Ein Salon für Freude und Trauer: In Friedberg hat Kunstherapeutin Renata Baumgärtner ein Atelier eröffnet

Renata Baumgärtner lädt in ihr Atelier für Kunsttherapie und Kultur ein. Foto: Stöbich
Friedberg: Friedberg |

Es ist ein ungewöhnlicher Ort, den Renata Baumgärtner für alle Friedberger in der Herrgottruhstraße 1 eingerichtet hat: In ihrem "Salon auf Zeit" stehen ein altes Klavier und ein Monochord neben einer ausgedienten Theaterkulisse, von Regalen und Vitrinen blicken den Besucher Keramik-Masken an, dazwischen gibt es Bücher und allerlei Krimskrams.

Ebenso bunt ist das Angebot, das die Kunsttherapeutin in diesem Raum macht; unter anderem kann man hier malen und musizieren, singen, schreiben, schweigen, tanzen oder trommeln.
"Mein Atelier soll ein Ort für Menschen sein, die sich berühren und inspirieren lassen wollen", sagt die 75-jährige und zitiert dazu Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!"
Der Begriff Salon bezeichnet einen Raum des Diskurses und des geselligen Beisammenseins, auf Zeit heißt er deshalb, weil der Abbruch des Gebäudes bereits feststeht, der genaue Zeitpunkt aber noch nicht. Seit 2009 war Baumgärtner auf der Palliativ-Station am Klinikum Augsburg tätig und musste vergangenes Jahr dort Abschied nehmen. „Es war eine der schönsten und bereicherndsten Phasen meines Leben“, sagt sie.
Das Konzept, ein gestalterisches Angebot zur Trauerbewältigung zu kreieren, knüpft an ihre langjährige Palliativerfahrung an. „Es gibt Menschen, die nach einem Verlust in ein tiefes Loch fallen“, weiß Baumgärtner; ihnen müsse man das Leben wieder schmackhaft machen. „Mit unserem Seminar ’Schau, wie leicht Schweres werden kann’ wollen wir der Hilflosigkeit mit kreativen Medien wie Ton, Farbe, Musik oder Poesie begegnen.“ . Die Teilnehmer benötigen keine Vorkenntnisse.
Vom 8. April bis 13. Mai läuft dieses Seminar an sechs Samstag vormittagen; anmelden kann man sich über das St. Afra-Hospiz unter der Telefonnummer 0821/2689126. Baumgärtner: "Wir wollen Trauernden Versöhnendes an die Hand geben, um besser weiterleben zu können."
Aber nicht nur für Schmerz und Trauer soll in ihrem Friedberger Atelier Platz sein, sondern ebenso für Freude und Lachen. Am Palmsonntag, 9. April, gibt es um 15 Uhr bei freiem Eintritt eine Lesung mit japanischer Musik, ab 12. Mai eine regelmäßige Mittwochs-Gesprächsrunde beim Tee.
Spontanes Musizieren, das experimentelle Spiel mit Masken, Meditation mit einer Hand voll Ton und vieles mehr - die Ideen gehen der Kunsttherapeutin nicht so schnell aus. Das musische und kreative Gen hat sie von ihrer Mutter, einer Galeristin und Keramikerin, und ihrem Großvater mitbekommen, der in Wien Professor für Bildhauerei war.
Bis sie sich jedoch selbst getraut hat, frei zu sein, musste Baumgärtner einen langen und manchmal schmerzhaften Lebensweg gehen: Mit fünf Geschwistern ist sie in Augsburg aufgewachsen und musste Krankenschwester lernen, obwohl sie lieber Bildhauerin geworden wäre.
Lange Jahre in einem Kinderheim sowie eine Lungenkrankheit haben sie geprägt, aber nicht gebrochen, und so kann sie dank all ihrer Erfahrungen heute anderen Menschen helfen, die Aufmunterung, Gespräch, Hilfe oder Trost brauchen. "Als ich neben meiner Arbeit in Augsburg auch noch mein Atelier in der Friedberger Sozialstation verloren hatte, fragte ich mich: Weißt du denn, ob es ein Unglück ist?", sagt sie.
Doch in der bewussten Auseinandersetzung mit Krisen liege auch die Chance, das Leben auf eine tiefere Weise zu begreifen und sich selbst neu zu ordnen. Heute freut sie sich über ihren Salon, in dem ganz ohne Smartphone miteinander kommuniziert, gelacht und gweint wird.
Nähere Informationen zu allen Angeboten und Veranstaltungen in der Herrgottruhstrasse1 gibt es unter der Telefonnummer 0821/7471 777.
1
Einem Autor gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.