„Der Kampf an der Front“ - der Alltag der Dasinger Integrationsbeauftragten Sieglinde Jakob

Ein Flüchtlingsleben in Luxus? Mitnichten: Im Dasinger Bahnhofsgebäude fehlt es an allen Ecken und Enden. Der Eigentümer des Gebäudes kümmert sich nicht, das Landratsamt als Mieter hat momentan keine Zeit, auf die Erfüllung der Auflagen zu drängen. Vor Ort umgehen mit der Situation muss Dasings Integrationsbeauftragte Sieglinde Jakob. Fotos: Robert Edler
 

Ein möglicher Aufnahmestopp, die Einrichtung sogenannter Transitzonen an den Grenzen, die Beschleunigung der Asylverfahren, die schnellere Abschiebung abgelehnter Flüchtlinge – auf politischer Ebene wird derzeit viel und lautstark über notwendige Veränderungen an der deutschen Asylpolitik und Angela Merkels „Wir schaffen das“ diskutiert. Sieglinde Jakob kennt die Debatten. Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, hat die Integrationsbeauftragte der Gemeinde Dasing indes nicht. „Ich befinde mich im täglichen Kampf an der Front. Ich muss sehen, dass meine Leute vorwärts kommen.“

„Meine Leute“, das sind derzeit 88 Asylbewerber unterschiedlichster Nationalitäten, die in drei Unterkünften im Gemeindegebiet leben. Ein ehrenamtlicher Helferkreis engagiert sich nach Kräften, bei Sieglinde Jakob laufen die Fäden zusammen. Dass die Gemeinde Dasing sich dazu entschloss, wenigstens die Teilzeitstelle zu schaffen – „Die Zeit reicht hinten und vorne nicht“ –, ist aus ihrer Sicht Voraussetzung für effektive Betreuung. Und das liegt nicht nur an den verschiedenen Kulturen, aus denen die Flüchtlinge kommen, und an ganz normalen menschlichen Stärken und Schwächen, die Jakob mit klaren Worten anspricht. Erstens: „Es kommt auf jeden Flüchtling persönlich an. Er muss auch wollen.“ Zweitens: „Man muss sehen, welche Schwierigkeiten sie haben. Sie kommen nicht freiwillig!“ Der Kampf an der Front hat vielmehr auch mit Bürokratie zu tun, die bei der Integrationsbeauftragten Kopfschütteln auslöst.

Als Beispiel nennt sie den Fall eines jungen Syrers. Der Mann hat studiert, ist Englischlehrer, wissbegierig und überaus engagiert. Er spricht nach einem ersten Integrationskurs sehr gut Deutsch, würde gerne den zweiten Kurs belegen, um sich noch besser zu integrieren und sein Leben in der neuen Heimat vorbereiten zu können. Das geht aber nicht. Weil für die Kostenübernahme von rund 1200 Euro eine Anerkennung als Flüchtling notwendig ist. Davon ist der Syrer aber weit entfernt. Obwohl Syrern angesichts des verheerenden Bürgerkriegs allseits eine praktisch 100-prozentige Anerkennungswahrscheinlichkeit bescheinigt wird. Seit einem Jahr lebt der junge Mann in Dasing, bis jetzt kam es noch nicht einmal zu einer Anhörung. „Wenn ich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nachfrage, bekomme ich keine Antwort auf meine E-Mail“, schüttelt Sieglinde Jakob den Kopf und berichtet von anderen Flüchtlingen aus Afghanistan oder Pakistan, die bereits seit drei Jahren auf ihre Anhörung warten.

Ein anderer Syrer hatte mehr Glück. Er ist zwar noch nicht so lange hier, hat aber seit März den Anerkennungsbescheid in Händen. Nun hat er den Integrationskurs angetreten und lernt Deutsch. Bis er so weit ist, auf eigenen Füßen stehen zu können, dauert es noch. Die Zeit dafür hat er aber eigentlich nicht. Auf dem Tisch von Sieglinde Jakob liegt bereits das offizielle Schreiben aus dem Landratsamt, dass der Mann den Platz in der Unterkunft räumen muss. Doch wohin jetzt mit ihm auf die Schnelle? „Ihm droht die Obdachlosigkeit. Damit wäre die Gemeinde für ihn zuständig“, sagt Jakob, lächelt und erzählt von den Schwierigkeiten der bereits angelaufenen Wohnungssuche.
Apropos Wohnung: Beide genannten Syrer leben gemeinsam mit sechs weiteren Landsmännern und acht Somaliern im alten Dasinger Bahnhofsgebäude. Das Landratsamt hat die Unterkunft von einem Privatmann angemietet. Der kümmert sich faktisch nicht um die baulichen Gegebenheiten, das Landratsamt, das sehr wohl Standards für eine Unterkunft vorgibt, kommt angesichts der zahllosen Aufgaben rund um die Flüchtlingswelle nicht dazu, Druck beim Vermieter zu machen. „Er erfüllt seine Auflagen nicht, und wenn die Ehrenamtlichen die Sache selbst in die Hand nehmen würden, steigt er uns aufs Dach“, beschreibt Sieglinde Jakob das Dilemma.

Es fehlt

Ein Blick in die Räume zeigt, dass es an allen Ecken und Enden fehlt, dringender Handlungsbedarf bestünde. Die Räume als „herunter gewohnt“ zu bezeichnen, würde der Situation nicht gerecht. Der bauliche Grundzustand ist vielmehr erschreckend. Bröckelnder Putz, das Waschbecken hängt schief, aus dem Abflussrohr tropft Wasser. „Wo soll man da anfangen?“ Heinz Fischer wechselt gerade den defekten Wasserhahn in der kleinen Mini-Küche, in der 16 Männer aus zwei völlig unterschiedlichen Kulturen kochen sollen. Fischer betreibt einen Hausmeisterservice und ist in verschiedenen Asylunterkünften im Einsatz. So ganz nebenbei erzählt er, vom Vermieter des Bahnhofsgebäudes seit zwei Monaten kein Geld bekommen zu haben. Heinz Fischer kommt trotzdem. Weil irgendjemand ja für einen funktionierenden Wasserhahn sorgen muss. Weil er sieht, dass Hilfe gebraucht wird.

Nur so lässt sich der Alltag von Sieglinde Jakob bewältigen. Sie geht ihn mit voller Unterstützung ihrer Familie an, und mit viel Pragmatismus. Das gilt auch für den Fall des Senegalesen, der bereits seit drei Jahren in Dasing lebt und auch schon Arbeit gefunden hat. Sein Arbeitgeber würde ihn liebend gerne behalten, wie Jakob berichtet. Zumal der Senegal inzwischen aber zum sicheren Herkunftsland erklärt wurde, wird die demnächst auslaufende, vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert. Jakob selbst rechnet mit einer baldigen Abschiebung. Drei Jahre nach der Ankunft in Deutschland ist das hart für den Betroffenen. Die Dasinger Integrationsbeauftragte sieht ein, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen kann, es Regeln geben muss. „Dann muss man es den Menschen aber auch sagen. Und zwar schnell.“
Solche Fälle sind belastend. Für alle Beteiligten. Sieglinde Jakob hat sich im Laufe der Zeit ein dickes Fell zugelegt: „Du darfst das alles nicht zu nah an dich heranlassen. Sonst wirst du wahnsinnig!“

Von Robert Edler
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