Diabetikerwarnhunde aus dem Augsburger Land: Sensor auf vier Pfoten

Vertrautes Gespann: Tanja Steinhauser mit Gino und Mira, die gerade zum Diabetikerwarnhund ausgebildet wird. Fotos: Pfeilstetter
 
Der zweijährige Gino ist ein spanischer Wasserhund.

"Er ist mein drittes Auge, das über die Wolken blickt, mein drittes Ohr, das über die Winde lauscht. Er ist der Teil von mir, der sich bis zum Meer erstreckt." (Gene Hill/He's my dog)

Das flauschige Energiebündel mit den braunen Flecken im Gesicht tobt herum. Doch plötzlich erstarrt Gino, ein spanischer Wasserhund, mitten in der Bewegung, läuft schnurstracks zu Frauchen Tanja Steinhauser und bellt sie an. Sofort greift die 33-Jährige zu ihrem Messgerät - Unterzucker! Jetzt muss es schnell gehen: Tanja Steinhauser muss reagieren, sonst wird es lebensbedrohlich.

Gino hat einen ganz besonderen Riecher. Er ist ausgebildeter Diabetikerwarnhund. Er erschnüffelt bei seinem Frauchen jede Veränderung des Zuckerspiegels und gibt dann lautstark Bescheid - durch bellen, stupsen oder kratzen.

Der Blutzuckerspiegel von Tanja Steinhauser sackt mehrmals täglich in den Keller. "Das kann auch mal rasend schnell gehen, so dass ich es selbst gar nicht merke." Unterzucker kann bei Diabetikern Herzrasen, Sprach- und Sehstörungen, auslösen, "Man kann nicht mehr klar denken und im schlimmsten Fall ins Koma fallen." Dass Gino rund um die Uhr auf sie aufpasst, gibt Steinhauser im Alltag Sicherheit.

Die fröhliche junge Frau erkrankte vor elf Jahren an Typ-1-Diabetes. Das ist eine Autoimmunkrankheit aufgrund einer Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Steinhauser trägt mittlerweile eine Insulinpumpe, die das lebenswichtige Hormon an ihren Körper abgibt. Zwar nimmt sie eine starke Überzuckerung wahr, doch vor allem, wenn sie körperlich sehr gefordert ist, merkt sie zu spät, dass sie unterzuckert ist - was zur Bewusstlosigkeit führen und lebensgefährlich sein kann.

Vor fünf Jahren las sie einen Bericht über Diabetikerwarnhunde. Auf Euphorie folgte Ernüchterung: 20 000 Euro für einen Hund konnte sie nicht bezahlen. Doch dann stieß sie auf eine Hundetrainerin in Baden-Württemberg, die gerade einen Hund ausbildete und ihr riet, über Stiftungen Spenden zu sammeln. Das tat Steinhauser, Gino zog in Gablingen ein und wurde zum neuen Gefährten auch für ihren Mann und den vierjährigen Sohn.

Steinhauser, die in einem Altenheim als Verwaltungsangestellte arbeitet, war das aber nicht genug. Sie ließ sich selbst zur Hundetrainerin ausbilden und bietet nun als Einzige in Schwaben die Ausbildung für Diabetikerwarnhunde an.

Gerade bildet sie die viermonatige Mira aus. Doch auch Hunde, die schon in einer Familie sind, werden von ihr konditioniert. Von der Rasse unabhängig ist jedoch nicht jeder Hund geeignet. Der Grundgehorsam muss sehr ausgeprägt sein, der Hund muss gerne für seinen Menschen arbeiten. Ein halbes Jahr dauert die Ausbildung.

Was genau die Hunde riechen, darüber streiten die Wissenschaftler noch. Aber es scheint ein Zusammenspiel aus Geruch und Körpersprache zu sein. Kleinste Veränderungen nehmen die Hunde an ihrem Menschen wahr. Der Schweiß in Stresssituationen, die zum Beispiel ein Unterzucker auslöst, verändert sich. Ein in dieser Situation getragenes Kleidungsstück wird dem Hund unter die Nase gehalten. Durch die Geruchsträger und Leckerlis wird der Hund konditioniert. Er lernt die Situation zu erkennen und durch Bellen oder Kontaktaufnahme anzuzeigen, die Messtasche zu holen, Türen zu öffnen, Licht anzumachen, das sogenannte Koma-Bellen und Hilfe holen. 4200 Euro kostet die Ausbildung, bei der sich Steinhauser aber nur als Begleiterin sieht. Konsequent trainieren müssen Mensch und Hund in ihrem Alltag täglich.

"Wir haben keine Erfahrungswerte mit diesen Hunden. Im stationären Bereich spielt das keine Rolle", sagt Oberarzt Dr. Florian Kopp vom Diabeteszentrum am Klinikum Augsburg Süd. Von den Krankenkassen wird die Anschaffung solch eines Assistenzhundes nicht unterstützt. Skeptisch sieht Elke Popp vom Diabetikerbund Bayern die Anschaffung eines Diabetiker-Hundes in Hinsicht der Verlässlichkeit. "Es ist und bleibt ein Tier. Der Hund kann abgelenkt werden oder auch mal falsch reagieren." Auch dürfe der Hund, anders als ein Blindenhund, nicht überallhin mit. "In die Schule darf das Kind den Hund nicht mitnehmen."

Der Diabetikerbund befürwortet zuverlässigere Messsysteme, wie CGM-Systeme. Das sind Geräte, die rund um die Uhr alle fünf Minuten den Glukosegehalt in der Gewebeflüssigkeit des Unterhautfettgewebes messen. "Da ist Kontrolle da und man lernt mit Diabetes umzugehen. Aber für die Psyche ist ein Hund immer gut", so Popp.

Für Tanja Steinhauser steht trotz allem fest: Ein Leben ohne Gino kann sie sich nicht mehr vorstellen und sie kann sich auf ihren Hund verlassen. Aber es bleibt auch für sie beide ein lebenslanges Üben, denn: "Gino ist keine Maschine, sondern auch nur ein Hund", sagt Tanja Steinhauser und streichelt zärtlich durch das wuschelige Fell. (Katharina Pfeilstetter )
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