Bissig, aber mit viel Humor

Kein Blatt vor den Mund nahm „Pressesprecher“ Manfred Lamprecht. Er beleuchtete bissig und scharfzüngig zugleich die große und kleine Politik. Foto: Siegfried P. Rupprecht
 
Die „Stadtretter“ im Altersheim beim Programmpunkt „Turnen bis zur Urne“. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Bissiger, knackig verpackter Spott fehlte ebenso wenig wie temperamentvolle Tänze, fetzige Musik und amüsante Sketche. Dafür wurden die Bühnenakteure bei der Premiere der Gersthofer Kol-La-Faschingssitzungen vom Publikum in der ausverkauften Stadthalle mit lautem Beifall belohnt.

Klar, das Publikum musste wieder ein gehöriges Maß an Sitzfleisch aufweisen: Die insgesamt 16 Programmpunkte unter der souveränen Leitung von Sitzungspräsident Holger Franz verlangten bis zum Beginn des Finales fünf Stunden Aufmerksamkeit. Doch dafür wurden die Zuschauer, angeführt vom charmanten Kol-La-Männchen (Elias Rogg), mit Höhepunkten versorgt, die fast Schlag auf Schlag daherkamen.
Dabei mussten sich die Politiker auch in der mittlerweile 46. Auflage der Kol-La einiges gefallen lassen. So wie von Manfred Lamprecht. Er beleuchtete als „Pressesprecher“ scharfzüngig die deutsche Politlandschaft und Angela Merkels ausgeuferte „Einladungsparty“, aber auch boshaft das kommunale Geschehen vor Ort. Thema war auch die lange Liste der Pannen bei der Bundeswehr. Dafür schlug Lamprecht die Armee für den Friedenspreis vor. „Frieden schaffen ist nur möglich mit deutschen Waffen“, reimte er dazu.
Den Gersthofer Stadtrat Albert Heckl, der bislang vier Mal die Partei gewechselt hat, verglich er mit Herpes. Wo es weg sei, taucht es woanders schon wieder auf, meinte er lakonisch.
Kein Blatt vor den Mund nahm auch Bruder Barnabas (Christian Bauer). Er wünschte sich frischen Wind für die Kirche. Vor allem deren Oberen hielt er einen Spiegel vor. Die zwischen den Zeilen liegende Kritik ließ er den Zuhörern selbst auslegen, auch die sich daraus ergebenden Assoziationen. Um den Unmut über den Klerus zu ertragen, kippte er nacheinander auf Ex vier Maß Bier.

Turnen bis zur Urne

Die „Stadtretter“ verlagerten das politische Wirken von Bürgermeister und Stadträten ins Altersheim. Das Publikum wohnte dort einer Sitzung des städtischen Körperpflege-Ausschusses bei. Auf der Tagesordnung standen Turnen bis zur Urne, Zähneputzen in einer speziellen Sparversion und Fußpflege mit der Gartenschere. Das achtköpfige Team präsentierte einen schlagkräftigen Vortrag, der bewusst nicht immer den Ernst des Lebens widerspiegeln sollte.
Über Kommunales lästerte auch die „Gscherthofer Feuerwehrkapelle“. Sie ließ mit eigenwilligen griabigen G’stanzeln kräftig den Rauch aufsteigen, verpackt in einer großen Prise Klamauk und Humor.
Köstlichen Wortwitz zum Schmunzeln brachten „Opa und Enkelin“. Herbert Lenz und Katharina Reß griffen das weit verbreitete Kommunikationsproblem zwischen Jung Alt und auf. Beide meinten das gleiche und sprachen doch nicht die gleiche Sprache. Typisch auch der optische Gegensatz: Hier Opas „Apotheken-Rundschau“, das Männermagazin „Playboy“, dort die „wischende“ Smartphon-Enkelin.
Reinhold Dempf und Oliver Reiser alias „Engel und Teufel“ servierten einmal mehr ihre ganz besondere Mischung aus amüsanter Unterhaltung, Selbstironie und Tiefgang. Sie zogen das Publikum mit ihrer speziellen Definition von Zoten in ihren Bann und kamen dabei, wie zufällig, immer auf Gersthofer Details. Wie mit Blödeleien Lacher zu erzeugen sind, zeigten eindrucksvoll die beiden Saalordner (Christina Neis und Christine Ohnesorg).
Quatsch und Unsinn, gepaart mit Wortwitz und fetziger Musik, zelebrierten Dieter Willutzky und seine „Schnelle Kapelle“. Neben spritzigen eigenen Kompositionen verballhornte das Quartett – sehr zur Freude der Zuhörer – Schlagerklassiker wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“.
Apropos Musik: Der Spielmannszug des TSV Gersthofen trotzte musikalisch Grexit und Euro-Krise, getreu dem Motto: Trotz Probleme darf die gute Laune nicht zu kurz kommen. Die Gersthofer Blasharmoniker schlüpften in die Gestalt tollpatschiger Minions. Doch den gelben Helferlein mit ihrem Faible für Bösewichte stand es nicht nach Schrecken, sondern nach Gaudi und Humor.

Toller Märchenmix

Mit den „Deppen links unten“ kam ein Hauch „Tatort“-TV in die Stadthalle. Rund um eine perfekte Parodie um Klaus Kinski rollten die Akteure den geheimnisvollen Fall um die bei der Kol-La vermissten Erfolgsgaranten Auguste & Gerfriedchen auf. Situationskomik fand hier eine ganze neue Variante.
Das Stimmungsbarometer ganz nach oben schnellen ließ der „Delicious“-Märchenmix. Die Mitglieder der Sing- und Musikschule inszenierten Grimms Erzählungen vollkommen neu und sorgten mit ambitioniertem Spiel, humorigen Slapstick-Einlagen - superb: Peter „Fips“ Fischer - und faszinierenden Gesangsleistungen gleich für eine ganze Reihe von positiven Aha-Effekten.

Wahrer Augenschmaus

In der Qualität nicht nach standen auch die Tanzshows. Die Lechana-Garde begeisterte unter dem Motto „New York City – Here We Come“ mit einer anspruchsvollen Choreografie, ebenso die Gruppe Cristallica. Letztere entführte in den Dschungel und glänzte mit akrobatischen Hochleistungen und Hebefiguren. Die Lucky Petticoats nahmen die Zuschauer auf eine Reise mit ins Märchen „1001 Nacht“ und vermischten eindrucksvoll Orient und Rock’ n’ Roll. Die Showtanzgruppe des TSV Firnhaberau servierte unter dem Titel „Burlesque“ ein buntes Feuerwerk aus Tanz und parodierenden Elementen.
Nicht minder spektakulär war das Kol-La-Ballett. Die Mädels lösten mit ihren perfekt synchronen Bewegungen und dem pulsierenden James-Bond-Ambiente nicht nur einen besonderen Blickfang, sondern auch pure Begeisterung beim Publikum aus. Die außergewöhnliche Choreografie mit ihrer Ausdrucksstärke und grazilen Eleganz machte die Aufführung zu einem wahren Augenschmaus.

Von Siegfried P. Rupprecht
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.