Landwirtschaft: Amputation unter Schmerzen

Nach dem Enthornen entwickelt die Kuh einen deformierten Kopf. Foto: ©zothenn / 123rf.de

Seit der Erfindung der Laufställe wird das Horn der Rinder zum Problem. Für das Stück Mehr an Freiheit büßen die Tiere mit ihren Hörnern.

Der Lötkolben zischt - das Kälbchen blökt und zappelt, die Augen angstvoll verdreht. Im festen Griff hat der Bauer das Tier. Es kann nicht entkommen. Was vom Ansatz der stattlichen Kuhhörner bleibt, sind zwei blutende Kopfwunden und ein völlig verstörtes Tier.

Täglich spielen sich in den Ställen im Augsburger Land ähnliche Szenen ab. Bis zur sechsten Woche dürfen Bauern mit einem Brennkolben ohne Betäubung die sogenannten Hornbildeknospen der Kälber wegbrennen.

Die Enthornung von erwachsenen Tieren ohne medizinische Indikation ist nach dem Tierschutzgesetz seit 1998 verboten. Und doch werden laut der Tierschutzorganisation PETA auch erwachsenen Kühen die Hörner amputiert. "Diese Tiere müssten sediert werden, doch die Praxis sieht leider oft anders aus. Die Kühe werden im Fanggitter fixiert und die Hörner mit einem Drahtseil abgesägt", sagt Lisa Wittmann, Fachreferentin für Tiere in der Ernährungsindustrie bei PETA.

Tatsächlich ist das Horn der Kuh mehr als nur Kopfschmuck. Es ist ein durchblutetes, mit Nerven versorgtes, sehr sensibles Organ - also kein totes Gewebe. "Den Tieren wird ein Körperteil geraubt, welches für den Stoffwechsel wichtig ist", argumentiert Wittmann. Und auch Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund spricht von einem wichtigen Stoffwechselorgan.

Mehr Kuh pro Quadratmeter

Das Horn ist die Verlängerung der Nasen- und Stirnhöhle und damit Teil des Verdauungsapparates. Während der Verdauung entstünden Gase, die von der Kuh über den Schlund abgegeben werden und auch in Stirn- und Nasenhöhle strömen - bei einer enthornten Kuh fehlt dieser Hohlraum, was zu einem Ungleichgewicht im Verdauungsablauf führe. "Abgesehen von den Schmerzen sind die Tiere auch noch Wochen danach in ihrem Sozialverhalten gestört", sagt Schmitz.

Landwirte verteidigen die Prozedur mit Sicherheitsaspekten. "Es geht darum, Verletzungen bei Mensch und Tier zu verhindert", argumentiert auch Gerhard Hallek, Pressesprecher vom Bauernverband für den Bezirk Schwaben. Unter den Rindern komme es immer wieder zu Rangkämpfen, bei denen sich Tiere mit Hörnern verletzten würden. Und auch der Bauer könne enger mit enthornten Tieren zusammenarbeiten.

Kühe: Eierköpfe auf der Weide

Zur Vermeidung von Hierarchiekämpfen und zur Sicherheit der Landwirte wird enthornt - doch vor allem steckt eins dahinter: der Aspekt der Wirtschaftlichkeit - mehr Kuh pro Quadratmeter. Seit der Erfindung von Laufställen, wird das Horn zum Problem. Zwar ist der Laufstall im Gegensatz zum Anbindestall tierfreundlicher, doch die Tiere büßen das Stück Freiheit mit ihren Hörnern. Möglichst viele Tiere auf kleinstem Raum - nur so lässt sich wirtschaftlich arbeiten. "Bei dem Ramschpreis für Milch und Fleisch, ist die Luft sehr dünn für intensiven Tierschutz", sagt Schmitz. Und Lea Wittmann von PETA stellt entrüstet fest: "Die Tiere werden den Haltungsbedingungen angepasst und nicht umgekehrt."

80 Prozent der deutschen Milchkühe geht heute hornlos durch ihr meist kurzes Leben, das nur noch fünf bis sechs Jahre dauert statt wie früher über zehn. Einzig der Bioverband Demeter lässt seinen Rindern die Hörner. "Rinder haben Hörner - Punkt. Das ist ein Wesensmerkmal, ein Mittel für Kommunikation, Konfliktregelung und Rangkampf", stellt Ulrich Mück, Berater bei Demeter Bayern, fest. Er verurteilt die Enthornung und die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit zutiefst. "Schauen Sie sich mal die Eierköpfe an, die den enthornten Kühen wachsen!"

Doch statt den Stall an die Tiere anzupassen, geht die Industrie in eine andere Richtung. Die Züchtung hornloser Rinder ist auf dem Vormarsch. Milchmenge, Euterqualität und nun auch noch Hornlosigkeit - "die Züchtungen werden von Generation zu Generation leistungsstärker aber wesensfremder", so Mück.

"Die Natur macht nichts vergeblich" sagte der griechische Philosoph Aristoteles. Bei Demeter ist man zudem überzeugt, dass es auch einen Zusammenhang zwischen der Enthornung und der Zunahme der Milchunverträglichkeit beim Menschen gibt. Doch außer einer anthroposophischen Sichtweise und einer Kristallanalyse fehlt bislang jeder wissenschaftliche Beweis.

Für Gerhard Hallek vom Bauernverband geht dies alles in die "esoterische Richtung" und selbst PETA untersucht solche Zusammenhänge nicht, da die Organisation auf eine vegane Ernährung setzt, in der selbst Milch nicht konsumiert werden sollte. "Jeder muss sich beim Trinken eines Bechers Milch bewusst sein, dass dafür ein Kälbchen nach der Geburt der Mutterkuh entrissen wird, damit diese weiterhin Milch gibt", appelliert Lisa Wittmann an den Verbraucher.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.