Kampf gegen die Intoleranz

Anna Pröll (Bild) war zeitlebens eine aufrechte und unbeirrbare Kämpferin gegen menschliche Not, Unterdrückung und Intoleranz. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Mit 17 Jahren schrieb sie an Hauswände und Litfaßsäulen Parolen und Aufrufe zum Widerstand. Mit Handzetteln rief sie zum Kampf gegen das Hitler-Regime auf. Diese Aktionen brachten Anna Pröll ins Gefängnis und Konzentrationslager. In der wieder errichteten Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg trat sie unermüdlich für die Werte der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit ein. Im Juni wäre die viele Jahrzehnte in Gersthofen lebende Widerstandskämpferin 100 Jahre alt geworden.

Anna Pröll, am 12. Juni 1916 im Augsburger Stadtteil Pfersee geboren, entwickelte bereits während ihrer Schulzeit politisches Interesse. Ihre Überzeugung wurde durch das Elternhaus und durch eigene Erlebnisse geprägt: Sie musste die Verhaftung von Vater, Mutter und Geschwistern durch SA und SS erleben. 1933 und 1934 habe es viele Tote, willkürlich Erschlagene, gegeben, erinnerte sie sich in einem Gespräch mit der StadtZeitung. „Dies verbreitete bei mir große Angst und Schrecken.“

Haft wegen Hochverrat

Mit 16 Jahren trat sie dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands bei. Im September 1933 wurde sie mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe wegen Verteilung antifaschistischer Flugblätter, Aufruf zum Widerstand und Kampf gegen den Nationalsozialismus verhaftet und in Schutzhaft genommen. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Aufbau einer Widerstandsgruppe verurteilte das Oberlandesgericht München sie zu 21 Monaten Gefängnis. Die Strafe saß sie in Einzelhaft in der Jugendabteilung des Frauengefängnisses in Aichach ab.
Nach Ende ihrer Haftzeit überstellten die Nazis Anna Pröll geschwächt und abgemagert in das niedersächsische Konzentrationslager Moringen. Nur durch die Hilfe der Mitgefangenen, die sie wieder hochpäppelten, überlebte sie. „Diese gegenseitige Solidarität war für mich eine der wichtigsten Erfahrungen während der gesamten Haft und Verfolgung“, blickte sie zurück.
Nach ihrer überraschenden Freilassung fand sie in einer Stickerei Arbeit und lernte den Dreher Josef Pröll kennen, den sie gegen den Willen der Gestapo im November 1938 heiratete. So wurde aus Anna Nolan Anna Pröll.

Widerstand nie bereut

Ein halbes Jahr später kam der erste Sohn zur Welt. Am 1. September 1939 stand die Gestapo erneut vor der Tür. Längst hatte sich der Druck auf Andersdenkende, auf die jüdische Bevölkerung und Ausländer verschärft. Sie wurden aus dem öffentlichen Leben verdrängt, diffamiert und verfolgt. Die Beamten holten den jungen Familienvater bei Nacht aus dem Bett. Erst im Mai 1945 kehrte er aus dem KZ zurück.
Nach dem Krieg engagierte sich Anna Pröll im Bund der Antifaschisten und in der Friedensbewegung. Jahrzehntelang betreute sie zusammen mit ihrem Mann ehemalig Häftlinge und Opfer aus der Nazi-Zeit. Ein besonderes Anliegen war es ihr auch, als Zeitzeugin des Dritten Reiches Schulklassen und Jugendgruppen für die Ideale eines friedlichen Gemeinwesens zu sensibilisieren. „Meinen Weg des Widerstands habe ich nie bereut“, meinte sie. 1953 wurden sie und ihr Mann in Gersthofen ansässig.

Selbstloses Lebenswerk

Anna Pröll erhielt das Bundesverdienstkreuz und 2003 im Rahmen eines Festakts im Goldenen Saal die Augsburger Ehrenbürgerwürde verliehen. Letztere Auszeichnung bekam sie „für ihr uneigennütziges und vom Geist der Mitmenschlichkeit erfülltes Lebenswerk“. Die Ehrung nahm sie für alle Ungenannten im Widerstand an. Sie starb am 29. Mai 2006.
Anna Pröll lebt in dem Dokumentationsfilm „Anna, ich hab‘ Angst um dich“ weiter. Darin verarbeitete ihr Sohn Josef Aussagen seiner Eltern und von Zeitzeugen zu einem bewegenden Dokument.

Von Siegfried P. Rupprecht
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