Kunst im Knast

37 Meter lang, sechs Meter hoch: die „Schildwand“ an der Torwache der neuen JVA in Gablingen. Foto: Siegfried P. Rupprecht
 
Eine Wandzeichnung mit Tusche des Nürnberger Künstlers Gerhard Mayer im Mehrzweckraum des Gablinger Gefängnisses. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Gerhard Mayer inszeniert den Raum. Seine grafischen Darstellungen sind visuell intensiv. Geprägt von technischer Exaktheit. Der Betrachter assoziiert gebogene Linien, Punkte, Kugeln, Wellen, Wolken, Strudel oder Ellipsen. Zuweilen wirken sie wie eindrucksvolle optische Metaphern. Diese Vorstellungswelt spiegelt sich in insgesamt 14 Kunstwerke in der neuen Justizvollzugsanstalt in Gablingen wider. Gerhard Mayer hat sie erdacht, komponiert und dort ausgeführt.

Von außen ist nur ein Werk zu sehen. Das allerdings ist Hingucker. Auf einer Länge von 37 Metern und einer Höhe von sechs Metern überragt die „Schildwand“ - so Gerhard Mayers Titel für ein von ihm gestaltetes Mauerstück aus Stahlbeton – die Torwache des Gefängnisses. Mit Mineralfarbe hat er hier eine rasante Wolkenformation kreiert. Ein Großprojekt das nicht nur den ewigen Naturkreislauf des Werdens und Vergehens symbolisiert, sondern vor allem die Wolken als besondere Zeichen am Himmel zeigen. Als Zeichen nämlich, die den Himmel begrenzen und so die unendliche Weite erträglich machen.

Strenges Regelwerk

Die anderen 13 Werke sind nur den Häftlingen oder den Besuchern des Gefängnisses sichtbar. Dabei fallen die speziellen Anordnungen der Formen auf. Sie alle weisen auf ein strenges Regelwerk hin. Basis dazu bilden Tausende von Ellipsenteilstücken. Wie Energieströme überfluten die Linien, Wirbel, Kaskaden und Explosionen die Wände. Dahinter steckt Kalkül. Sie wollen den Betrachter mitreißen, ihn in eine andere Welt entführen und ihn von Ferne und Freiheit träumen lassen. Für Gefängnisinsassen sicher eine nachvollziehbare Situation.
Gerhard Mayer wurde für die künstlerische Gestaltung der neuen JVA im Rahmen eines Wettbewerbs ausgewählt. Über 180 Künstler nahmen daran teil. Der 53-Jährige kam nicht nur in die Jury-Endausscheidung, er gewann auch den Wettbewerb.
Mayer, in Mittenwald geboren, studierte von 1987 bis 1993 Freie Grafik und Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Danach gewann er eine Reihe von Preisen und Stipendien, so 2001 den Förderpreis des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, 2003 den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg und 2011 den Kunstpreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Tusche und Kurvenschablone

Der Künstler besetzt mit seinen Ellipsenzeichnungen ganze Räume. Dabei verwendet er stets schwarze Tusche. Zur Unterstützung nimmt er eine Kurvenschablone. Letztere führt die Hand. Damit gelingen ihm Bewegungsstrukturen und Wahrnehmungen, die sich in – so Frank Nievergelt – in „dynamisierten und rhythmisierten Formen des illusionären Bildraums“ niederschlagen.
Zur Ellipse hat Gerhard Mayer eine besondere Verbundenheit. „Die Welt ist eben elliptisch“, meinte er einmal. Die Ellipse sei dynamisch und rufe räumliche Effekte hervor, zumal sie als perspektivisch gesehener Kreis wahrgenommen werden kann, resümierte der Künstler. Die geschlossene ovale Kurve also als Symbol für Dynamik und Veränderung. Ganz im Gegensatz zum Kreis, der für das In-sich-Vollendete, der Ruhe und Harmonie steht.

Von Siegfried P. Rupprecht
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