Bürgerverein im besten Sinn

Mit Vereinsvorsitzendem Fritz Schwarzbäcker freute sich auch Landrat Klaus Metzger (von links) über die Auszeichnung des Bezirks Schwaben. Foto: Stöbich
Friedberg: Friedberg | "Kennen und Verstehen" bekommt Sozialpreis des Bezirks Schwaben

Friedberg. "Miteinander" heißt der mit 1500 Euro dotierte Ehrenamts-Preis des Bezirks Schwaben, den Fritz Schwarzbäcker bei einem Festakt mit Landrat Klaus Metzger in Empfang nehmen konnte. Und nur miteinander geht es auch im Verein "Kennen und Verstehen", den Schwarzbäcker im Landkreis Aichach-Friedberg leitet. "Denn Betroffene, Angehörige und Ehrenamtliche müssen zusammenarbeiten, um die psychosoziale und sozialpsychiatrische Versorgung zu verbessern", betont der Vorsitzende. Sein ganzes Berufsleben lang hat der 65-jährige mit Problemen von Suchtkranken zu tun. Heute ist er Geschäftsführer der Kompass-Drogenhilfe und hat vor wenigen Monaten die Vereinsführung übernommen, weil er der Überzeugung ist, dass die Sozialpsychiatrie nicht nur professionell ablaufen kann.

Um dieses Ziel und eine bessere Information der Öffentlichkeit zu erreichen, gibt es nicht nur regelmäßige Psychiatrie-Tage im Wittelsbacher Land, sondern in Friedberg auch Selbsthilfegruppen. Im Brunnentreff der Sozialstation in der Hermann-Löns-Straße 6 gibt es zu den Themen Angststörung und Depression jeden zweiten Mittwoch Treffen ab 18 Uhr, das nächste Mal am 22. November sowie am 6. und 20. Dezember. Eine weitere Selbsthilfgruppe für Angehörige kommt in Friedberg ebenfalls mittwochs zusammen (15. November und 13. Dezember ab 18 Uhr, Info-Telefon 0821/604945).
Auf der Internetseite www.kennen-verstehen.de sind hilfreiche weiterführende Adressen aufgelistet wie die Tagesstätten der Caritas in Aichach oder des Diakonischen Werks in Mering. Vor der Mitgliederversammlung des Vereins am 18. Oktober im Friedberger Bürgertreff wird Dr. Jens Schneider um 19.30 Uhr einen Fachvortrag halten.
Die Arbeit des Vereins, den die Bezirksräte Margit Blaha und Rupert Reitberger vor 20 Jahren gegründet hatten, würdigte bei der Preisverleihung Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert und sagte: "Solche Menschen brauchen wir! Ihre helfenden Hände sind von unschätzbarem Wert." Leider stehe in unserer Gesellschaft und den Medien nicht das Miteinander in Alltag und Familie im Mittelpunkt, sondern das Supermodel und der Fußballstar oder Topmanager.
Reichert sprach von einem "Bürgerverein im besten Sinn", der in der sozialen Landschaft Schwabens einmalig sei. Er lobte die ehrenamtlich tätigen Mitglieder als "Vorbilder der Gesellschaft", die den professionellen Betreuern wertvolle Erfahrungen und Impulse vermitteln könnten. In der Laudatio heißt es unter anderem: "Kennen und Verstehen ist ein Verein, der in einem schwierigen gesellschaftspolitischen Feld arbeitet und sich mit der Sozialpsychiatrie einem sperrigen Thema widmet."
Auch viele Prominente wie zum Beispiel Skispringer Sven Hannawald oder Fernsehkoch Tim Mälzer kennen den chronischen körperlichen und emotionalen Erschöpfungszustand. Bei permanenter Überlastung kann es auch eine Schutzfunktion sein, wenn die Seele auf Sparflamme schaltet. Wer zum Beispiel nie Nein sagen kann und sich zuviel aufhalsen läßt, dabei möglichst immer perfekt sein will, der sollte seine Einstellung und Lebensweise überdenken.
"Es ist wichtig, auf die besondere Lebenslage psychisch kranker Menschen aufmerksam machen", betont Schwarzbäcker. Denn häufig bleibt es ein Tabuthema, wenn ein Familienmitglied betroffen ist und alle Angehörigen mitleiden. Aber eine professionelle Behandlung ist auch deshalb langwierig, weil Therapeuten heute oft monatelange Wartelisten haben. Schwarzbäcker weiß, daß es nach wie vor notwendig ist, Vorurteile abzubauen und Betroffene keinen Grund haben, sich zu schämen oder zu verstecken: "Denn Krankheit ist kein Makel!" Durchschnittlich werde jeder dritte Mensch einmal in seinem Leben psychisch krank.
Angststörungen und Sucht, Demenz und Depression, Schizophrenie und Suche - es gibt viele Gründe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei will "Kennen und Verstehen" auch klassische und alternative Behandlungsformen aufzeigen. Der Verein arbeitet eng mit den Tagestätten im Landkreis zusammen und wird von einem Fachbeirat unterstützt.
Ein wichtiges Ziel, das Schwarzbäcker und seine Mitstreiter gern realisieren wollen, ist die Einrichtung einer Tagesklinik und/oder einer Institutsambulanz; auch Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert steht hinter dieser Forderung, "aber das ist ein mühsamer Kampf", stellt der Vorsitzende fest. Aktuell bietet sich durch das entstehende zusätzliche Raumangebot beim Neubau des Kreiskrankenhauses Aichach eine Chance für eine Tagesklinik.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.