JVA Gablingen - Wohnen auf 9 Quadratmeter

Die neue Justizvollzugsanstalt geht in den Probebetrieb. Foto: Justizvollzugsanstalt Gablingen
 
Das Domizil der Häftlinge in der neuen Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen: Die Einzelzelle misst neun Quadratmeter. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Die neue Justizvollzugsanstalt geht in den Probebetrieb. Danach ziehen 609 Häftlinge ein. Der Jugendarrest und der Offene Vollzug kommen ebenfalls nach Gablingen.

Das Gefängnis in der Nähe der Abhöranlage wartet mit Superlativen auf. Offiziell heißt das neue Projekt Justizvollzugsanstalt (JVA) Augsburg-Gablingen. Ihr umbauter Raum ist größer als der von über 200 Einfamilienhäusern, die Fläche so groß wie zehn Fußballfelder. Das Staatliche Bauamt Augsburg, die die Projektleitung innehat, nennt Zahlen: Die Nutzfläche beläuft sich auf rund 21000 Quadratmeter. Nun geht die Einrichtung mit Bediensteten und ausgewählten Gefangenen in den Probebetrieb. Im Herbst ziehen die Häftlinge offiziell ein.

Die neue JVA präsentiert sich als gigantischer Koloss. Die Dömges Architekten AG spricht von 42 565 Quadratmeter Bruttogeschossfläche und von circa 160500 Kubikmeter umbauten Raum. Von außen wird die Anlage von einer acht Meter hohen und circa 1000 Meter langen Betonmauer geprägt. Die Gesamtkosten des Bauvorhabens belaufen sich auf knapp 102 Millionen Euro.

Doch das Wort Gigantomanie hören die Verantwortlichen nicht gerne. Sie liebäugeln lieber mit anderen Bezeichnungen. Beispielsweise der bayerische Justizminister Winfried Bausback. Das Gefängnis sei die modernste JVA, die jetzt in Betrieb geht, betont er. Und: "Sie ist für uns ein wichtiges Element zur weiteren Modernisierung unseres Strafvollzugs."

Der Zugang ist streng kontrolliert. Ein Handscanner erfasst jede zugangsberechtigte Person. Wachtürme sind allerdings nirgends zu sehen. "Darauf kann aufgrund der Geometrie des Mauerverlaufs und der modernen Sicherheitstechnik verzichtet werden", meint die Leiterin der JVA Augsburg, Zoraida Maldonado de Landauer.

Der neue Knast ersetzt die alte JVA in der Karmelitengasse und im Hochfeld in Augsburg. Die dortigen Gebäude sind stark sanierungsbedürftig. Die Sicherheitsvorkehrungen entsprechen nicht mehr heutigen Standards. Beide Standorte gelten als begehrte Wohngebiete.

Entschleunigtes Tempo

Ein Schnellschuss war die JVA nicht. Eher ist von einer mehr als entschleunigten Geschwindigkeit die Rede. Von der ersten Planung bis zur Fertigstellung dauerte es immerhin mehr als 20 Jahre. Zunächst wurde eine ÖPP-Finanzierung (Öffentlich-Private Partnerschaft) mit privatem Bauherrn favorisiert. Wirtschaftliche Gründe standen schließlich dagegen. Dann gab der Freistaat grünes Licht für eine klassische Baumaßnahme der staatlichen Bauverwaltung.

2008 wurde das Baugebiet freigemacht und von Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg geräumt. Die Bauausführung begann im Frühjahr 2011. Der erste Spatenstich - eigentlich richtig: ein "Baggerstich" von der damaligen Justizministerin Beate Merk - wurde am 11. April 2011, die Grundsteinlegung am 28. November 2011 und das Richtfest im August 2013 durchgeführt.

250 Meter lange Magistrale

Die Erschließung der Justizvollzugsanstalt erfolgt über einen Vorplatz, an den die Stellplätze für Bedienstete und Besucher und ein Garagengebäude angegliedert sind, der zentrale Zugang für den Geschlossenen Vollzug über die Torwache, die als einziger Bauteil an die Mauer anschließt. Von hier werden der Fußgängereingang und die Fahrzeugschleuse sowie das Vorfeld überwacht. Der Zugang zum Besuchsbereich erfolgt für Besucher unterirdisch.

Entlang einer überirdisch eingeschossigen Magistrale mit rund 250 Meter Länge sind neben den Versorgungsgebäuden und dem Einkauf für Gefangene auch die vier Zellentrakte in Y-Form angeordnet. Die Y-Form verhindert, dass die Gefangenen über die Fenster Kontakt miteinander aufnehmen. Zwischen den Unterkunftsgebäuden liegen sieben winkelförmige Innenhöfe. Mit ihnen können Häftlinge voneinander getrennt werden.

Der Neubau ist für 609 Häftlinge ausgerichtet. Rund 85 Prozent sind als Einzelzellen konzipiert. Eine Zelle ist neun Quadratmeter groß. Gemeinschaftszellen gebe es für Insassen, die keine Einzelhaft wollen oder suizidgefährdet sind, erklärt JVA-Leiterin Maldonado de Landauer.

Der nunmehrige Probebetrieb soll der Justiz zeigen, ob alles rund läuft und die alltäglichen Abläufe reibungslos funktionieren, aber auch, wo nachgebessert werden muss. Dieser Probelauf findet mit Häftlingen statt, die nur noch kurze Zeit inhaftiert sind.

"Kein Sanatoriumsaufenthalt"

Die neue JVA zeigt deutlich, dass der Bau keine "Verwahranstalt" ist. Er soll nach Auffassung der Justiz die Täter befähigen, künftig ein Leben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten zu führen. Dazu stehen den Gefangenen zwar kleine, aber geradlinig eingerichtete Zellen, medizinische Betreuung sowie Freiräume zur Ausübung von Sport, Fitness und Religion zur Verfügung. Dennoch soll die neue JVA "keine Herberge mit Hotelvollzug" sein. "Die Häftlinge erhalten keinen Sanatoriumsaufenthalt", verspricht Maldonado de Landauer.

Voll hinter dem Bau steht Gablingens Bürgermeister Karl Hörmann. Er sieht das Gefängnis als Sogwirkung für das angrenzende Gewerbegebiet seiner Gemeinde. "Wenn alles gut läuft, könnte sich die neue JVA sogar als Juwel für die Gemeindekasse entpuppen", meint er. Auch SPD-Landtagsabgeordneter Harald Güller sieht das Großprojekt positiv. "Das neue Gefängnis könnte vielen Bürgern aus der Region einen Arbeitsplatz bieten."

Ins gleiche Horn stößt Justizminister Winfried Bausback: "Eine JVA hat eine positive wirtschaftliche Auswirkung auf das Umfeld." Insgesamt sei es eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Noch nicht zu Ende

Die Fertigstellung der Anlage ist übrigens eine Sache. Eine andere wartet bereits in den Startlöchern. Im Nord-Westen des Baugrundstücks, außerhalb des umwehrten Bereichs, sind Flächen für zwei Erweiterungsbauten vorgesehen. Der Jugendarrest und der Offene Vollzug müssen nämlich ebenfalls von Augsburg nach Gablingen verlegt werden. Dieses Projekt ist für den nächsten Doppelhaushalt 2015/16 angemeldet.
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