Ladensterben auf dem Land

Zur Nahversorgung im ländlichen Gebiet sind Dorfläden eine Alternative. Foto: Roland Fischer

In Bayern muss jede vierte Kommune ohne wohnortnahe Versorgung mit den Dingen des alltäglichen Lebens auskommen. Das heißt: Dort gibt es keinen Lebensmittelmarkt und damit auch keine Möglichkeit, die Einkäufe im Heimatort zu erledigen. Die Hälfte dieser Gemeinden hat nicht einmal mehr einen Metzger oder Bäcker. Beispiel: Lützelburg.

Die Landmetzgerei Pest hat vor einigen Wochen ihre Produktion eingestellt. Einher ging damit die Schließung der Verkaufsstelle in Lützelburg. „Nun ist hier die wohnortnahe Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs nicht mehr gewährleistet“, resümiert das Lützelburger „Urgestein“ Bernhard Christi. „In meiner Kindheit hatte der Ort noch drei Läden, eine Poststelle und sogar eine Gärtnerei“, erinnert er sich. Doch die Geschäftswelt sei nach und nach weggebrochen.
Christi bezeichnet dies als „Spiel der freien Marktwirtschaft“. Die kleinen Läden hätten sich gegenüber der großen Konkurrenz auf der grünen Wiese nicht behaupten können.
Der Wegfall der Läden sei ein herber Verlust, so Christi. Denn damit sterbe auch ein großes Stück an Lebensqualität. Gerade die ältere und nichtmobile Bevölkerung sei auf eine wohnortnahe Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs angewiesen. Christi sieht darin zudem ein infrastrukturelles Problem. „Wenn die Grundversorgung fehlt, schadet das dem Wirtschaftsstandort. Junge Familien ziehen erst gar nicht in eine Gemeinde, die keinerlei Einkaufsmöglichkeiten aufweist.“

Teufelskreis

Lützelburg ist kein Einzelfall in der Region. Die Entwicklung der kommunalen Daseinsvorsorge ist zwischenzeitlich alarmierend. Vor allem in ländlichen Gegenden setzt ein besorgniserregendes Ladensterben ein. In den letzten zehn Jahren sind nach Auskunft des bayerischen Wirtschaftsministeriums die Läden im Freistaat von 6.501 auf 5.883 gesunken. In 510 Kommunen gibt es mittlerweile überhaupt keine wohnortnahe Versorgung mehr mit den Dingen des alltäglichen Bedarfs.
Allein die Liste der Gemeinden ohne Lebensmittelläden im Landkreis Augsburg ist lang: Allmannshofen, Bonstetten, Ehingen, Heretsried, Hiltenfingen, Klosterlechfeld, Kühlenthal, Kutzenhausen, Mickhausen, Oberottmarshausen, Scherstetten, Ustersbach und Wehringen.
Ähnlich die Liste im Landkreis Dillingen. Hier sind Aislingen, Binswangen, Blindheim, Glött, Haunsheim, Laugna, Mödingen, Schwenningen, Villenbach, Ziertheim und Zusamaltheim ohne Sicherung der Nahversorgung. Nicht anders der Blick auf den benachbarten Landkreis Aichach-Friedberg. Hier reihen sich Adelzhausen, Hollenach, Inchenhofen, Merching, Obergriesbach, Rehling, Ried, Schiltberg, Sielenbach, Steindorf, Todtenweis und Baar ein.
Landespolitiker unterschiedlicher Couleur sprechen bereits von einem „Teufelskreis“. Durch den Rückgang an Lebensmittelläden auf dem Land nehme der Zuzug in die Städte weiter zu, stellen sie fest. Im Gegenzug werde der Wohnraum in den Städten knapper, die Mieten steigen. Ihrer Meinung nach sei eine aktive Förderung der ländlichen Kommunen notwendig, die somit der ganzen Bevölkerung zu Gute kommt.
Andere wiederum sehen die Lösung vor allem in einem guten Nahverkehrsangebot, in mobilen Läden, wie den „Bäcker auf Rädern", und mobilen Bringdiensten, die Einkäufe direkt ins Haus liefern. Die SPD im Landtag will deshalb bayernweit ein Gesamtkonzept zur Sicherung der Nahversorgung auf den Weg bringen.

Lebensmittel „Menschlichkeit“ gratis

Zurück nach Lützelburg. Nicht nur Bernhard Christi ist mit der dortigen Situation der täglichen Nahversorgung unzufrieden. Auch Heiko Pohl. Sie haben sich mit anderen im „Arbeitskreis Dorfladen“ zusammengefunden, um den Ort selbst zu helfen. Sie fragen: „Kann im Dorf ein Lebensmittelladen erfolgreich betrieben werden?“ Ihr Ergebnis: „Wir meinen, Lützelburg ist mit rund 1.600 Einwohnern groß genug, dass sich ein Lebensmittelladen etablieren und entwickeln könnte.“
Christi verweist in diesem Zusammenhang auf jene bayerischen Gemeinden, die auf den Wegfall der Nahversorgung mit großem bürgerschaftlichen Engagement reagiert und Dorfläden auf genossenschaftlicher Basis geschaffen haben.
Ein Beispiel für ein funktionierender Dorfladen ist der in Lauterbach (Landkreis Dillingen). Dort hoben engagierte Bürger eine Genossenschaft aus der Taufe und investierten darin einen finanziellen Betrag. Ziel war es, viele Menschen in diese Verantwortung miteinbeziehen, um den Dorfladen auf breite Schultern zu stellen.
Eröffnet wurde er im Mai 2008. Der Kunde findet unter anderem frisches Obst, Gemüse, Süßes, Getränke und Zeitschriften, aber auch Kosmetikartikel, Haushaltswaren, Frischfleisch, Gewürze und Konserven. Heute hat sich der Dorfladen, nicht nur bei den Älteren, zu einem Kommunikationstreff gemausert. Das Unternehmen ist aus dem Ort nicht mehr wegzudenken. Und es setzt auf regionale Produkte. Mehr als die Hälfte kommen aus dem Umfeld.
Eine Vorzeigeeinrichtung ist auch der Dorfladen in Biberbach (Landkreis Augsburg). Er wurde ebenfalls als Genossenschaft organisiert. Knapp 200 Biberbacher sind Eigentümer des Dorfladens. Er wurde 2003 gegründet.
Bestandteil seines Konzepts ist neben der Nahversorgung die Versorgung mit Lebensmitteln von Erzeugern aus der Region. Übrigens: Auch hier gibt es das Lebensmittel „Menschlichkeit“ gratis.

Zauberwort Regionalisierung

Der „Arbeitskreis Dorfladen“ in Lützelburg denkt in die gleiche Richtung. Er hat deshalb das Heft in die Hand genommen und zu diesem Thema den Fachberater für Bürger- und Dorfläden in Bayern, Wolfgang Gröll, eingeladen. Der Experte begleitet seit knapp zwei Jahrzehnten erfolgreich Gründungen von Dorfläden im Freistaat.
Gröll gibt im Rahmen einer Informationsveranstaltung am Sonntag, 19. Juni, um 15 Uhr im Saals des Theaterheims in Lützelburg Antworten auf Fragen wie: „Welche Erfolgsfaktoren garantieren das Überleben eines Dorfladens?“, „Wer kommt als Lieferant für einen Dorfladen möglicherweise in Frage?“ und „Welche Betreibermodelle haben in der Praxis eine Chance?“.
Nach dem Vortrag will der Arbeitskreis zusammen mit den Teilnehmern die weitere Vorgehensweise erörtern. „Uns schwebt ein Dorfladen mit Backwaren, Wurst und Fleisch, Obst, Gemüse, Käse und weiteren Waren der Grundversorgung schwerpunktmäßig aus der Region vor“, verdeutlicht Bernhard Christi. Und das deckt sich zu großen Teilen mit dem Sortiment des Lauterbacher Dorfladens, ohne dass Christi dieses Unternehmen nennt.
Als nächster Schritt werde ein Fragebogen an alle Haushalte verteilt. Die Analyse daraus ergebe, ob eine Dorfladen Zukunft habe. Der Start würde anfangs sicher nur mit ehrenamtlichen Helfern möglich sein, ist sich Christi sicher.
Bilanz: Der Wegfall der Nahversorgungssicherheit ist ein alarmierendes Zeichen. Manche Orte reagieren aber darauf und helfen sich selbst, siehe Lauterbach und Biberbach. Gut für die Bevölkerung wäre es, wenn dies auch in Lützelburg gelingen würde.

Von Siegfried P. Rupprecht
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