Sozialer Motor Gersthofens

Die Kolpingfamilie Gersthofen wirkt viel in der Öffentlichkeit. 2010 wurde beispielsweise die Kolpingkapelle an der Berliner Straße feierlich eingeweiht. Foto: Siegfried P. Rupprecht

Grundhaltungen wie Solidarität, Eigenverantwortung und Engagement prägen die Kolpingfamilie auch heute noch.

Auch wenn die Mitglieder inzwischen nicht mehr das Lied vom braven Handwerksgesellen anstimmen, so sind die Gemeinsamkeiten des damaligen Gesellenvereins und der heutigen Kolpingfamilie dennoch vorhanden. Zu allen Zeiten trafen und treffen dort gute Ideen, Begeisterungsfähigkeit, der optimistische Blick nach vorne und guter Wille zusammen, um im Sinne Adolph Kolpings auf christlicher Grundlage zu wirken.

Als der Katholische Gesellenverein im Oktober 1927 im Schützenzimmer des Gasthauses "Zum Strasser" gegründet wurde, war Adolph Kolping bereits 62 Jahre tot. Seine Idee war aber lebendig geblieben. Er forderte auf, dass der Mensch sich auf der Basis von Familie, Beruf, Kirche und Staat neu besinne und orientiere.

Sein soziales Engagement fiel vor allem bei den Gesellenvereinen auf fruchtbaren Grund. Nicht grundlos: Noch vor ein paar Jahren überlebten durch Kriegsfolgen und Depression viele Familien nur mit Hilfe der eingerichteten öffentlichen Speisungen. Jetzt zeigte die Wirtschaft zwar ein positiveres Bild, doch sie wurde nun von monotoner Fabrikarbeit, Akkord und spärlichem Einkommen geprägt.

Die 39 Handwerksgesellen hatten bei der Vereinsgründung eine klare Zielsetzung. Sie wollten sich weiter bilden und untereinander praktische Hilfe für die Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben gewähren.

Am 19. Mai 1929 hielt der Gesellenverein Fahnenweihe. Monate danach zogen dunkle Wolken am Horizont auf. Unter den Nationalsozialisten mussten die Versammlungen vorher angemeldet werden. Fortan saß während jeder Zusammenkunft ein Gendarm unter den Gesellen. 1939 wurde der Verein verboten.

Fahne mit List gerettet

Die nur mit List gerettete Fahne war der einzig sichtbare Überrest, um den sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Vereinsangehörigen und Sympathisanten für ihre Ideen versammeln konnten. Der Katholische Gesellenverein nannte sich nun "Kolpingfamilie".

Durch seine zahlreichen Initiativen und Aktionen wurde der Verein Schritt für Schritt zum "sozialen Motor Gersthofens". Die Mitglieder engagierten sich beim Neubau des Jugendheims an der Schulstraße ebenso wie bei der Aufstellung eines Gipfelkreuzes auf der Mädelegabel oder bei der Einrichtung eines Kinderspielplatzes an der Kapellenstraße. Für das neue Hallenbad an der Brucknerstraße wurden der Gemeinde 2000 Mark aus dem Erlös eines Torwandschießens übergeben.

Auch aus dem örtlichen Kulturbetrieb war die Kolpingfamilie nicht mehr wegzudenken. So zeigte sie zahlreiche Theater-Aufführungen wie das "Überlinger Münsterspiel" und das "Passionsspiel". 1969 traute man sich gar an den "Jedermann". Gemeinsam mit der Faschingsgesellschaft Lechana begann die Kolpingfamilie die sogenannten "Kol-La-Faschingssitzungen" zu veranstalten, die bis heute weit über die Region hinaus bekannt sind.

Ein Aushängeschild der Kolpingfamilie bis heute ist auch die Nikolaus-Aktion. Sie wurde in den 1950er-Jahren von Alfred Steiner und Ernst Kirchgeßner aus der Taufe gehoben, um den Kindern der Vereinsmitglieder einen kostenlosen Nikolaus-Besuch zu ermöglichen.

1976 entstand die erste Jungkolping-Gruppe, vier Jahre später eine eigene Frauengruppe. 1983 gehörte mit Christine Wagner zum ersten Mal eine Frau der Vorstandschaft an. 1985 wurde eine Seniorengruppe ins Leben gerufen.

Tradition und Fortschrittswille

1987 errichteten die Mitglieder zum 60-jährigen Jubiläum der Kolpingfamilie ein Feldkreuz am Unteren Auweg. Es sollte den Spaziergängern, Wanderern und Radfahrern ein Ort der Besinnung und Andacht werden. Im Oktober 2010 wurde die Kolpingkapelle an der Berliner Straße eingeweiht. Für das kleine Gotteshaus leisteten viele fleißige Helfer des Vereins ehrenamtlich rund 6500 Arbeitsstunden. Die Kapelle präsentiert sich als Raum der Hoffnung und Stille und als Einladung, das Gespräch mit Gott zu suchen.

Engagement und Einsatz in der Öffentlichkeit ist für die Kolpingfamilie unter der heutigen Vorsitzenden Patricia Steiner noch immer eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie die Säulen Tradition und Fortschrittswille. In diesem Zusammenhang kommt auch das Leitwort zu neuem Bewusstsein: "Handeln - und nicht behandelt werden."
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