Niedecken im Wohnzimmer

Ließ sich viel Zeit bei seinem Gig in Friedberg: Kölsch-Rock-Ikone Wolfgang Niedecken (Mitte), zusammen mit Geigerin Anne de Wolff und dem Gitarristen Uli Rode. Fotos: Thomas Winter
 
Der Gastgeber: (Zweiter von links) Sebastian Frisch.


Wenn es einen Rock 'n' Roll-Gott gibt, war er mit Sicherheit am Dienstagabend im Wohnzimmer von Sebastian Frisch in Friedberg. An seinem Piano spielte der 48-Jährige einen seiner absoluten Lieblingssongs, "Hungry Heart" von Bruce Springsteen. Enthusiastisch begleitet wurde er dabei von 40 Freunden und seinem musikalischen Idol: dem BAP-Sänger Wolfgang Niedecken. Den Abstecher in den Landkreis Aichach-Friedberg möglich gemacht hat der Radiosender Bayern 1. Es war Niedeckens bisher erstes Wohnzimmerkonzert in Bayern.

Die Kölsch-Rock-Ikone trat gut gelaunt und völlig ungezwungen in Jeans und schwarzem T-Shirt auf. Von seinem schweren Schlaganfall vor fünf Jahren war nichts mehr zu spüren. Das Einzige, was er davon zurückbehalten habe, sei sein Bart, erzählte der mittlerweile 65-Jährige: Ein Andenken an die Zeit im Krankenhaus, als er eine Körperseite nicht mehr rühren konnte, und eine Rasur ein Massaker in seinem Gesicht angerichtet hätte. "Weil es meiner Frau und den Töchtern gefiel, ließ ich den Bart stehen."

Persönliche Geschichten dieser Art erzählte der BAP-Gründer am Dienstag viele: Von Auftritten in der ganzen Welt, seiner Kölner Stammkneipe, der Liebe zu seiner bayerischen Frau Tina und seiner Abneigung gegen Selfies. Einige der Anekdoten kennt man - auch als Nicht-BAP-Fan. Denn aktuell läuft im Fernsehen die Vox-Show "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert", wo Niedecken aus seinem bewegten Leben berichtet. Solche Geschichten in privater Atmosphäre zwischen Kachelofen und Küche erzählt zu bekommen, während der Sänger seiner Frau Tina zuzwinkert, ist allerdings nur wenigen vergönnt.

Fast drei Stunden dauerte der exklusive Gig in Friedberg auf dem Islandpferdehof der Familie Frisch. Neben Springsteen spielte der Urkölner alte und neuere Stücke aus 40 Jahren BAP, auch aus dem neuen Album. Das Besondere: Auf den Tag genau vor 30 Jahren trat Niedecken in der nicht weit entfernten Sporthalle in Augsburg auf, damals schon mit dabei: Sebastian Frisch, der Bayern-1-Gewinner, ein Fan seit Jugendtagen.

Der 48-Jährige hat bereits um die 40 BAP-Konzerte erlebt. Für ihn haben die Kölner sein Lebensgefühl und den Nerv der Zeit getroffen. Und in dem bekannten Song "Verdammt lang her" hat sich Frisch zu Hause gefühlt, weil sein Vater wie der von Niedecken früh gestorben ist. Frisch hat die Rocker um Wolfgang Niedecken erstmals als Zwölfjähriger erlebt, als sie in Augsburg vor magerer Kulisse in der Kresslesmühle spielten. "Bei dem Auftritt damals waren weniger Leute als heute mit dabei", konnte sich der 65-Jährige noch genau erinnern.

Für die anderen Gäste an diesem Abend ging ebenfalls ein Traum in Erfüllung, es waren allesamt eingefleischte BAP-Fans, so wie etwa Landrat Klaus Metzger. Der Kommunalpolitiker saß mit seiner Frau auf dem Schoß und einem Bier in der Hand versonnen im Publikum und kam aus dem Kopfnicken gar nicht mehr heraus. Karin Schmidt aus Friedberg, eine aus dem kleinen Kreis von rund 40 Auserwählten, konnte ihr Glück ebenfalls kaum fassen: "Seit ich davon erfahren habe, dass ich dabei bin, bin ich wie geflasht. Ich bin seit Urzeiten ein absoluter Fan."

Dabei lief das Privatkonzert völlig unspektakulär an. Vor dem Haus parkten nur wenige Autos, weil viele Gäste mit dem Rad gekommen waren. Im Eingangsbereich gab es Häppchen und Sekt. Nur das Wohnzimmer wirkte anders, als man sich ein normales Wohnzimmer vorstellt: mit Instrumenten und einer großen Tonanlage neben dem Kachelofen.

Ebenso locker betrat Niedecken gegen 19 Uhr die improvisierte Bühne zusammen mit seinen beiden Musikern, Geigerin Anne de Wolff und dem Gitarristen Uli Rode: Wie ein guter alter Freund, der kurz mal auf ein Bierchen vorbeischaut.

Der Altrocker ließ sich mit seinen Stücken demonstrativ Zeit und kommunizierte viel mit dem Publikum. Vielleicht, weil ihn in seiner Heimatstadt Köln kaum noch einer versteht. "Manchmal antwortet mir wochenlang keiner mehr in meiner eigenen Sproch", beklagte der 65-Jährige, denn nur noch wenige würden mit Kölsch aufwachsen. Wie melodiös und melancholisch der Dialekt klingen kann, bewies er mit Liedern wie "Jupp" und "Rita".

Eines der Highlights des Abends war dann Springsteens "Hungry Heart", den Text "op Kölsch" gesungen, den Refrain im Original. Niedecken feuerte das Publikum immer wieder zum Mitsingen und Klatschen an. Bei "Verdammt lang her" brauchte es dann nicht mehr viel Überzeugungskraft: Da hatte sich das 40 Quadratmeter große Wohnzimmer bereits zum Konzertsaal verwandelt, und das Publikum schwelgte längst im Siebten Rockmusik-Himmel - allen voran Sebastian Frisch, der den Kölner Vollblutmusiker am Piano begleiten durfte. Der Friedberger bedankte sich bei Niedecken mit einer CD seiner eigenen Band und zwei Flaschen Rotwein, die, soviel sei verraten, allerdings nicht lange hielten. (Thomas Winter )
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