Ein Ort der Begegnung

Diese Familie aus Afghanistan hat sich gerade neu eingekleidet. Foto: Lütke-Wissing

Seit Mai 2014 hat die ehemalige Kleiderkammer des Roten Kreuzes in Friedberg, Bauernbräustraße 1, mit neuem Konzept geöffnet. „Anziehend“ – so der neue Name – ist ein Second-Hand-Kleiderladen mit allem, was dazu gehört: zentrale Lage, dekorierte Schaufenster, modische Second-Hand-Kleidung und Verkäuferinnen, die einen beraten.

Das „Anziehend“ steht allen Leuten offen, Menschen unterschiedlichster Art treffen aufeinander: Ehrenamtliche, Menschen, die Kleider spenden, Arbeitslose, Senioren mit geringer Rente, Flüchtlinge auf der Durchreise, Asylbewerber, aber eben auch Menschen, die einfach gern ein modisches Schnäppchen machen wollen. Dass der Laden auch ein Ort der Begegnung ist, ist „Anziehend“-Leiterin Christiane Menke-Stumpf ganz wichtig.

Und Robert Erdin, Geschäftsführer des BRK Friedberg, erklärt: „Wer wenig Geld hat und entsprechende Belege vorlegt, bekommt von uns eine Kundenkarte ausgestellt, mit der er dann zum halben Preis einkaufen kann.“

Inzwischen helfen knapp 30 ehrenamtliche Mitarbeiter im Laden mit: Sie nehmen gebrauchte Kleidung und Schuhe an, sortieren und zeichnen sie aus, bestücken die Regale, halten den Laden sauber, räumen auf, dekorieren, beraten und kassieren. Eine von ihnen ist Tanja Hartwich, Mutter von zwei kleinen Kindern. Mit 28 Jahren ist sie das „Küken“ unter den meist älteren Ehrenamtlichen. Sie kommt einmal pro Woche für etwa fünf Stunden. „Meine Mutter gibt ehrenamtlich Deutschkurse für Ausländer. Ihr Vorbild hat mich zum Ehrenamt gebracht“, berichtet Hartwich, die Sprachen studiert hat und ihre Englisch- und Französischkenntnisse vor allem bei Flüchtlingen einsetzen kann. „Wenn ein Kind jetzt barfuß in den Schuhen hier ankommt, bewegt mich das schon. Als Mutter freue ich mich, wenn ich Kinder passend anziehen kann“, so Hartwich. Hin und wieder ergattert sie auch für ihre Kinder ein modisches Schnäppchen.

Die Spendenbereitschaft der Friedberger ist nach wie vor enorm – trotz Zeiten von Ebay. In den Sommerferien haben die Ehrenamtlichen vorgepackte Taschen mit Erstausstattung für die Flüchtlinge in die Turnhalle des Gymnasiums geliefert, jetzt kommen die Asylbewerber direkt in den Laden. „Das entspricht viel mehr unserem Konzept. Denn hier können die Menschen selber entscheiden, was sie haben möchten“, findet Menke-Stumpf begeistert.
Wenn dann Chaos im Laden herrscht, fordert Menke-Stumpf kurzerhand alle auf Englisch und mit Händen und Füßen zum Mithelfen auf: den Mann, der gerade einen Sack mit Kleidung abgegeben hat, genauso wie die Flüchtlingsfamilie. „Jetzt heben wir einfach mal alle Bügel auf und räumen schnell auf.“

Menke-Stumpf freut sich auch in stressigen Zeiten über ihre Arbeit: „Trotz der vielen Schicksale, denen man hier begegnet, ist die Arbeit sehr bereichernd. Es ist schön zu sehen, dass das Team vom Anfang noch vorhanden ist und die neuen Ehrenamtlichen sich sehr gut integriert haben.“ Erfreulich sei auch, dass man bei vielen Ehrenamtlichen eine persönliche Weiterentwicklung merke. Auch die Unterstützung durch die Friedberger Geschäfte sei vorbildlich.

In Aichach soll demnächst ein weiterer Laden mit gleichem Konzept eröffnen. Hierfür werden noch Ehrenamtliche gesucht, die mindestens vier bis fünf Stunden pro Woche Zeit haben. Sprachkenntnisse sind von Vorteil, aber keine Voraussetzung. Ehrenamtliche sollten keine Berührungsängste haben. Interessierte können sich an Claudia Bayer vom BRK Aichach-Friedberg wenden.

Von Peter Lütke-Wissing
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.