Doppelmord von Hirblingen: Angeklagter schweigt und schreibt

Hat er seine Nachbarinnen ermordet? Waldemar N. wird in den Gerichtssaal geführt. Foto: D. Libossek

Er schweigt weiter – auch vor Gericht. Waldemar N. soll im Dezember seine beiden Nachbarinnen im Gersthofer Ortsteil Hirblingen ermordet haben. Heimtückisch und aus Habgier, so wirft es ihm die Staatsanwaltschaft vor. Seit Mittwoch wird Waldemar N. in Augsburg der Prozess gemacht.

Die blonde Frau blickt zur Anklagebank. Ein Ruck durchfährt ihren Körper, die Schultern fallen nach unten. Eine kleinere Frau mit kurzen lockigen Haaren steht neben ihr, hakt ihren Arm ein, um sie zu stützen. Es ist das erste Mal, dass die beiden Schwestern dem Mann ins Gesicht blicken, der da zwischen seinen Verteidigern sitzt. Der Mann, der ihre Schwester Elke W. und deren Lebensgefährtin kaltblütig ermordet haben soll. Heimtückisch und aus Habgier, so wirft es ihm die Staatsanwaltschaft vor.
Der Mann ist Waldemar N., der 20 Jahre lang neben den beiden Opfern im Gersthofer Ortsteil Hirblingen lebte. Waldemar N. regt sich nicht. Sein Blick haftet auf dem Notizblock, der vor ihm liegt. Seine linke Hand drückt er tief in seine Backe. Seine rechte umklammert einen schwarzen Kugelschreiber, der auf dem weißen Blatt ruht.

130.000 Euro Verbindlichkeiten als Mordmotiv?

Waldemar N. soll seine Nachbarinnen, ein lesbisches Paar, im Dezember getötet haben. 130.000 Euro Verbindlichkeiten hätten ihn damals belastet, monatlich seien weitere Schulden dazugekommen. Deshalb, so Staatsanwältin Martina Neuhierl, habe er geplant, Elke W. und Beate N. zu töten: Er wollte an deren Geld kommen.

Dass Waldemar N. kaum erkennbar für diesen einen Augenblick den Kopf schüttelt, ist sein nennenswertester Beitrag an diesem ersten von 16 angesetzten Prozesstagen. Mit fester Stimme bestätigt er anschließend seine Daten - Name, Adresse, Beruf - dann zieht er sich in eine Art Festung zurück. "Herr N. wird keine Angaben machen, weder zur Sache noch zur Person", verschließt sein Verteidiger Rubach das Burgtor seines Mandanten.

So soll der Doppelmord abgelaufen sein

Der Angeklagte trägt einen dünnen grauen Pullover mit schwarzen Streifen. Unter den sich wellenden Ärmeln zeichnen sich kräftige Oberarme ab. Sein für seine geringe Körpergröße mächtiger Brustkorb hebt und senkt sich merkbar. Keine Chance, sich zu wehren, hätten seine Opfer gehabt. Auch, "weil er sich zunutze machte, dass sie sich kannten. Dass die beiden nicht mit einem Angriff rechneten", führt die Staatsanwältin aus.

Bewaffnet mit zwei spitzen, scharf geschliffenen Küchenmessern soll der 31-jährige Maschinenführer nach seiner Nachtschicht am Morgen des 9. Dezembers das Haus der beiden Frauen betreten haben; mit einem Schlüssel. N.s Mutter kümmerte sich um Haushalt und Katze, wenn die beiden verreist waren. Waldemar N. soll zunächst auf Beate N. getroffen sein, die bereits ihre Straßenschuhe anhatte und gerade zur Arbeit gehen wollte. Er habe ihr heftig ins Gesicht geschlagen, um die Pinnummern für ihre EC-Karten zu erpressen. Dann soll er mehrfach auf die 50-Jährige eingestochen haben, manche der Wunden waren bis zu 25 Zentimeter tief. Anschließend, so die Anklage, tötete er die 49-jährige Elke W.

Deren Schwestern, die als Nebenklägerinnen auftreten, erzählen vor Gericht gefasst von den Tagen danach. Dass der Vater eine Herzoperation hatte und es deshalb merkwürdig war, dass der Kontakt zu Elke W. abbrach. Dass sie sich schnell Sorgen machten, die Räume ungewöhnlich unaufgeräumt vorfanden. Dunkel und stickig sei es im Haus gewesen.

Waldemar N. agiert wie ein unbeteiligter Protokollführer

Waldemar N. macht sich mittlerweile Notizen. Dazu habe er ihm geraten, spricht Anwalt Rubach nach der Verhandlung in die Mikrofone der Reporter. "Er schweigt und schreibt." Waldemar N. erweckt so den Eindruck eines teilnahmslosen Protokollführers. Nur wenige Male löst der Mann mit dem Seitenscheitel seinen Blick von der Schreibunterlage, lässt ihn jedoch derart schnell wieder fallen, als habe er bereits dadurch zu viel von sich preisgegeben. Die Schwestern der Opfer anzusehen, vermeidet er komplett.

Seit seiner Festnahme schweigt Waldemar N. Als die Polizei ihn aufs Revier kommen ließ und er sich offenbar in Widersprüche verstrickte. Seither haben Staatsanwaltschaft und Ermittler Indizien gegen ihn gesammelt. Sie fanden seinen genetischen Fingerabdruck an den Leichen der Frauen, die elf Tage nach deren Verschwinden am Flüsschen Schmutter ausgegraben wurden. Daneben lag ein Spaten, die Quittung für ein solches Modell fanden die Ermittler im BMW des Angeklagten. Ebenso sollen Überwachungskameras verschiedener Banken den vermummten Waldemar N. zeigen, wie er Geld mit den Karten der Opfer abhebt; mehr als 5000 Euro sollen es insgesamt gewesen sein.

Arbeitskollegen eines der Opfer begegnen Waldemar N. im Mordhaus

Seit neun Monaten sitzt Waldemar N. in Untersuchungshaft. Sein Gesicht wirkt dünn und kantig, die Kieferknochen des kleinen Mannes stechen markant hervor, die Stirn ist hoch. Auf den Fotos, die die Polizei zur Zeugensuche veröffentlichte, sah er etwas fülliger aus. So wie drei Tage nach dem Verschwinden der Frauen. Arbeitskollegen von Zahnarzthelferin Elke W. waren nach Hirblingen gekommen, weil sie sich Sorgen machten. Waldemar N. öffnete ihnen die Tür zum Mordhaus.

"Wer wir sind, hat er gefragt", schildert einer der Kollegen die Begegnung vor Gericht. "Danach hat er fast nichts gesagt, seine Mutter hat viel geredet", während sie durch die Zimmer gingen. Als eine Kollegin sich erinnert, wie sie die Tasche von Elke W. entdeckte, greift sie zum Taschentuch. Sie schluchzt, als Rubach sie zu möglichen Eifersüchteleien und einem "jungen Mann" befragt, der eine Rolle spielen könnte.

Sie wisse davon nichts, sagt die Zeugin, die dann den Saal verlassen darf. Als sie die Anklagebank passiert, verlangsamt sie ihr Tempo und blickt Waldemar N. durchdringend an. Ihre Augen scheinen zu schreien. Nach einem Warum, nach einem Wort, nach irgendeiner Reaktion. Waldemar N. bekommt davon nichts mit. Er schreibt und schweigt.
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