Christian Wörns beim FC Augsburg: Wadelbeißer als Taktikfuchs

Christian Wörns erklärt eine seiner Übungen an der Taktiktafel. Die Spieler der U 23 des FC Augsburg lauschen ihrem neuen Trainer, der auf dem Kunstrasenplatz neben der Gersthofer Arena seine erste Einheit leitete. Die Rasenplätze am Nachwuchsleistungszentrum des FCA sind derzeit gesperrt. Foto: David Libossek

Christian Wörns grätschte einst durch Europas Strafräume. 66-Mal lief er für die Nationalelf auf, bis er Trainer Klinsmann „hinterlistig und link“ nannte. Nun ist er U23-Trainer des FC Augsburg. Ein Trainingsbesuch.

Doppelpass, direkte Flanke, Volley, Tor. Was eine Kombination der Jungs in den blauen Trainingsleibchen. Nur einer grätscht hinein in die Euphorie, wie er es einst in seinen besten Zeiten als Innenverteidiger gemacht hat. „Das war glücklich“, moniert Christian Wörns. Ein Seitenwechsel wäre nach seinem Geschmack die bessere Lösung gewesen, Traumtor hin oder her.

Lösungen sind das, was Wörns immer wieder fordert an diesem bitterkalten Nachmittag auf dem Kunstrasenplatz des TSV Gersthofen. Einen Plan B sollen sie haben, die Spieler der U 23 des FC Augsburg, die bislang in der Regionalliga unter ihren Möglichkeiten blieben und Tabellenletzter sind. Wörns selbst war Plan A der Augsburger Verantwortlichen, dies zu ändern. Seit Beginn des Jahres ist er als Trainer Nachfolger des im November entlassenen Tobias Luderschmid.

43 Jahre ist er mittlerweile alt, der Abwehrrecke, der 66 Mal für die Nationalelf die Knochen hinhielt. In einer längst vergessenen Zeit, in der es noch darum ging, Gras zu fressen, und man nach einem dreckigen 1:0 der deutschen Auswahl auf den Faröer Inseln erleichternde Zufriedenheit verspürte. Eine Zeit, fernab von Konzeptfußball, falscher Neun und Talenten von der Stange.

Chamäleon Wörns: Beinharter Verteidiger von einst lehrt Angriffspressing


Wörns ist in diesem Sinn ein Chamäleon. Er hat den Wandel mitgemacht. So spricht der beinharte Manndecker von anno dazumal im ersten Training mit seiner neuen Mannschaft über Ebenen, Variantenreichtum, Angriffspressing und Videostudium. Vor jeder neuen Übung, die er Schritt für Schritt auf dem Platz aufbaut, bittet er das Team an die Taktiktafel. „Noch Fragen?“ Keine? Los geht’s.

„Absolut deckungsgleich“ sei seine Spielphilosophie mit der des Vereins, erzählt Wörns vor der Einheit. Vor allem über Manuel Baum, den Cheftrainer des Nachwuchsleistungszentrums – noch so ein Element der neuen Fußballgeneration –, sei der Kontakt zustande gekommen. Mit ihm absolvierte Wörns den Trainerlehrgang, in dem auch Stefan Effenberg, Mehmet Scholl und Alexander Zorniger ihren Schein machten. Auch mit dem ehemaligen VfB-Trainer hat Wörns etwas gemein: Er will attackieren.


Attackieren im Abstiegskampf? „Ziehen das gnadenlos durch“


Ob es nicht besser wäre, im Abstiegskampf der Regionalliga mit elf Mann zu verteidigen, habe er sich auch schon gefragt, gibt Wörns lachend zu. „Aber wir ziehen das jetzt gnadenlos durch“, sagt er, obwohl er weiß, dass es im ergebnisorientierten Fußballgeschäft „keine B-Note gibt“. Lieber in Schönheit sterben, als mit Rumpelfußball zu überleben, also? Notfalls, lenkt Wörns ein, könne man nachjustieren.

Der 43-Jährige ist während seiner Ausführungen so selbstbewusst wie einer eben ist, der für Borussia Dortmund, Paris St. Germain oder Bayer Leverkusen spielte, aber gleichzeitig so bodenständig wie jemand, der im Trainerdasein nach Stationen in den Jugendabteilungen von Schalke und Bochum sowie als Co in Unterhaching nun in Buchbach und Illertissen um Punkte zittern muss.

Freilich gehe es in erster Linie um den Klassenerhalt, sagt Wörns, aber auch um das, was er das „große Ganze nennt“. Dazu gehört etwa, dass alle U-Mannschaften des FC Augsburg in der jeweils höchsten Spielklasse spielen, um Toptalente für den Klub gewinnen zu können.

Moderne Trainingsmethoden und Sprüche mit 90er-Jahre-Charme


Profis in spe, denen Wörns den Sprung in die Bundesliga-Elf von Markus Weinzierl möglich machen möchte. „Sie stehen erstmal nackt da“, führt er aus, „und wir müssen ihnen eine Rüstung anziehen, damit sie nicht beim ersten Gegenwind einknicken“. Taktisch, technisch, aber vor allem mental. „Herz und Seele“ sollen die Nachwuchskicker haben, „mutig“ sollen sie sein.

Das vermittelt er seiner Mannschaft, die er bisher größtenteils von zahlreichen Videos kannte, mit vielen kurzen Einzelanweisungen. Er wolle seine Spieler lesen, erklärt Wörns. Bei all der Zukunftsmusik wummern seine Sprüche aber manchmal noch im Takt der 90er über den Platz in Gersthofen. „Zigarette rein und cool bleiben“, ruft er den Spielern mit den bunten Schuhen zu, oder fordert „Raus aus der Hängematte!“. Alte Schule auf modernem Kunstrasen.

FCA-Talente sollen mutig sein: „Habe auch mit 17 Bundesliga gespielt“


„Die Jungs“, wie er sie nennt, blicken zu ihm auf, auch wenn seine eigene Fitness nachlässt. „Ich baue rapide ab“, scherzt er. Diese Lockerheit gepaart mit der Autorität eines vielfachen Nationalspielers umgibt Wörns. Als authentisch bezeichnet er sich und als jemanden, „der frei raus sagt, was er denkt“. Das bekam einst Teamchef Jürgen Klinsmann zu spüren, der Wörns kurz vor der WM 2006 in der Nationalelf aussortiert hatte. „Hinterlistig und link“ sei das, polterte der Abwehrrecke, er spiele schließlich „die letzten Wochen überragend“.

Ein Stück Fußballgeschichte. Wörns hat sie mitgeschrieben, nicht nur durch Worte. Für die U 23-Kicker ist er einer, der’s sportlich geschafft hat und Wörns will, dass die Jungs es auch schaffen. Lieber heute als morgen: „Ich habe auch mit 17 Bundesliga gespielt“, sagt er mit Ausrufezeichen.


Weinzierl und Wörns haben sich noch nicht kennengelernt


Mit dem, der in letzter Instanz darüber entscheidet, ob ein Jungspund beim FCA in der deutschen Eliteklasse randarf, habe Wörns noch nicht gesprochen: Markus Weinzierl weilt ja noch im Trainingslager. Umso mehr redet er dafür mit Manuel Baum, der im Sommer Wörns Sohn David für die U 15 des FCA begeistern konnte.

Baum ist offensichtlich begeistert vom Neo-Trainer, aber auch von dessen Assistenten und Verteidiger in Personalunion, Dominik Reinhardt. Er spricht von dem, was junge Spieler brauchen, wenn sie „ganz weit oben“ sind. Davon, dass sie taktisch bereit sein sollen, jederzeit in Weinzierls Mannschaft rücken zu können.

Wörns Vertrag ist von kurzer Dauer


Ein halbes Jahr hat Wörns nun Zeit, der Begeisterung gerecht zu werden, die Klasse zu halten und ganz nebenbei das große Ganze zu erfüllen. So lange läuft sein Vertrag. Die Frage, ob er auch einen Bayernligisten betreuen würde, umschifft er: „Mit dem Abstieg beschäftige ich mich zu keiner Zeit“, sagt Wörns. Ganz Profi eben.
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