Doppelmord von Hirblingen: Was Rechtsmediziner und Psychiater am Mittwoch aussagten

Er soll seine Nachbarinnen aus Habgier getötet haben: Waldemar N. (Mitte) gestern zwischen seinen Verteidigern Hansjörg Schmid (links) und Walter Rubach. Foto: David Libossek

Der Indizienprozess um den Doppelmord von Hirblingen steht kurz vor der Urteilsverkündung. Am Mittwoch berichtet ein Professor der Rechtsmedizin von der Obduktion der Leichen der beiden getöteten Frauen. Er äußert auch eine Theorie, wie der Mord abgelaufen sein könnte. Das psychiatrische Gutachten zum Angeklagten Waldemar N. fällt kurz aus.

Der Mann auf dem Zeugenstuhl zählt laut bis 16. Vor jeder Zahl schnellt sein Arm nach oben und saust sofort wieder hinab. 16 Messerstiche, simuliert in sieben Sekunden. 16 Stichverletzungen, die an der Leiche von Elke W. verteilt festgestellt wurden. Derart schnell könne man sie ausführen. Mit ausdruckslosen Gesichtern verfolgen die Schwestern eines der Opfer des Doppelmords von Hirblingen die Ausführungen des Rechtsmediziners. Jede einzelne Stichwunde beschreibt er - wie tief, welcher Winkel, welche Auswirkungen - auch Fotos der Obduktion werden den Prozessbeteiligten gezeigt. Die Schwestern, die als Nebenklägerinnen auftreten, verzichten. Es reicht, noch einmal die Details hören zu müssen.

Noch einmal vor Augen geführt zu bekommen, was ihre Schwester am Morgen des 9. Dezember - von diesem Tattag geht die Anklage aus - durchleiden hat müssen. Bis zu 15 Zentimeter tief drang das Messer in den Körper der 1,64 Meter großen Frau ein. Ein Stich öffnete die Hauptvene im Hals. Die 49-Jährige muss stark geblutet haben, sagt der Gutachter. Auch innerlich: Die Lunge wurde durchsetzt, das Herz verletzt, ebenso Leber und Niere. Abwehrverletzungen allerdings habe man keine gefunden. "Obwohl die Verletzungsmuster für ein dynamisches Geschehen sprechen", führt der Rechtsmediziner aus, was er daran festmacht, dass die Eintrittswunden "sehr weit über den Körper verteilt liegen". Warum sich Elke W. nicht gewehrt hat, darüber könne er allerdings nur spekulieren. Was er schließlich auch tut.

Denn Beate N., die Lebensgefährtin von Elke W., hat sich gegen den Angriff gewehrt. Wieder vollführt der Mediziner Gesten, diesmal hebt er den Arm schützend vor das Gesicht, greift mit der Hand in ein Messer, das da freilich nicht ist. Für die 50-Jährige jedoch war die Szene tödliche Realität: Entsprechende Wunden wies ihre Leiche an Unterarm und Handfläche auf.

"Es wäre ohne weiteres möglich", äußert der Sachverständige eine Theorie, "dass Frau N. einen Angriff gegen Frau W. abgewehrt hat", sagt er und schlussfolgert: "Das würde ein simultanes Vorgehen bedeuten." Um im selben Atemzug einzuschränken: "Es kann aber auch sein, dass sich die Taten räumlich und zeitlich unabhängig voneinander abgespielt haben können."

Ein Zitat voller Konjunktive, das treffender nicht belegen könnte, wie wenig über den exakten Ablauf der Tat auch nach mittlerweile 13 Prozesstagen bekannt ist. Sicher ist dem Rechtsmediziner zufolge, dass die Frauen binnen Minuten nach den Stichen an ihren inneren und äußeren Blutungen starben. Und, das macht er unter anderem an der bereits gelösten Leichenstarre fest, dass die Todeszeit zwischen dem 8. und dem 12. Dezember liegt. Die beiden Opfer sind zudem wohl nicht gefesselt gewesen. Merkmale, die dafür sprechen, hätten die Leichen keine aufgewiesen.

Die Obduktion ergab auch, dass Beate N. wesentlich massiverer Gewalt ausgesetzt war als ihre Partnerin. An einer Stelle ist das Messer vom Bauch bis zur Wirbelsäule durch den Körper gedrungen - 25 Zentimeter tief. Der Täter stach derart heftig zu, dass er neben inneren Organen auch Knochen beschädigte. Auch sie verlor viel Blut. Aber anders als bei Elke W. wandte der Angreifer auch stumpfe Gewalt an, schlug ihr heftig ins Gesicht.

Derart brutal soll der kleine Mann mit dem Seitenscheitel und den ledernen Ellbogen-Einnähern an seinem Pullover auf der Anklagebank vorgegangen sein. Waldemar N., von klein auf Nachbar der Frauen im Ortsteil von Gersthofen. Er könnte wohl aufklären, wie genau sich die Tat abspielte - doch er schweigt. Auch mit dem psychiatrischen Gutachter Dr. Richard Gruber weigerte er sich zu sprechen.

Die Hoffnung, mehr über den 32-Jährigen, den zahlreiche Indizien belasten, zu erfahren, zerschlägt sich daher. Gruber bezieht sich auf seine Eindrücke aus der Verhandlung, der Waldemar N. "aufmerksam und wach" folge. Der Gutachter fasst die Zeugenaussagen über den Angeklagten zusammen - umgänglich, beliebt, nicht unbeherrscht oder impulsiv, ein starkes Interesse an Muskelaufbau, Sport und an einem Auto mit sportlicher Ausstattung, kurzum: "Ein normaler junger Mann für seinen Bildungs- und Sozialstand." Er attestierte ihm jedoch auch eine Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit, daher sein Leben am Finanzlimit, das die Staatsanwaltschaft als Motiv angibt.

Für eine Tat, zu der bald das Urteil fällt. Bereits am Montag sollen die Plädoyers gehalten werden, Verteidiger Walter Rubach kündigt jedoch an, möglicherweise am Freitag noch einen Beweisantrag einzureichen. Nach der Verhandlung gefragt, ob sein Mandant denn doch noch reden werde, antwortet der Anwalt zweisilbig: "Nein, Punkt."
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