Urteil gegen Mediziner aus Stätzling: Acht Jahre und neun Monate Haft für jahrelangen Missbrauch seiner Tochter

Der Mediziner aus Stätzling (links) während des Prozesses. (Foto: Monika Grunert Glas)

Zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilte die Jugendkammer am Augsburger Landgericht am Freitagnachmittag den Arzt aus Stätzling, der seine eigene Tochter über Jahre zum Teil schwer missbraucht hatte.

Die Vorsitzende Richterin Katharina Schneider verzichtete aufgrund der besonders widerwärtigen Praktiken zum Schutz des heute 29 Jahre alten Opfers in ihrer Urteilsbegründung auf Details des Martyriums. Dieser Fall zeige in erschreckender Deutlichkeit, welche Auswirkungen sexueller Missbrauch haben könne. Der Angeklagte habe nicht nur ein Leben zerstört, sondern das Leben einer ganzen Familie.

Gemeint waren damit die Schwester und der Bruder des Mädchens, die dem Vater irgendwann auf die Schliche gekommen waren, aber wie die „Lieblingstochter“ des Mediziners schwiegen, um die Familie zu schützen. Sie machen sich heute ebenso große Vorwürfe wie die Mutter, die das furchtbare Geschehen nicht bemerkt hatte. Es begann mit etwa acht Jahren und endete, als das Mädchen 15 war und sich die Ehefrau von ihrem Mann trennte.


Aus dem liebevollen Familienvater war ein Tyrann geworden


Da war aus dem einstmals liebevollen Vater, wie die Kinder ihn selbst beschrieben, längst ein launischer, unberechenbarer Tyrann geworden, der sich regelmäßig mit einem Freund zu Thailand-Urlauben aufmachte und daheim selbst mit dem Rohrstock drohte. Während er Gute-Nacht-Geschichten erzählte, gewöhnte er das Mädchen nach und nach an sexuelle Handlungen und erzog das Kind „zu einer vollwertigen Sexpartnerin“, so das Gericht.

Er drehte dabei auch Videofilme. So war auch der Bruder auf den Missbrauch aufmerksam geworden. Er hatte sich auf die Suche nach dem Grund gemacht, warum sich Vater und Schwester immer wieder im Bad oder Arbeitszimmer einsperrten. Die Vorsitzende Richterin sprach von kaum vorstellbaren Praktiken und hatte keinen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Erzählungen. Im Gegenteil: Keines der Kinder habe Interesse an einer Bestrafung des Vaters gezeigt, weil die das Geschehene auch nicht mehr rückgängig machen könne.

52 Fälle von sexuellem und schwerem sexuellen Missbrauch


34 Fälle von sexuellem Missbrauch und 18 Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch zog die Jugendkammer zur Verurteilung heran. Katharina Schneider machte dabei aber deutlich, dass sich sicher sei, damit nur die Spitze des Eisberges aufgearbeitet zu haben. Nach all der Zeit – der Missbrauch endete 2003 – sei eine exakte Rekonstruktion nicht mehr möglich.

Mit den acht Jahren und neun Monaten Haft traf das Gericht in etwa die Mitte zwischen der Forderung der Staatsanwaltschaft sowie dem Wunsch der Verteidigung und orientierte sich am zu Beginn der Verhandlung protokollierten „Deal“.

91.000 kinderpornografische Dateien spielten für Strafmaß keine Rolle


Voraussetzung dafür war ein Geständnis des Angeklagten, um der Tochter die schmerzliche Aussage vor Gericht zu ersparen; die heute 29-Jährige war unter Ausschluss der Öffentlichkeit dennoch in den Zeugenstand getreten. Keine große Rolle spielten für das Strafmaß übrigens die 91.000 Videos und Fotos mit kinderpornografischen Inhalten, die man auf dem Computer des 64-Jährigen gefunden hat.

Staatsanwältin Kathrin Schmid hatte am Donnerstag in den nichtöffentlichen Plädoyers neun Jahre und sechs Monate Haft gefordert.

"Gepanzerte Persönlichkeit": Der 64-Jährige wirkt beinahe gelassen


Die Tatsache, dass der bis zu seiner Festnahme beim Gewerbeaufsichtsamt der Regierung von Schwaben beschäftigte Mediziner seinen Beamtenstatus aufgab und somit auf seine Pensionsansprüche verzichtet sowie das abgelegte Geständnis wertete das Gericht zugunsten des Angeklagten. Ob das Geständnis von tiefer Reue getragen worden sei, wolle die Kammer nicht bewerten. Schneider verwies auf eine Einschätzung des Psychologen, der dem Angeklagten eine „gepanzerte Persönlichkeit“ attestiert hatte.

Auch am Freitag saß der 64-Jährige ruhig, ausdruckslos, ja fast gelassen auf seinem Stuhl und hörte den knapp halbstündigen Ausführungen der Vorsitzenden Richterin zu. Auf eine spätere Unterbringung in Sicherungsverwahrung wurde verzichtet. Nach Ansicht der Jugendkammer gehe vom Angeklagten keine Gefahr für die Allgemeinheit aus. Er sei jetzt in der Lage, sein Unrecht und die Auswirkungen auf die gesamte Familie zu erkennen. Auch aufgrund seines Alters sei nach der Haftentlassung und einer bis dahin absolvierten Therapie nicht anzunehmen, dass es noch einmal zu solchen Taten kommen werde.

Es bleibe zu hoffen, betonte Katharina Schneider, dass das Missbrauchsopfer durch den Prozess und die damit verbundene Berichterstattung in den Medien nicht weiter traumatisiert werde und ihr Leben so gut meistere wie zuletzt. Der gesamte Familie wünschte sie Kraft, mit den Geschehnissen umzugehen.

Von Robert Edler
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