Liebevoller Sohn als kalter Killer? Mutter von Waldemar N. sagt im Doppelmord-Prozess aus

Der Angeklagte schweigt: Waldemar N. muss sich wegen Doppelmordes vor Gericht verantworten. Foto: David Libossek

Liebevoll und großzügig: So wird Waldemar N. vor Gericht von seinen Angehörigen beschrieben. Dem 32-Jährigen wird vorgeworfen, seine Nachbarinnen im Gersthofer Ortsteil Hirblingen mit mehreren Messerstichen ermordet zu haben. Seine Mutter und Schwester schildern am Montag die Ereignisse um das Verschwinden der beiden Frauen, charakterisierten Waldemar N. - auch dessen Interesse an Reichsbürger-Theorien kommt zur Sprache.

Eine kleine, zierliche Frau betritt den überwiegend in Holz gehaltenen Saal. Ihr langes blaues Oberteil reicht beinahe bis zu den Kniekehlen. Die schulterlangen braunen Haare mit Pony umranden das Gesicht, auf dem ein Lächeln aufkeimt, als die Frau in Richtung Anklagebank blickt. Dort sitzt Waldemar N., ihr Sohn, der des zweifachen Mordes beschuldigt wird. Waldemar N. schaut seine Mutter an. Er erwidert ihr Lachen.

Es ist nicht der einzige Moment, in dem Waldemar N. am Montag vor Gericht gelöst wirkt. Als er in den Gerichtssaal geführt wird und ihm die Handschellen abgenommen werden, schaut er durch die geöffnete Tür ins Foyer. Dort wartet seine Familie, Mutter, Schwester, Schwager. Waldemar N. winkt mit der rechten Hand unter Einsatz sämtlicher Finger nach draußen.

Waldemar N. soll im Gersthofer Ortsteil Hirblingen seine beiden Nachbarinnen ermordet haben. Zahlreiche Indizien sowie die Aktenlage sprechen laut Anklage gegen den 32-Jährigen. Doch ein schlagender Beweis fehlt, über Motiv und exakten Tathergang können die Ermittler nur mutmaßen. Der Einzige, der diese Fragen beantworten kann, sitzt auf der Anklagebank; doch Waldemar N. schweigt. Auch am vierten von 16 Prozesstagen, der eine Art Familientreffen ist.

Waldemar N. bekam bereits als kleiner Bub den Hausschlüssel der Opfer

Die Mutter trägt einen kleinen goldenen Schlüssel an einer Kette um den Hals. Verschlossen zeigt sie sich wider Erwarten nicht. Sie will Angaben machen, sagt die 63-Jährige, von der einzig die schmalen Schultern und ihr Kopf über die schwarze Stuhllehne hinausragen. Die Frau legt ihre Brille mit dem roten Gestell vor sich auf dem Tisch ab.

Dann beginnt sie mit ihrer Aussage - und ebenfalls mit einem Schlüssel. Bereits vor 20 Jahren hätten Beate N. und Elke W. dem jungen Waldemar N. jenen zu ihrem Haus gegeben. Er sollte sich um die Katze kümmern, wenn sie im Urlaub sind. Mit demselben Schlüssel soll sich Waldemar N. am 9. Dezember vergangenen Jahres Zugang zum Haus verschafft und das lesbische Paar aus Habgier und mit zahlreichen Messerstichen getötet haben. "Noch heute hängt der Kinderschlüsselanhänger dran", beschreibt die Frau, die mit osteuropäischem Akzent spricht.

Sie schickte Waldemar N., um nach den verschwundenen Nachbarinnen zu sehen

20 Jahre, so lange lebten die Opfer im Haus neben der Familie N., die bereits 1990 aus Kasachstan eingewandert war. Gut befreundet seien die Nachbarn gewesen, beschreibt die Mutter, ehe sie die Geschehnisse um das Verschwinden der Nachbarinnen aneinanderreiht. Wie sie am Abend des 12. Dezembers Waldemar N. und ihren Schwiegersohn in das Haus der Frauen schickte. Wie sie tags darauf selbst durch die Räume ging, sich sehr sorgte.

Die Zeugin sitzt nach vorne gebeugt, die Arme ruhen verschränkt auf ihrem Schoß. Die gekrümmte Haltung lässt erahnen, wie unangenehm ihr dieser Auftritt sein muss. Dennoch ist ihre Stimme ruhig, ihr Ton sachlich. Als sie auf den Tod des Vaters vor neun Jahren zu sprechen kommt, schenkt sie dem Sohn einen fürsorglichen Blick.

Mutter schildert mutmaßlichen Mordtag und wie ihr Sohn zum Hauptverdächtigen wurde

Dann berichtet sie vom mutmaßlichen Todestag des Pärchens. Waldemar N. sei um halb sieben von der Nachtschicht gekommen und nach oben in seine Wohnung im Obergeschoss des Elternhauses verschwunden. Um 7.46 Uhr habe er eine Nachricht geschrieben, ob jemand mit dem Hund gehen könne, er wäre noch mit einem Kollegen unterwegs. Die Mutter habe weder gesehen noch gehört, wie er wegfuhr. Das Auto sei dagestanden. Als er mittags wiederkam, seien sie gemeinsam zum Einkaufen gefahren.

Am Mittwoch darauf habe die Polizei erstmals nach ihrem Sohn gefragt; und sein Handy mitgenommen. "Wenn er es wiederhaben will, kommt er zu uns", hätten die Beamten gesagt. Waldemar N. sei darüber "sauer" gewesen, noch am Abend fuhr er aufs Revier. "Dann ist er nicht wieder gekommen", resümiert die Mutter nüchtern.

Die Einstellung von Waldemar N.: "Leben und leben lassen"

Ihr Sohn wurde festgenommen, sitzt seither in Untersuchungshaft. Ihr Sohn, den sie als liebevoll, hilfsbereit und manchmal faul, aufzuräumen, charakterisiert. Der nichts gegen Homosexuelle gehabt hätte, schließlich lautete seine Einstellung "leben und leben lassen". Er war plötzlich der Hauptverdächtige.

Richterin ermahnt die Mutter scharf

Auf den Überwachungsbildern, auf denen der vermummte Waldemar N. zu sehen sein soll, wie er Geld mit den Karten der Opfer abhebt, will sie ihren Sohn jedenfalls nicht erkennen. "Sie bewegen sich auf einem engen Grat, Frau N.", bemerkt Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser scharf, schließlich hätten selbst Bekannte Waldemar N. identifiziert.

Schwester von Waldemar N.: Er identifizierte sich mit Reichsbürger-Theorien

Auch die Schwester von Waldemar N. will sich bei den Fotos nicht auf ihren Bruder festlegen. Die 35-Jährige äußert sich jedoch über die politischen Ansichten ihres Bruders. "Ein paar Theorien der Reichsbürger", sagt sie, "fand er einleuchtend oder hat sich damit identifiziert".

"Waldi war großzügig und anständig"

Großzügig und anständig sei der "Waldi" gewesen, äußert sich ihr Ehemann. Einer, der immer da war, wenn man etwas brauchte. Ein Kumpel eben. Beinahe süffisant trägt der 34-Jährige Anekdoten zu "Waldis" Schlüsselverstecken vor oder scherzt über frühen Arbeitsbeginn. Waldemar N. grinst währenddessen amüsiert. "Ich kann mir keinen besseren Schwager vorstellen", bilanziert der Schwager schließlich, schiebt dann jedoch nuschelnd hinterher: "Bis jetzt."
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