Verbotener Blick

Einst warf Albert Kaps (rechts) vor der Bescherung einen verbotenen Blick durch das Schlüsselloch. Prompt folgte vom „Christkind“ ein Denkzettel. Foto: privat

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Früher war Weihnachten anders. Da waren Süßigkeiten oder üppige Geschenke keine Selbstverständlichkeit. Dafür gab es mehr Lametta. Doch auch damals lebte das Fest von seiner heimeligen und besinnlichen Atmosphäre. Stadtrat Albert Kaps erzählt ein Erlebnis rund um den Heiligen Abend aus seiner Kindheit.

Es geschah an einem Weihnachtsabend Ende der 1950er-Jahre. „Ich war gerade sechs Jahre alt und ging in die erste Klasse der Pestalozzischule in Gersthofen“, berichtet er.
Am Weihnachtsfest war es in seiner aus dem Sudetenland stammenden Familie Tradition, dass bereits am Tag davor die Türe zum Wohnzimmer - hinter der es die Bescherung gab - verschlossen wurde. „Meine Eltern erzählten mir, dass der Durchgang von den Engeln versperrt werde“, so Kaps. „Zwar war ich ein aufgewecktes Kind, aber ich glaubte damals noch fest an das Christkind.“
Zusammen mit seiner Schwester saß er auf der alten Eckbank in der Küche. Sie warteten auf das Essen und waren gespannt und aufgeregt zugleich. Es gab meist Bratwürstchen und Kartoffelsalat. Vor dem Essen wurde das Weihnachtsevangelium vorgelesen.

Schlechtes Gewissen

An diesem Abend hatte Albert Kaps aber zum ersten Mal ein sehr schlechtes Gewissen. Was war geschehen? „Vor lauter Aufregung und in inniger Erwartung des Christkinds hatte ich es am Mittag des 24. Dezembers nicht mehr ausgehalten und schaute heimlich durch das Schlüsselloch des versperrten Wohnzimmers.“ Und da sah er ein Hexenhaus aus Lebkuchen. „Ich war so aufgeregt, dass ich dies sofort meiner Mutter erzählte.“ Seine Mutter schimpfte ihn sehr und ermahnte ihn: „Man darf nicht durch das Schlüsselloch blicken! Das Christkind wird dann sehr böse und weniger bringen!“
Nach dem Essen warteten die Geschwister gespannt auf das Klingeln des Christkinds. Ihnen war nicht aufgefallen, dass ihre Mutter kurz nach dem Essen die Küche verlassen hatte.
Endlich kam der lang ersehnte Ton eines kleinen Glöckchens und alle stürmten in das nun aufgeschlossene Wohnzimmer. Die Kerzen und die angezündeten Wunderkerzen waren für die Kinder überwältigend. Unter dem Christbaum lagen auch einige kleine Geschenke. Hatte das Christkind gar nicht bemerkt, dass durch das Schlüsselloch geschaut wurde? „Aber wo war das Lebkuchenhexenhaus? Es war nicht da“, so Kaps. Zum ersten Mal habe es an Weihnachten kein Hexenhaus gegeben. „Und ich war daran schuld“, erzählt Kaps.
Das Christkind habe den verbotenen Blick bemerkt und das Lebkuchenhaus wieder mitgenommen oder anderen Kindern geschenkt, so zumindest erklärte es ihm seine Mutter. An diesem Heiligen Abend wurde ihm der Glaube an das Christkind auf alle Fälle zurückgegeben, falls er jemals daran gezweifelt hätte.

Denkzettel verpasst

Viele Jahre später – als Albert Kaps längst nicht mehr an das Christkind als Geschenkeüberbringer glaubte - erzählte ihm seine Mutter die wahre Geschichte. Natürlich habe sie sich über seine Neugier sehr aufgeregt, gestand sie. Deshalb verpasste sie ihm auch einen Denkzettel. Sie brachte das Hexenhaus kurzerhand zu Bekannten, die sich über das unerwartete Weihnachtsgeschenk sehr freuten.
„So war dieses Weihnachten auf der einen Seite schrecklich, überraschend und doch sehr schön“, resümiert Albert Kaps heute.

Von Siegfried P. Rupprecht
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