Ehrenamt im Porträt: Der Fahrrad-Doktor im Kinderheim Friedberg

  Friedberg: Kinderheim Friedberg e.V. | Ehrenamt im Porträt: der Fahrrad-Doktor im Kinderheim Friedberg

Es ist Montag. Eigentlich ein ganz normaler Tag im Kinderheim, mit festem Ablauf: Mittagessen, Hausaufgaben, Spielen in der Freizeit.
Was aber den Montag doch so besonders macht, ist der Besuch von Josef. Der Fahrrad-Doktor.

Der 13jährige Jonas ist schon ziemlich aufgeregt. Heute wird sein Fahrrad repariert!
Aber erst muss es untersucht werden. Und das geschieht auch gleich, mit Hilfe Josef‘s reicher Erfahrung.

„Jonas, du darfst zuschauen, damit du was lernst.“, sagt Josef und macht seinen mitgebrachten Werkzeugkoffer auf.

Erste Diagnose: der Sattel ist zu locker.
Das muss wieder gerichtet werden. „Mit passendem Werkzeug ist es kein Problem!“, sagt Josef und fängt auch gleich an zu werkeln. Dabei bleibt der Jonas keinesfalls ein passiver Zuschauer. Mit grossem Interesse, erweist er sich als zuverlässiger, hilfs- und lernbereiter Assistent.

Nach dem Sattel wird die Beleuchtung geprüft. Die hintere Beleuchtung hängt heraus. „Hoffentlich ist sie nicht kaputt!“
Josef holt wieder das passende Werkzeug aus den Werkzeugkasten heraus und macht sich ran an die vordere und hintere Beleuchtung: Funktionstüchtigkeit prüfen, Kabel wieder richten, hintere Leuchte befestigen. Alle beide werkeln fleißig und begeistert an Jonas Fahrrad. Dabei bekommt Jonas eine wahre Lektion in Fachkunde Strom.

Mit viel Geduld erklärt Josef dem neugierigen Jonas sein Vorgehen während des Reparieren und wie der Dynamo überhaupt funktioniert. Wie es dazu kommt, dass die Leuchte brennt.

Weiter werden die Bremsen überprüft und nachgezogen. Und, während dessen, hört sich der Jonas die Geschichte mit dem Rennradfahrer an, der auf dem Grossglockner Pass - „die höchste Passstrasse Europas!“ - unterwegs war, und wie er, kurz vor der Kurve, in einer Schlammpfütze gelandet ist. Zum Glück ist es ihm nichts schlimmes passiert. „Nur ausgeschaut hat er wie eine Sau!“ - ergänzt Josef, zur Belustigung des aufmerksamen Jonas. Und gleich danach die Lehre: bei langen steilen Wegen abwechselnd bremsen! Und die physikalische Erklärung dazu lässt auch nicht lange auf sich warten.

Seit Oktober 2013 kommt Josef jeden Montag ins Kinderheim und kümmert sich um die teils eigenen, teils spendierten Fahrräder, die den Kindern zur Verfügung stehen. Jedes Kind hat sein Fahrrad. Und jedes Fahrrad muss immer wieder zu einem guten Zustand gebracht werden. Jonas Fahrrad ist das fünfte, das Josef zur Reparatur bekommt. Zwei warten noch auf Ersatzteile.

Diese anstrengende aber bereichernde Aufgabe hat Josef freiwillig übernommen.
Wenn er gefragt wird, warum er das macht, antwortet er sehr bescheiden: „Aus Spaß. Und, weil ich ganz einfach den Kindern die Möglichkeit geben möchte, dass sie das einzige Verkehrsmittel, das für Kinder geeignet und zugelassen ist, nämlich das Fahrrad, zu benutzten. Wenn ein Kind kein Fahrrad benutzt, benutzt es es als Erwachsene auch nicht und fährt jede 50 Meter mit dem Auto. Und das ist das was wir uns eigentlich künftig nicht mehr erlauben können.“

Seit 40 Jahren repariert Josef schon Fahrräder. Für die ganze Familie. Diese Leidenschaft hat er von seinem Großvater geerbt und gelehrt bekommen und sie auch weiter an seinen Kindern übergeben. Und jetzt den Kindern im Kinderheim.
„Die Kinder lernen dabei wie es geht. Eigentlich, mit 11 Jahren sollte jedes Kind kleine Reparaturmaßnahmen an sein Fahrrad selber unternehmen können.“

Laut Josef, haben die Kinder im Kinderheim sehr positiv auf seine Reparatur-Aktionen reagiert. „Bis jetzt waren alle begeistert, dass das Fahrrad auf einmal wieder funktioniert.“ Und der Jonas bestätigt auch gleich: „er ist wirklich eine große Hilfe!“.

Weiter geht‘s dann mit den nächsten „Krankheiten“: die Schaltung wird geprüft, die Kette wird eingeschmiert, die Reifen werden gewechselt.
Am Schluss bekommt der Jonas fast ein nagelneues Fahrrad. Und das macht ihn sehr glücklich. Er liebt nämlich Fahrradfahren. Endlich kann er wieder zur Schule radeln. Das ist viel schöner als mit dem Linienbus, meint Jonas.

„Aber vorerst musst du die Bremsen testen, auf einem Parkplatz am besten. Nicht dass du auf einmal einen Kopfstand machst...“, rät ihm der Josef in seinem grossväterlichen Ton.
Weil Josef nicht nur der Fahrrad-Doktor ist, sondern auch eine ambulante Enzyklopädie. Und eine Art Opa vor Ort. Jeden Montag, am Nachmittag.

Cristine Walter
Ehrenamtlich für die Freiwilligenagentur mitanand & füranand im Wittelsbacher Land
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