Tochter schlägt gebrechliche Mutter

Eine 60-Jährige aus dem Landkreis Aichach-Friedberg musste sich vor dem Aichacher Amtsgericht verantworten. (Foto: justizia_© tom_u 123rf.de)


Es klinge zynisch, wenn man sage, die Mutter sei mittlerweile verstorben, deshalb sei mit keinen weiteren Angriffen auf diese von Seite ihrer Tochter zu rechnen - also könne man deren Strafe zur Bewährung aussetzen, meinte Amtsgerichtsdirektor Walter Hell. Dennoch verschonte er die 60-jährige Angeklagte mit der Haft. Denn mittlerweile lebt diese in einer Einrichtung für Alkoholkranke.

"Wenn ich stockbetrunken bin, schaltet mein Hirn ab", rechtfertigte die Angeklagte die wiederholten Angriffe auf ihre Mutter. Bereits im November 2014 war sie vom damaligen Amtsgerichtsdirektor Dieter Gockel zu einem Jahr und drei Monaten Haft, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt worden. Sie hatte immer wieder ihre 1929 geborene Mutter ins Gesicht geschlagen, mit Fäusten traktiert und sogar mit einem Messer bedroht. Sie hatte gedroht, sie werde sie umbringen und ihre Mutter als "Drecksmatz", "Loas" und "Hure" beleidigt. "Jetzt verreck endlich!", schrie sie sie an und verkündete, sie werde in den Keller gehen, eine Axt holen und die gebrechliche Frau zerstückeln. Einmal schubste sie die alte Dame sogar, als diese am Treppenabgang stand. Im letzten Moment gelang es der Greisin, sich am Türstock festzuklammern. Immer wieder kam die Polizei ins Haus, nahm die Tochter auch zur Ausnüchterung in Gewahrsam. Wieder daheim, ging der Terror weiter. Eines Tages schubste die 60-Jährige ihre Mutter mitsamt Rollator so stark, dass diese stürzte und schwere Kopfplatzwunden erlitt.

Vor Gericht bereute die 60-Jährige ihre Taten und gab der Alkoholsucht die Schuld an ihrem Verhalten. Gockel trug ihr folglich auf, eine Therapie zu absolvieren. Das tat sie, doch kurz danach trank sie wieder. Unter der Woche gab es keine Probleme, denn sie besuchte eine Tageseinrichtung für Süchtige. Am Wochenende aber kaufte sie sich Bier und Sekt - wie sie behauptete, aus Überlastung wegen der Sorge, ihre Mutter verfalle immer mehr und werde bald pflegebedürftig sein. Bislang jedoch benötigte die alte Dame lediglich Hilfe im Haushalt, die die Tochter, die stets unverheiratet geblieben und nie ausgezogen war, auch leistete.

Auch jetzt gab sich die Angeklagte schuldbewusst: "Es tut mir furchtbar leid, ich würde gern alles rückgängig machen." An die konkreten Vorfälle konnte sie sich nicht erinnern. Sie berichtete, auch gut ohne Alkohol auszukommen, unter Entzugserscheinungen leide sie nicht. Doch an den Wochenenden habe sie sich halt gedacht: "Jetzt wär ein Bier recht!", und zur Flasche gegriffen. "Ich habe nicht jeden Tag meine Mutter geschlagen, ich wollte das ja gar nicht, aber ich habe das im Suff nicht so mitbekommen." Allerdings räumte sie lediglich den Genuss von fünf bis sechs Halben Bier und "ein bisserl" Sekt ein. Das Elend habe begonnen, als sie vor sieben Jahren unverschuldet ihre Arbeit verloren habe, weil die Firma verkauft wurde.

Nach ihrer monatelangen Therapie wurde dem Bewährungshelfer klar, dass eine Betreuung angebracht sein könnte. Er leitete diese in die Wege, allerdings mahlen die Mühlen von Behörden langsam, und so wurde nicht mehr verhindert, dass es wieder zu häuslichen Übergriffen kam. Richter Walter Hell musste nun über zwei Fälle verhandeln, die vom November 2015 datieren. Dreimal hatte die Angeklagte ihre 86-jährige Mutter erst ins Gesicht geschlagen und ein paar Stunden später mit der Faust in den Rücken.

Staatsanwältin Katharina Kling beantragte wegen vorsätzlicher Körperverletzung in zwei Fällen eine Freiheitsstrafe von neun Monaten und fand, diese könne man nicht mehr zur Bewährung aussetzen. Sie sah, anders als Verteidigerin Anja Seitz-Dembinsky, keine günstige Sozialprognose. Die Rechtsanwältin hingegen betonte, der Heilungsverlauf bei Alkoholismus sei stets von Aufs und Abs gekennzeichnet, leider habe die Betreuung ihrer Mandantin zu spät begonnen. Diese sei einfach von der Lebenssituation überfordert gewesen und ausschließlich im Umgang mit ihrer Mutter auffällig geworden. Nun habe sich alles geändert und deshalb gebe es keine Zweifel, dass so etwas nicht mehr vorkommen werde.

Walter Hell folgte beim Strafmaß der Staatsanwältin, setzte den Vollzug jedoch auf fünf Jahre zur Bewährung aus. "Wenn Sie jemals wieder trinken, und sei es nur zu Silvester, dann sperre ich sie ein", erklärte er der 60-Jährigen. Ob sein Urteil, von dem er selbst nicht ganz überzeugt sei, richtig sei, darüber werde er sich noch lange den Kopf zerbrechen: "Ich überlege, was würde Ihre Mutter wollen." Diese hatte zwar bei ihrer Vernehmung im November erklärt, sie wolle, dass ihre Tochter bestraft werde, aber: "Ob sie nicht ihre Meinung geändert hätte, jetzt, wo Sie nicht mehr daheim wohnen?", rätselte der Richter. Die alte Dame kann dazu nichts mehr sagen. Sie starb im Januar nach einem Oberschenkelhalsbruch, den sie bei einem Sturz zu Hause erlitten hatte. (Monika Grunert Glas )
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