Das Messie-Syndrom: Horten als Halt

In den eigenen vier Wänden droht Betroffenen die Verwahrlosung. Foto: Maximilian Buzun 123rf.de


Vollgestellte Wohnungen, krankhafte Sammelleidenschaft, das Unvermögen, sich von vermeintlichem Müll trennen zu können. Messie-Wohnungen kennt jeder, und sei es nur aus dem Fernsehen. Häufig kommen enttäuschte Vermieter zu Wort, oft Angehörige, die sich die Unordnung nicht erklären können, nur selten aber berichten Betroffene selbst über die Gründe für ihr Verhalten. Welche Lücken der scheinbare Unrat zu füllen hat und wie ein Leben als "Messie" aussieht, hat eine Betroffene geschildert.

Der Begriff "Messie" (von englisch mess up = etwas durcheinanderbringen) entstand Mitte der 1980er Jahre als eine Wortschöpfung der selbst betroffenen US-amerikanischen Sonderschulpädagogin Sandra Felton. "Früher hätte man so ein Verhalten vielleicht einfach schlampig genannt. Doch mir ist der Begriff Messie lieber als Schlampe", erklärt Ute G. (Name von der Redaktion geändert). Als Betroffene ist es ihr ein Anliegen, die vielen Facetten des sogenannten Messie-Syndroms zu erklären. "Es ist keine Frage des Nichtwollens, sondern des Nichtkönnens", will sie klarmachen.

"Jetzt reiß' dich mal zusammen", hören Messies oft, sie sind Anfeindungen ausgesetzt, gelten schnell als faul und chaotisch. Dabei belegen Studien mittlerweile, dass die meisten Messies weder äußerlich auffällig noch vermüllt daherkommen. Betroffene, darunter auch viele Akademiker, stehen oft fest im beruflichen Leben und in verantwortlicher Position, müssen im Arbeitsalltag strukturiert und organisiert arbeiten. In den eigenen vier Wänden allerdings droht ihnen die Verwahrlosung. Dabei geht es weniger um hygienische Standards und die Haushaltsführung an sich, es ist das Horten unterschiedlicher, von der Allgemeinheit als unbrauchbar erachteter Gegenstände. Dennoch geschieht dies planvoll, nicht aus blinder Sammelwut heraus, wie Rosa Straub von der Caritas erklärt. "Es handelt sich um einen seelischen Notstand. Gegenstände ersetzen soziale Gefühle und Kontakte. Es ist ein Nicht-loslassen-können." Das bestätigt auch Ute G. Eintrittskarten, Telefon-Notiz-Zettel, alte Bücher - alles könnte noch einmal gebraucht werden, denkt der Messie. "Ich entscheide mich dazu, ein Buch herzugeben, weil ich nicht vorhabe, es zu lesen. Doch wenn es soweit ist, überkommen mich Zweifel. Es könnte ja sein, dass ich dieses Buch doch noch irgendwann lesen will", erklärt Ute G. Hinzu kommen die unzähligen Erinnerungsstücke. "An jedem Stück hängt eine Erinnerung, die ich nicht missen möchte, positive wie negative. Es ist nicht der gesammelte Gegenstand an sich, der zählt, sondern der Mensch dahinter und die Erinnerung, die man mit ihm verbindet", versucht sie zu erklären.

"An jedem Stück hängt eine Erinnerung"

Dieses Nicht-loslassen-Können hat bei Ute G. bereits sehr früh begonnen. Mit drei Jahren beginnt sie, den Balkon des Elternhauses in Beschlag zu nehmen und dort Gegenstände jeglicher Art aus dem Haus zusammenzutragen. Als Auslöser vermutet sie den Verlust einer wichtigen Bezugsperson. "Ich hatte keine Stütze mehr und war auf mich allein gestellt." Heute, mit 60 Jahren, lebt Ute G. in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Es gibt gute und schlechte Zeiten. In den guten versucht sie, sich von Gegenständen, an denen negative Erinnerungen haften, zu trennen. An schlechten Tagen gelingt ihr das nicht und es bleibt nur ein schmaler Durchgangsweg durch die Wohnung frei, weil der Rest vollgestellt ist. Ein Zimmer versucht sie möglichst freizuhalten - bis ihrer Meinung nach eine vorzeigbare Ordnung herrscht - doch auch das gelingt ihr nicht immer. "Meine Insel" nennt sie das "sortierte" Zimmer der Wohnung. Das braucht Ute G. sowohl für ihr eigenes Wohlbefinden, aber auch, falls Besuch kommt.

Soziale Ausgrenzung geht oft mit dem Messie-Syndrom einher. Die Betroffenen schämen sich, ihre Wohnung zu zeigen, treffen sich - wenn überhaupt - an anderen Orten mit Bekannten. "Die Vereinsamung als Folge des Messie-Syndroms ist ein großes Problem", erklärt Rosa Straub. Bei Ute G. schien es sich in umgekehrter Reihenfolge entwickelt zu haben: "Die Vereinsamung war bei mir keine Konsequenz, sondern der Auslöser", denkt sie.

"Es ist keine Frage des Nichtwollens, sondern des Nichtkönnens"

Sie hat viel Literatur zum Messie-Syndrom gelesen, um sich ihr Verhalten erklären zu können. Doch sie könne nur vermuten, warum und wie sie zum Messie wurde, meint sie. Das Messie-Syndrom ist nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Es ist vielmehr die Spitze eines Eisbergs aus psychischen Belastungen. Es ist eine Zwangsstörung, der Drang zu sammeln und horten als Abwehr tiefsitzender Ängste. Schicksalsschläge gehen mit schlechten Zeiten und Messie-Verhalten einher, berichtet die Betroffene. Als Ute G. vor fünf Jahren nicht mehr weiter weiß, holt sie sich Hilfe - zuerst bei ihrem Arzt, mittlerweile wird sie psychologisch betreut. Betroffene im Wittelsbacher Land können sich bei der Caritas an den sozialpsychiatrischen Dienst, aber auch an die Tagesstätte zur Förderung der seelischen Gesundheit, die Rosa Straub leitet, wenden. Dort sucht auch Ute G. das Gespräch und den Austausch mit anderen Betroffenen. Sie findet hier auf zweifache Art Hilfe: Ihr wird in akuten schlechten Phasen beigestanden und der Gang dorthin ist für sie mittlerweile zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden, "ein Grund, wieder am Leben teilzunehmen".

"Darüber zu sprechen, ist bereits ein wichtiger Schritt", weiß Rosa Straub. Auch Angehörige suchen häufig Hilfe. Dabei rät Straub, von den Betroffenen nicht zu viel zu fordern und den Auslösern mehr Bedeutung beizumessen. Man könne das Problem Messie erst angehen, wenn andere psychische Probleme verarbeitet wurden, weiß auch Ute G. Zudem solle man nicht "übergriffig" werden und den Betroffenen zum Ausmisten nötigen. Zwangsräumungen bringen zwar kurzfristig Ordnung in die jeweilige Wohnung, das Messie-Verhalten des Betroffenen können sie allerdings deshalb nicht stoppen. Die Gefahr von Rückfällen besteht vor allem immer dann, wenn unerwartete Schicksalsschläge den Messie wieder aus der Bahn werfen.

Verhaltenstherapeutisch und tiefenpsychologisch kann man von "Trauerarbeit" sprechen, die geleistet werden muss, erklärt Straub. Der Verlust (der Gegenstände und der damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle) müsse verarbeitet werden. "Wenn ich mich von einem Gegenstand trennen muss, vermisse ich ihn auch noch Jahrzehnte später", gibt Ute G. zu verstehen.


- Betroffene oder Angehörige können sich an die Caritas wenden. Der sozialpsychiatrische Dienst (08251/8734-20, sozialpsychiatrischer.dienst@caritas.aichach-friedberg.de) mit Beratungsstellen in Aichach, Pöttmes, Friedberg und Mering hilft bei seelischen Problemen. Die Tagesstätte zur Förderung der seelischen Gesundheit in Aichach (Münchener Straße 19; 08251/8734-42) ist Anlaufstelle für psychisch erkrankte Menschen und bietet unter anderem Arbeits- und Beschäftigungsangebote und Gesprächsrunden. Die Hilfsangebote sind kostenfrei. (Nayra Weber )
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.