Thingplatz auf dem Kirchberg?

Der Kirchberg in Batzenhofen mit der mächtigen alten Eiche Foto: Franz X. Köhler

Der Kirchberg mit seiner mächtigen, Jahrhunderte alten zweistämmigen Eiche besitzt eine ganz eigene Atmosphäre. Ob es sich dort um einen alten Thingplatz handelt, fragt Franz X. Köhler.

Franz X. Köhler ist sich sicher: "Der Kirchberg in Batzenhofen ist einer der vielleicht geheimnisvollsten Orte in der Umgebung von Gersthofen." So manche Geschichte rankt sich nämlich um das Areal mit seiner alten, zweistämmigen Eiche. Der Platz liegt rund 400 Meter nordwestlich von der Pfarrkirche und 200 Meter südwestlich von der Sebastianskapelle. Der Ort wird mit einem alten Thingplatz in Verbindung gebracht. Und: "Der Name Kirchberg kommt nicht von ungefähr, obwohl es hier keine Kirche gibt", weiß Köhler zu berichten. Er hat darüber seine eigenen Schlussfolgerungen gezogen.

Doch dazu muss man zurück ins Jahr 1953. Josef Jörg hatte damals in der "Schwäbischen Landeszeitung" einen Aufsatz veröffentlicht. Darin bezeichnete er den Kirchberg "als gut erhaltenen typisch vollendeten germanischen Thing-Platz. Auf diesem Hügel steht heute noch die altehrwürdige Thing-Eiche." Jörgs Fazit: Der Kirchberg sei eine Kultstätte von hohem Alter und einstmals großer Bedeutung. Eine stichhaltige Begründung seiner These blieb er allerdings schuldig.

Das wiederum rief den damaligen Besitzer des Kirchbergs, Josef Reiter, auf den Plan. Er schaltete den Heimatpfleger für den Landkreis Augsburg, Dr. Hans Eberlein, ein. Dieser wies die Behauptungen Josef Jörgs jedoch zurück.

"Irgendwelche Anhaltspunkte dafür, dass der Kirchberg als einstige Thingstätte zu betrachten sei, sind nicht vorhanden", so Eberlein in einer schriftlichen Stellungnahme im Oktober 1953. Er argumentierte damit, dass keinerlei Überlieferung in Batzenhofen vom Kirchberg als alte Thingstätte berichte. Zudem spräche unter anderem die Lage gegen eine solche Annahme.

"So gehörte der weitab vom Dorfkern liegende Kirchberg - auf dem im 16. Jahrhundert die Johanneskapelle nachgewiesen ist - zu dem Waldgebiet, das frühestens bei der Entstehung der Dorfsiedlung in Ackerland umgewandelt wurde. Seine einstige Verwendung als ,altgermanischer Thingplatz' erscheint demnach ausgeschlossen", erklärte Eberlein. "Das Alter der auf dem Kirchberg stehenden zweistämmigen Eiche wird auf 150 bis 200 Jahre geschätzt. Selbst wenn man das Alter der gefällten Eiche um hundert Jahre höher annimmt, wäre diese immer erst in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege gepflanzt worden." Es sei daher nicht möglich, dass sie als Thing-Eiche in das frühe Mittelalter zurückreicht.

Jetzt kommt Franz X. Köhler ins Spiel. Für ihn ergibt sich im Zusammenhang mit Hans Eberleins damaliger Stellungnahme eine Reihe von Fragen.

Der Heimatpfleger bestätigte, dass es sich beim Kirchberg um einen "auffälligen, offenbar künstlich geformten Hügel" handele. Zu dessen Errichtung hätte einst etwa 675 Kubikmeter Erdreich bewegt werden müssen, folgert Köhler und fragt sich, warum die Vorfahren diesen immensen Aufwand getrieben haben.

"Wozu die Aufschüttung eines künstlichen Hügels in Dorfnähe, wenn im weiteren Umkreis genügend natürliche Hügel vorhanden sind?"

Auch die einst auf dem Kirchberg vorhandene Johanneskapelle gibt Köhler Rätsel auf. Nach Eberleins Ausführungen war sie 1575 verfallen. Andererseits stand sie 1765, also zwei Jahrhunderte später, immer noch und musste sogar abgebrochen werden. "Um welche Zeit vor 1575 war die Kapelle wohl errichtet worden?", fragt Köhler. Und: "Warum machten sich die frühen Batzenhofener die Arbeit, eine Kirche soweit vom Ortskern entfernt zu errichten? Warum wurde die 1575 verfallene Johanneskapelle 1669 mit einem neuen Sebastiansaltar ausgestattet und sozusagen ,wiederbelebt'? Erinnerte man sich in den Notzeiten der Pest plötzlich wieder an einen alten ,Kraftort'?"

Franz X. Köhler ist ein Mensch, der mit beiden Füßen im Leben steht. Kein Visionär oder Fantast. Er war zuletzt Teamleiter für Fertigungstechnik und Fertigungsplanung bei Fujitsu Technology Solutions in Augsburg. Er hat Chemie studiert und ist naturwissenschaftlich interessiert. Er ist eng mit seinem Heimatort Batzenhofen verbunden. Rund vier Jahrzehnte war er aktives Mitglied bei der dortigen Feuerwehr. Weiter arbeitet er in der Pfarrei St. Martin bei der Vorbereitung und Durchführung von Wortgottesfeiern und Andachten mit. Seit 2008 ist er Schriftführer des Veteranen-, Soldaten- und Kameradenverein der Pfarrei sowie Vorsitzender des Fördervereins "Orgelfreunde Sankt Martin".

Ein Mensch also, der alles andere als "Hirngespinsten" nachjagt. Dennoch hat es Franz X. Köhler der Kirchberg angetan. "Es ist bekannt, dass unsere Vorfahren um ,Kraftorte' wussten. Diese wurden über Jahrhunderte, ja Jahrtausende als Kultplätze genutzt", so Köhler. Im Zug der Christianisierung seien auf derartigen Plätzen oft ganz bewusst Kirchen gebaut worden, um dem heidnischen Kult ein Ende zu bereiten.

Für Köhler drängt sich die Vermutung auf, dass dies auch in Batzenhofen so gewesen sein könnte. "Vielleicht war sich der damalige Heimatpfleger selbst nicht hundertprozentig sicher. Warum wählte er die Formulierung ,erscheint demnach ausgeschlossen' und schrieb nicht klar und eindeutig ,ist ausgeschlossen'?"

Zuletzt beruft sich Köhler nochmals auf Eberlein. Dieser teilte mit, dass 1766 die Sebastianskapelle entstand. Die Sage berichtet, dass das Gotteshaus ursprünglich auf dem Kirchberg hätte errichtet werden sollen. Die Neubauteile wurden aber während der Nacht auf geheimnisvolle Weise an den jetzigen Platz der Kapelle getragen. "Kann dies nicht auch so gedeutet werden, dass damals ganz bewusst keine Kapelle mehr auf einem alten Kultplatz errichtet werden sollte?", wendet Köhler ein. "Um den alten Kultplatz zu schützen oder weil man keine Kapelle auf vormals heidnisch genutztem Boden haben wollte."

Sei es wie es sei. "Tatsache ist, dass der Hügel mit der alten Eiche auch heute noch eine sehr eigene Atmosphäre besitzt, insbesondere in den Morgen- und Abendstunden beim Sonnen-auf- und -untergang", resümiert Köhler.
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