Spurlos verschwunden aus dem Landkreis Aichach-Friedberg: Mehr als 200 Flüchtlinge sind untergetaucht

Einige Flüchtlinge tauchen unter und verlassen Deutschland, weil sie eigentlich in ein anderes Land möchten. (Foto: David Libossek)

Mehr als 200 Flüchtlinge im Landkreis Aichach-Friedberg sind seit Januar 2016 untergetaucht. Das bestätigt das Landratsamt auf Nachfrage. Wohin die Personen verschwunden sind, ist der Kreisbehörde nicht bekannt. "Dazu haben wir keine Angaben", erklärt Pressesprecher Wolfgang Müller.

In den überregionalen Medien kursieren unterschiedliche Zahlen zu untergetauchten Flüchtlingen. Einmal ist die Rede von rund 140 000, ein anderes Mal von mehreren Hunderttausenden. Das Problem: Auch das Bundesinnenministerium hat nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse, wie viele Menschen derzeit illegal in Deutschland leben.

Viele Gründe unterzutauchen

Die Gründe, warum Personen untertauchen, sind laut Landratsamt unterschiedlich. Manche wollen von Anfang an woandershin, etwa nach Schweden oder in die Niederlande. Sobald sich die Gelegenheit ergibt, reisen sie weiter an ihren Wunschort. Andere wechseln nur das Bundesland, weil dort Verwandte oder Freunde leben. Wieder andere kehren in ihr Heimatland zurück.

Ein häufiger Grund, sich den Behörden zu entziehen, ist, einer drohenden Abschiebung zu entgehen. Von den rund 200 untergetauchten Flüchtlingen im Wittelsbacher Land erhielten 71 vorher eine Ablehnung, davon waren laut Landratsamt aber nur vier rechtskräftig abgelehnt. Die Untergetauchten machten sich also schon vorher aus dem Staub.

Rechtliches zu Asylanträgen und Abschiebungen

Dazu muss man Folgendes wissen: Erhalten Asylbewerber einen Ablehnungsbescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, heißt das nicht, dass sie sofort ausreisen müssen. Sie haben zunächst das Recht, Klage gegen den Bescheid einzulegen. Am Verwaltungsgericht Augsburg finden wöchentlich Dutzende Verfahren dieser Art statt.

Tatsächlich abgeschoben wurden im Landkreis seit 2016 bisher übrigens lediglich sechs Personen, drei reisten freiwillig aus. Beim überwiegenden Teil der etwa 450 abgelehnten Asylanträge im Wittelsbacher Land steht die Rechtskraft zudem noch aus. 30 Personen, deren Asylantrag negativ beschieden wurde, sind aktuell geduldet. Heißt: Ihre Abschiebung ist ausgesetzt. Gründe dafür sind beispielsweise, dass keine gültigen Reisedokumente vorliegen.

Seit Mitte vergangenen Jahres gibt es außerdem die sogenannte Ausbildungsduldung (3+2-Regelung). Sie wurde auf Druck der Wirtschaft ins Leben gerufen. Demnach haben Flüchtlinge für die Dauer ihrer Ausbildung und zwei weitere Jahre zur Ausübung des gelernten Berufs ein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Im Landkreis hat bisher noch keiner eine Ausbildungsduldung erhalten. Laut Kreisbehörde sind derzeit aber rund fünf Fälle in Prüfung.

Fahndung in anderen Bundesländern

Laut Erich Weberstetter, Dienststellenleiter der Polizei Aichach, wurden die Untergetauchten bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben. Sofern sie in Berlin, Hamburg oder Hessen von der Polizei überprüft werden, lässt sich anhand der Fingerabdrücke feststellen, dass er oder sie aus dem Landkreis stammt.

Stellt sich heraus, dass der Flüchtling nur deshalb widerrechtlich verreist ist, um bei einem nahen Verwandten zu sein, wird eine Familienzusammenführung geprüft. Grundsätzlich, so Weberstetter, machen sich Asylbewerber, die gegen die Residenzpflicht verstoßen, aber einer Ordnungswidrigkeit und in einzelnen Fällen sogar einer Straftat schuldig.

Die aktuell 1164 im Landkreis lebenden Asylbewerber sowie die 350 anerkannten Flüchtlinge wurden übrigens alle erkennungsdienstlich erfasst.

Zwei Fälle in der Region Aichach sind bekannt, in denen anerkannte Asylbewerber vorübergehend in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt sind. Die Gründe für einen solchen Kurztrip sind oft gravierender Natur, etwa weil ein naher Angehöriger gestorben ist.
(Von Thomas Winter)
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.