Der Zauber des Orients

Inge Hoffbauer alias Tulay liebt Märchen und Musik. Foto: Stöbich


Schon als junges Mädchen war Inge Hoffbauer fasziniert vom Zauber der orientalischen Welt mit ihren fremdartigen Düften und Klängen. In ihrem Studio weiht sie seit fast drei Jahrzehnten Frauen von Aichach bis Königsbrunn in die Kunst orientalischer Tänze ein.

Aladdin und Ali Baba, der kleine Muck und Kalif Storch - diese Märchenfiguren haben Hoffbauer von klein auf ebenso begeistert wie wehende Schleier und glitzernder Schmuck im Film "Das indische Grabmal". Bevor sie aber von ihrer Leidenschaft leben konnte, ließ sie sich zur staatlich geprüften Ergotherapeutin ausbilden und heiratete 1978 in München ihren Mann Karlheinz. "Weil unsere Kinder nicht in der Stadt aufwachsen sollten, sind wir dann nach Friedberg gezogen."

Dort signalisiert im Garten an der Schlossstraße ein goldenes Kamel, dass sich in diesem Anwesen etwas Besonderes verbirgt. Wer das umfunktionierte Wohnzimmer betritt, fühlt sich in eine märchenhafte Szene aus 1001 Nacht versetzt: Musikinstrumente und exotische Kostüme, eine Pharaonen-Maske, Schleier und Schmuck bedecken die Wände des Tanzstudios Tulay.

"Das wird wie Tülei ausgesprochen und bedeutet verschleierter Mond", erklärt sie ihren Künstlernamen. Mit ihrer Tochter Jennifer tritt sie in der Gruppe "Scarabäa" bei Beschneidungs- und Stadtfesten, Hochzeiten oder Firmenfeiern auf. Mehr als 200 Choreografien hat Hoffbauer bisher entworfen. Dabei verbindet sie traditionelle Tanzformen mit modernen orientalischen und spanischen Stilelementen.

"Mein Weg hat begonnen, als ich 1986 in einem türkischen Lokal in Friedberg bedient habe." Dort weckte ein erster kurzer Auftritt das Interesse einiger Zuschauerinnen und aus anfangs fünf Frauen wurden es in der Tanzgruppe bald 20 Mal so viele. Einen Palast der 1001 Träume auf die Bühne zu stellen wie bei ihren erfolgreichen Aufführungen in der Friedberger Stadthalle, das bedeutet monatelange Arbeit. "Dank des Internets kommt man heute leichter an Kleider und Accessoires, aber in den ersten Jahren mussten wir alles mühsam in Handarbeit herstellen."

Für einen Tanzgürtel fuhren Inge und Karlheinz Hoffbauer zum Wertstoffhof, kauften Metall und stanzten daraus glitzernde Münzen. "Für einen BH haben wir tagelang Pailetten und Perlen aufgefädelt und genäht". Neue Kostüme kauft Tulay jeden Herbst bei der großen Orient-Messe in der Fischacher Staudenland-Halle; aufgrund ihrer Studien bei den besten Tänzern aus Ägypten, Marokko und Tunesien verfügt sie auch über gute internationale Kontakte.

"Für Gesang, Musik und Tanz interessiere ich mich schon seit der frühen Jugend", sagt sie. So spielt sie Flöte, Gitarre und Klavier und nimmt seit einigen Jahren auch Trommelunterricht.

Trotz jahrelanger Bühnenerfahrung wird das Lampenfieber aber nicht weniger: "Aufgeregt bin ich noch immer, ob auch alles klappen wird, und man lernt ja nie aus." Wenn manche ihrer Schülerinnen zu große Angst vor dem öffentlichen Auftritt haben, zeigt sie ihnen im Garten das Kamel mit dem doppeldeutigen Namen "Mach-Mut". Der Vierbeiner stammt aus dem Fundus des Augsburger Theaters.

"Orientalischer Tanz hat nichts mit Striptease zu tun", stellt Tulay klar. Der gängige Begriff Bauchtanz sei irreführend, "weil es nicht nur um Hüftgewackel geht, sondern der ganze Körper beteiligt ist". Sogar bei der Geburtsvorbereitung wird der Tanz genutzt, wobei die Bewegungen gezielt auf die Bedürfnisse von Schwangeren abgestimmt sind. Ursprünglich kommt diese Art des Tanzes aus Ägypten und Mesopotamien, dem alten Orient. Im Ägypten der Pharaonenzeit haben die Frauen hinter verschlossenen Türen tatsächlich oben ohne getanzt. "Dabei muss man bedenken, dass damals Ägypten und der Orient noch nicht so stark moslemisch fundamental geprägt waren wie heute; in vielen alten Kulturen war es ganz normal, dass Frauen oben ohne oder lediglich mit durchscheinenden Stoffen gekleidet gingen."

Heute werden auf der Bühne auch moderne Mittel eingesetzt, zum Beispiel Stoffe, die es früher nicht gab, oder Musik von digitalen Medien. Es gibt sogar Kostüme, in die LED-Lichter eingearbeitet sind. "Jeder Tanz ist eine Huldigung an die Weiblichkeit", sagt Hoffbauer. "Bei uns fühlen sich auch Frauen ohne Idealfigur gut aufgehoben und lernen, den eigenen Körper zu akzeptieren und schön zu finden." Diese neue Körpererfahrung bewirke auch Veränderungen im Bewusstsein. (Peter Stöbich )
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