheerendste. Der Schaden liege im Millionenbereich, sagt die Polizei. Verkohlte Tische, rauchende Trümmer und angekokelte Bänke erinnern an das, was einmal der Saloon war. Von massiven Balken sind nur noch dürre Brikettstangen übrig. Das angrenzende Haus von Fred Rai, mit einem Fenster zu einer Box, in der oft Spitzbub, sein geliebtes Pferd, stand und seinem Besitzer zusah, wenn dieser im Wohnzimmer am Flügel saß – eine Ruine. Nach Fred Rais Tod hatte niemand mehr darin gewohnt, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an den charismatischen Cowboy.

Stadt in Schutt und Asche: Bilder vom Morgen nach dem Brand in der Dasinger Western City

Mexiko-Café, Photoshop, USA-Museum, Fred-Rai-Hall mit unwiederbringlichen Sammlerstücken aus seinem Leben: Ein Haufen qualmender Holzreste. Vom Bürogebäude, in dem auch der Store untergebracht war, stand am Sonntag nur noch der gemauerte Giebel. Alle Waren, alle Unterlagen – vernichtet. Nichts mehr da, ob Versicherungspolicen, die Mitgliederlisten des Ausbildungszentrums oder die Einnahmen aus der Samstagnacht.

Nur ein Haus steht noch

Die Wohnungen der Angestellten – ausgebrannt. Der dunkle BMW mit Wiener Kennzeichen, er gehört Helmut Urban, der den Old Shatterhand spielt, parkte vor dem Zaun. Er konnte in der Nacht nicht weggefahren werden. Denn die Schlüssel, die liegen irgendwo in den Trümmern.

Stehen geblieben ist das Haus links neben dem Haupteingang, in dem die Eltern von Tessa Bauer, sie selbst, Fred Rais erste Frau Mechthild und eine Angestellte mit ihren Kindern wohnen. Doch es wurde beschädigt, Sonntagvormittag durften die Bewohner noch nicht hinein.


Video: Bastian Brummert

Ein Handwerker kommt, um den Geschirrspüler zu reparieren

Der Bereich um die Western-City wurde weitläufig abgesperrt, auch die Zufahrt vom Kreisel auf der B 300. Tessa Bauers Vater Dieter stand dort, wie verloren, übernächtigt und angegriffen, um die Ferienkinder, die am Sonntag anreisen sollten, um ein paar heitere Tage mit Pferden in Wild-West-Romantik zu verbringen, gleich wieder heimzuschicken.

Auch ein Handwerker bremste vor dem rot-weißen Absperrband. Er kam, um den Geschirrspüler zu reparieren. Zu spät. Das Gerät stand im Saloon.

Von Monika Grunert Glas
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