Aichach unterm Hakenkreuz: Ein Film über den NSDAP-Kreisparteitag in Aichach wird am 21. November gezeigt

Hakenkreuzfahnen beherrschen im Frühjahr 1938 das Stadtbild, wie auch hier vor dem unteren Tor. Das Foto stammt aus einer der Anfangsszenen des Films, der über den Parteitag gedreht wurde.
 
Christoph Lang, Stadtarchivar und Leiter des Stadtmuseums (links), und Bürgermeister Klaus Habermann mit den Filmrollen, die digitalisiert wurden. Das wichtige Material wird historisch und didaktisch aufgearbeitet. Fotos: Berndt Herrmann


Hakenkreuzfahnen bestimmen das Stadtbild, selbst vom Turm der Stadtpfarrkirche weht das Nazi-Banner, Trupp um Trupp marschieren die Formationen der verschiedenen NS-Gruppierungen durch Aichach, von den SS-Totenkopfeinheiten des KZ Dachau bis hin zum Reichsarbeitsdienst, die Schaufeln geschultert wie Sturmgewehre. Die Bilder, die die ganze schaurig-banal-lächerlich-brutale Alltagswirklichkeit der Nazi-Barbarei dokumentieren, stammen aus einem zeitgenössischen Film über den Kreisparteitag der NSDAP 1938 in Aichach. Bis vor kurzem wusste man, dass der Film gedreht worden war, nicht aber, dass die Rollen bis heute überlebt haben. Nun wird der Film am 21. November in Aichach gezeigt - zum ersten Mal seit September 1938.

Für Christoph Lang, Leiter des Stadtarchivs und des Stadtmuseums, ist der Film schlichtweg eines der wichtigsten Dokumente zur Geschichte Aichachs, sicher das wichtigste für das 20. Jahrhundert. Da es von anderen Kreisparteitagen in Bayern keine bekannten Filmdokumente gibt, haben die Aufnahmen auch eine bayernweite Bedeutung. Das Haus der Bayerischen Geschichte hat nicht ohne Grund angekündigt, dass Ausschnitte Teil der Ausstellung im Museum der Bayerischen Geschichte, das 2018 in Regensburg eröffnet wird, sein sollen.

Die Kreisparteitage waren, so Lang, eine Art Reichsparteitag im kleinen. Große Propagandaveranstaltungen mit Aufmärschen, Vorträgen, Kundgebungen, Sport- und paramilitärischen Wettkämpfen, aber auch mit Tanz und Folklore und extra gebrautem Festbier. Eine Funktion, so Lang, sei gewesen, eine Brücke zwischen Partei, Parteigruppierungen und der Bevölkerung, zumal der für die Nazis mitunter schwer zu erreichenden Landbevölkerung, zu bauen und alle zu einer Volksgemeinschaft zu verschmelzen - ein Begriff, der heute von Politikern wieder allen Ernstes in den Mund genommen wird.

Auch die Ästhetik der Kreisparteitage orientierte sich an den Nürnberger Veranstaltungen, bis hin zu der großen Bühne, die in Aichach auf dem Exerzierplatz aufgebaut wurde, und der medialen Begleitung: Der Parteitag der Kreise Aichach, Schrobenhausen und Dachau vom 27. April bis 1. Mai beherrschte über Tage praktisch die gesamte Ausgabe der Aichacher Zeitung, in der verkündet wurde, dass 8000 Menschen zu der Kundgebung am 1. Mai mit dem stellvertretenden Gauleiter Otto Rippold auf den Exerzierplatz gekommen waren.

Auch der Film selbst orientiert sich ganz deutlich an der Ästhetik etwa einer Leni Riefenstahl und ihres Olympia-Films von 1936. Gerade bei den Aufnahmen der Aufmärsche, der Kundgebung am 1. Mai oder auch bei den Sportwettbewerben entdeckte Land offensichtliche filmische Anlehnungen an die Propaganda-Regisseurin.

Dass ein solcher Film existierte und dass er im September 1938 in Aichach gezeigt worden war (auch darüber berichtete seinerzeit die Aichacher Zeitung), war Christoph Lang und anderen Lokalhistorikern durchaus bekannt. Allerdings war die Überraschung groß, als die Familie des damaligen Filmers Norbert Knabl vor etwa zwei Jahren auf die Stadt zukam, die Rollen überreichte und sich mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung und Vorführung einverstanden erklärte.

"Wir sind dafür wirklich sehr dankbar", sagen Bürgermeister Klaus Habermann und Lang unisono. Klar war für sie, dass der Film nicht in einem Archiv verschwinden soll, sondern dass er als herausragendes Zeitdokument gezeigt und in der politischen Bildung, gerade an Schulen, eingesetzt werden soll. "Man macht Geschichte nicht besser, indem man sie verschweigt. Und gerade in Zeiten eines aufkommenden Rechtspopulismus ist es wichtig, solche Dokumente als Warnung und Mahnung zu haben", betont Habermann.

Klar war aber auch, dass man mit dem historisch wertvollen Material sensibel, verantwortungsbewusst und seriös umgehen müsse. Zunächst wurden die drei Filmspulen aufwendig gesichert. Dazu wurde jedes einzelne Bild im Medienlabor der Universität Jena eingescannt und digitalisiert. Das geschah, angesichts der Bedeutung des Films, sogar kostenfrei. Die Bedeutung der etwa 25 Minuten langen Aufnahmen wird noch dadurch gesteigert, dass etwa ein Drittel davon in Farbe ist. Somit handelt es sich um eines der nach wie vor wenigen Farbfilmdokumente aus der NS-Zeit und den ersten Farbfilm aus Aichach überhaupt.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Universität Augsburg und den Lehrstuhlinhabern für Neuere und Neueste Geschichte sowie Volkskunde, Professor Dr. Dietmar Süß und Professor Dr. Günther Kronenbitter. Bei ihm entstand auch eine Magisterarbeit von Angelika Pilz über den Film. Die Universität Augsburg wird auch bei der weiteren Beschäftigung mit dem Film, etwa der didaktischen Aufbereitung für Schulen, involviert sein.

Gedreht hat den Film der 1904 geborene Aichacher Lehrer Norbert Knabl, der auch Leiter der Bezirksfilmstelle war, die im Vorfeld des Parteitages schon eine neue Kamera angeschafft hatte. Der Film ist auf für den damaligen Stand der Technik hohem Niveau aufwendig produziert (Farbfilmmaterial gab es erst seit 1937), wurde fertig geschnitten und eben im September 1938 auch gezeigt. Filmer Knabl starb im Herbst 1945 in einem Lazarett.

Mit der Vorführung des Films am 21. November im Aichacher Pfarrzentrum will die Stadt die historische Bedeutung des Films unterstreichen und gleichzeitig offen mit der eigenen Geschichte umgehen. Der Film, so Lang, habe überregionale Bedeutung, weil der Ablauf des Parteitags in Aichach idealtypisch für solche Veranstaltungen, für die sonst keinerlei Filmmaterial vorliegt, gewesen sei. Er dokumentiere, dass der Nationalsozialismus auch in einer altbayerischen Kleinstadt wie Aichach und seiner Umgebung zahlreiche Anhänger hatte, und mit welchen Mitteln die NSDAP die Massen indoktrinierte und begeisterte. "Es geht uns nicht darum, einzelne Personen der Vergangenheit vorzuführen, aber wir wollen zeigen, dass der Nationalsozialismus auch in Aichach zuhause war", sagt Habermann.

Neben dem Museum der Bayerischen Geschichte plant natürlich auch das Stadtmuseum Aichach, dass Ausschnitte des Films Teil der ständigen Ausstellung werden sollen.
Der Film über den NSDAP-Kreisparteitag in Aichach wird am Montag, 21. November, um 20 Uhr im Aichacher Pfarrzentrum gezeigt, der Eintritt ist frei. Dabei sprechen Professor Dr. Dietmar Süß, Professor Dr. Günther Kronenbitter, Christoph Lang und Angelika Pilz über den Film und sein historisches Umfeld. (Dr. Berndt Hermann )
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