Hier kauft der Osterhase ein: Alltag einer Legehenne

3000 Legehennen und 15 Hähne leben auf dem Kerlehof. (Foto: Ines Speck)

3000 schwatzhafte und fleißige Österreicherinnen wohnen auf einer Anhöhe bei Wollomoos. Sie bevölkern einen Wintergarten und eine 12 000 Quadratmeter große Wiese mit Büschen und Unterschlupfmöglichkeiten. Im Inneren ihres „Anwesens“ haben sie verschiedene Bereiche auf unterschiedlichen Ebenen zur Verfügung: Voliere und geschützte, dunklere, fast kuschlige Nester. Jährlich 280 Eier beschert jedes Tier durchschnittlich der Familie Kerle, die seit 2013 Bio-Legehennen im Nebenerwerb hält. „Zu Ostern können’s nicht genug sein“, schmunzelt Marianne Kerle. Laut Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums würden pro Haushalt zu Ostern zwei bis drei Eier mehr gekauft als üblich. Jeder Deutsche verdrückte im vergangenen Jahr 235 Eier.

Die Formel fürs Ei ist einfach: 250 Milliliter Wasser und 130 Gramm Futter ergeben ein Ei pro Tag, fasst kurz und knapp Marianne Kerle zusammen. Das ist der Optimalfall. Denn der bekannte Spruch: „Ich wollt, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun, ich lege jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei“, er stimmt nicht. Zwei Eier am Tag gibt’s nicht, sagen Kerles. Bestleistung sei eins am Tag. „Damit sind wir zufrieden“, sagt Familien- und Hofoberhaupt Rudi Kerle. Dem Ehepaar liegt das Wohl ihrer Hühner am Herzen. Das kommt zum Ausdruck, wenn sie von ihrer Herde sprechen, von der Wertschätzung des Lebens und der Lebewesen. Deswegen auch die Entscheidung für Bio und für diese besondere Herde aus Österreich, bei der der Bruderhahn mit aufgezogen wird und nicht sterben muss.
Zusammen mit ihrer 19-jährigen Tochter Vroni steht das Ehepaar Kerle am übermannshohen Maschendrahtzaun, der den Grünlandauslauf umgibt und freuen sich am Anblick ihrer weißgefiederten Tiere, daran, wie sie es genießen, kurz nach 10 Uhr, nachdem sich die Luken des Stalls automatisch geöffnet haben, an die frische Luft zu kommen. Manche spazieren gackernd umher, die meisten picken und scharren am Boden, der teilweise mit Erde und Steinchen, teilweise mit hohem Gras bedeckt ist. Plötzlich kräht einer der 15 Hähne, die zwar nichts produzieren, aber trotzdem auf dem Hof leben (dürfen). Wie auf Kommando rennt ein Teil der Hühner in den Stall, die anderen reihen sich unter den Büschen auf.
„Was ist jetzt da los?“, fragt Marianne Kerle. Gleich ist der Alarmauslöser gesichtet: Zwei Falken ziehen eine Runde übers Gehege. „Die tun den Hühnern zwar nichts“, erklärt Rudi Kerle, doch das Ereignis zeigt, wie die Kleinherden funktionieren und wofür die Gockel gut sind. Mehrmals täglich schaut Familie Kerle nach ihren Hühnern. Die drei Kinder – Vroni, Rudi jun. (17) und Johannes (14) – sind auch mit eingespannt. Kontrolliert wird: Wie geht es den Tieren? Haben sie genug getrunken und gefressen? Ist im Stall alles in Ordnung? „Schaut oder läuft eine anders?“, erklärt Marianne Kerle. Die 48-Jährige habe inzwischen einen guten Blick für ihre Herde. „Da merkt man gleich, wenn was nicht passt.“
Einmal im Jahr wechselt die Legemannschaft auf dem Bioland-Hof Kerle. Mit einem Alter von 18 Wochen, also „legereif“, kommen dann 3000 neue Hennen in den Stall. Die nächsten paar Wochen gewöhnen sie sich ein. „Am Anfang ist es schon ein bisschen pflegeintensiver“, plaudert Vroni aus dem Nähkästchen. Teilweise müssten die Hennen in die Nester getragen werden zum Eier legen. „Manche legen sich dazu am Anfang auf den Boden.“ Doch wissen die Stallbewohner schnell Bescheid, nutzen die Nester zum Legen (und Kuscheln), reagieren prompt auf das Rasseln der Kette, die siebenmal am Tag mechanisch Bio-Körnerfutter liefert, wissen mit den Nippeltränken umzugehen und nutzen ihren ganzen Raum.
Neu mit der aktuellen, inzwischen vierten, Herde ist bei Kerles die Legehennen-Rasse Sandy. „Etwas lebhafter“, beschreibt Marianne Kerle die Tiere. Das Besondere an Sandy: Die Rasse mit den cremefarbenen Eiern kann nicht nur Ei oder Fleisch, sondern beides. Pro Henne darf ein Hahn mit aufwachsen; über den Erlös aus den Eiern wird die Aufzucht der Bruderhähne bis zum schlachtfertigen Bio-Junghahn möglich gemacht. Diese werden nach ökologischen Richtlinien auf einem Partnerbetrieb mit Zugang zum Freiland aufgezogen. Das Fleisch gehe zumeist in die Verarbeitung, in Wurst zum Beispiel, erklärt Rudi Kerle. Eine solche Bratwurst hat er schon gegessen. „Schmeckt gut“, sagt er, „das Fleisch ist etwas fester“. Mit der „Initiative Bruderhahn“ wollen Biobetriebe dem Massentöten männlicher Küken ein Ende setzen.
Die 3000 Sandys und ihre 15 Hähne auf dem Kerlehof dürfen täglich ab 10 Uhr vormittags – dann öffnen sich die Luken des Stalls – bis es dunkel wird ins Freie. Dort hat rein rechnerisch jedes Huhn vier Quadratmeter Platz. Die Nacht verbringen die Tiere – geschützt vor Fuchs und Greifvogel – im Stall bei geschlossenen Luken. „Das kontrollieren wir täglich“, bekräftigt die Bäuerin, „wir haben Angst vorm Fuchs und würden unsere Hühner gern behalten.“
Allerdings nur etwa 14 Monate lang, dann lässt die Leistung der Hühner nach, die Schalenfestigkeit vermindere sich, und es greifen wirtschaftliche Zwänge, erkärt Rudi Kerle. Teilweise nehmen Leute aus der Region dann „Alt-Hennen“ ab, die meisten aber landen als Suppenhuhn im Topf. Suppenhühner erfreuten sich besonders zur Grippezeit großer Beliebtheit, berichten Kerles. „Des schmeckt fei guad“, machen sie Werbung für ihre Produkte, gesund sei es obendrein. Was nicht Suppenhuhn wird, wird zum Beispiel zu Babynahrung verarbeitet. „Unsere Hennen werden zu 100 Prozent verwertet“, darauf legt der Chef des Hofs wert. Denn ihm ist eine „Kreislaufwirtschaft“ sehr wichtig.
Für seine Felder – Kerle baut Getreide, Mais und Erbsen an – nimmt er als „wertvollen Dünger“ den Hühnermist. Der lässt das Futter für seine Hühner wachsen. Die legen Eier, die ihm ein gutes Auskommen bescheren. Weggeschmissen wird kaum was. Ist ein Ei nicht schön oder beschädigt, dann werde es für Eierlikör oder Nudeln verwendet, erzählt Tochter Vroni. „Oder in Rührei – aber irgendwann kannst koa Rührei mehr seng“, lacht sie.
Mit der Bio-Haltung liegen Kerles im Trend: Die Zahl der Tiere, die in der ökologischen Erzeugung gehalten werden, stieg 2016 um 11,7 Prozent.
Und was ist das Beste am Bioland-Hühnerhof? „Das Ei“, sagt Marianne Kerle. „Der Mist“, sagt ihr Mann Rudi. Und beide schätzen die Freiheiten, die ihnen die Hennen im Gegensatz zu ihrem Milchvieh früher, gewähren, sowie den Kontakt zum Kunden. Deswegen sind auch Schulklassen gern gesehene Gäste. Damit die Kinder wissen, woher die Frühstückseier kommen.
(Von Ines Speck)
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2 Kommentare
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Peter Rauscher aus Stadtbergen | 16.04.2017 | 13:41  
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Sebastian Summer aus Aystetten | 16.04.2017 | 18:30  
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