Alt-Gunzenhausen

Vorsitzender Werner Falk (rechts) und Schriftleiter Werner Mühlhäußer werfen mit Drucker Udo Heinrich einen letzten Blick auf die Titelseite. „Alt-Gunzenhausen“, das Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen, ist im Buchhandel für 15 Euro erhältlich. (Foto: AB)

Zwölf Autoren und dreizehn Beiträge - das ist die ganz knappe Zusammenfassung des Jahrbuchs „Alt-Gunzenhausen“. Es spricht – so Vorsitzender Werner Falk - für die Vitalität des 138 Jahre alten Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen. Das Jahrbuch 72 gibt es seit wenigen Tagen auch im örtlichen Buchhandel. Es ist 280 Seiten stark. „Wir sind stolz darauf, dass unsere Autoren in fundierter Weise Einblick geben in die Facetten der Gunzenhäuser Stadtgeschichte“, sagt Werner Mühlhäußer, der Schriftleiter der renommierten Publikation.

Siglinde Buchner gibt „Einblicke in die Orts- und Kirchengeschichte von Kalbensteinberg bis 1613“. Demnach wird der Ort erstmals 1284 in einer Urkunde des Klosters Roggenburg (Schwaben) als „Steimberc“ nachgewiesen. Die Kirche und andere Anwesen gingen 1412 an den Grafen von Oettingen über. Noch heute präsentiert sich das Gotteshaus so, wie es der Nürnberger Patrizier Hans Rieter (IV.) 1464 neu erbaut hat.

„Der Burgstall Silberburg nordöstlich von Kalbensteinberg“ ist ein zweiter Beitrag von Siglinde Buchner betitelt. Er ist bisher nicht urkundlich belegt. Der Autorin, die ehrenamtliche Kreisarchivpflegerin ist, beschreibt einen Burgstall an der Flurgrenze zu Wernfels. Die Burg dürfte um 1050 erbaut worden sein, 1316 ist die „Silberburg“ zerstört worden. Die dortige Flur trägt seit 1563 diesen Namen.

Günter L. Niekel, der in Muhr am See lebende Ruhestandspfarrer (er predigte 36 Jahre in Weiltingen) widmet sich den „Schlössern von Muhr“, von denen es fünf gegeben hat. Im ersten Teil geht er auf die Geschichte der Turmhügelburg Altenmuhr und des Schlosses Altenmuhr ein (das Witwenschlösschen Julienberg, Schloss Mittelmuhr und Schloss Neuenmuhr folgen im nächsten Jahrbuch).

Karl Rieger fand im Archiv der Benediktinerabtei Kremsmünster neue Hinweise auf die 1548 erstmals in Arberg nachgewiesene Familie Spindler und beschreibt sie in seinem Beitrag „Die ehrwürdige Familie Spindler aus Arberg als Inhaberin hoher geistlicher und weltlicher Ämter im Hochstift Eichstätt und in Oberösterreich“. Zwei Spindlers stehen im Mittelpunkt seiner „Geschichten zum Schmunzeln und Schaudern“: der in Arberg geborene Abt Johann Spindler und Oswald Spindler, der Kanzler des Bischofs von Eichstätt war. Übrigens gibt es noch heute das „Spindlerhaus“ in Arberg.

Eine „Quelle zur Sozialgeschichte von 1694 bis 1735“ ist das „Haus- und Jahrbuch von Paul Days, Oberkaplan in Gunzenhausen“. Der in Gunzenhausen aufgewachsene Wolfgang Pfahler (heute Vreden) stellt den Geistlichen vor, der von 1666 bis 1735 gelebt hat. Der gebürtige Creglinger hatte zunächst eine Pfarrstelle auf der Wülzburg, übernahm 1694 die Pfarrstelle in Gräfensteinberg und war ab 1696 ganze 38 Jahre lang Oberkaplan in Gunzenhausen. In seinen Aufzeichnungen listet Paul Days die Kosten für sein Hochzeitsmahl ebenso auf wie die Verträge mit seinen Mägden und beleuchtet die Vorgänge in der Stadt um das Jahr 1700.

Aktuell ist das Thema von Walter Salfner (Fünfbronn). Er vergleicht im Lutherjahr die Reformationsjubiläen von vier Jahrhunderten: „1717-1817-1917-2017. Jahrhundertfeiern zum Reformationsfest in Fünfbronn vor dem Hintergrund regionaler und überregionaler Ereignisse“. 1717 war Fünfbronn noch Teil der Haundorfer Gemeinde. 1817 war das „Hungerjahr“, in dem beispielweise der Stadtrat von Gunzenhausen Brotgetreide bis aus Russland kommen ließ. 1917 predigte Pfarrer Putz ganz im deutschnationalen Sinne über „Luther als deutscher Mann“ und beschwor: „Die Deutschen sollten sich Luther mit seinem unbeugsamen Kampfeswillen zum Vorbild nehmen, um den Krieg doch noch zu gewinnen“. 2017 unternahm die Kirchengemeinde zusammen mit katholischen Christen eine ökumenische Fußwallfahrt auf dem historischen Weg von Fünfbronn nach Hagsbronn.

„Das Fischereiwesen der Stadt Gunzenhausen im 18. bis 20. Jahrhundert“ gehen Werner Mühlhäußer, der Stadtarchivar und 2. Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde, und Werner Neumann an. Damals lieferte nicht nur der Schafhof, sondern auch das Fischamt seine Einnahmen beim Stadtkämmerer ab. Fischmeister sind seit 1508 in Gunzenhausen nachgewiesen. Die Autoren listen alle Weiher auf, deren Eigentümer zahlungspflichtig waren. Das Fischgut und der Stadtfischer, der die Altmühl von Gunzenhausen bis Wald bewirtschaftete, waren lange Zeit am Anwesen Osianderstraße 4 beheimatet. Das Volkslied „Ein armer Fischer bin ich zwar…“ kennt jeder, aber viele der Geschichten, die von den Autoren serviert werden, sind unbekannt, beispielswiese die des 15 Jahre alten Fischer-Sohnes Johann Michael Hartung, der „in einer Tiefe bei Wald“ ertrunken ist.
Werner Kugler, der vormalige Dekan von Heidenheim, geht auf „Das Ende der Probsteikirche in Mariabrunn bei Heidenheim“ ein. Bald seiner seiner Erbaung kam sie 1423 zum Benediktinerkloster Heidenheim. Ab 1534 verfiel sie. Ihre Steine fanden für die Klosterhofmauer Verwendung. Schließlich wurde das Gotteshaus 1782 abgebrochen. Dabei verkalkulierte sich übrigens der Hohentrüdinger Maurer Johann Adam Meyer gründlich, so dass er beim Markgrafen in Ansbach ein Gnadengesuch einreichen musste. Von dort wurde ihm geholfen.

„Vor 120 Jahren: Die Cronheimer Filiale Gunzenhausen wird selbständige Pfarrei“. Das ist der Titel einer Abhandlung von Günter Dischinger. Voraus gegangen war nach dem Übergang des Markgrafentums Ansbach an das Königreich Bayern (1806) die Gleichstellung der christlichen Konfessionen. Von 1817 an wurden die Gläubigen vom Absberger Pfarrer betreut, 1818 kamen die 32 Gunzenhäuser Katholiken zur Pfarrei Cronheim. Der Eisenbahnbau brachte viele Menschen ins Land. So wuchs die katholische Pfarrei im Jahr 1895 bis auf 568 Seelen an. 1867 wurde Gunzenhausen eine eigene Seelsorgestelle, der Grundstein für eine neue Kirche wurde gelegt (1895 eingeweiht) und Josef Erhard trat als erster katholischer Priester in Erscheinung. Erster Stadtpfarrer von Gunzenhausen wurde der aus Wolframs-Eschenbach stammende Peter Landwirth (1897).
Auf „100 Jahre Wolframs-Eschenbach“ und die Umbenenung von Obereschenbach in Wolframs-Eschenbach geht Oskar Geidner, der Stadtheimatpfleger, ein. 1916 hatte der Kaplan Baptist Kurz nachgewiesen, dass Obereschenbach tatsächlich die Heimat des bedeutenden Epikers des Mittelalters ist. Der Autor ist im Staatsarchiv auf Akten gestoßen, die sich auf die Errichtung des Wolfram-Denkmals (1860) beziehen und fand heraus, dass es eine „Finte“ des Stadtrats war, die der Stadt zu ihrem Namen verhalf. Die Eschenbacher hatten Zweifel, ob die Minnesänger-Herkunft als Begründung allein ausreichen würde und schoben das Argument nach, in Kriegszeiten gebe es wegen der zahlreichen Eschenbachs immer wieder Probleme bei der Postzustellung. Das verfing offenbar. Nebenher hatten die Eschenbacher in dem damaligen Regierungspräsidenten Julius Ritter von Blaul einen starken Fürsprecher.

Heinrich Thein ist heute längst vergessen. Aus der Erinnerungslücke gerissen wird er von Steffen Förster in seinem Beitrag „Heinrich Thein (1888-1969). Der bekannte Bildhauer machte auch in Gunzenhausen Station“. Im 20. Jahrhundert galt er als einer der ausdrucksstärksten Kleinplastiker. Der gebürtige Nürnberger (Muggenhof) wuchs als Kind von armen Leuten auf, erlernte beim Vater den Töpferberuf und konnte dann aber die Kunstgewerbeschule besuchen. Verheiratet war er mit der Obermögersheimerin Anna Maria Edelmann. In der ersten bayerischen Republik trat er 1919 als SPD-Kandidat auf und wurde sogar 3. Bürgermeister von Gunzenhausen. Allerdings konnte er offenbar dem Druck der Nazis nicht standhalten und trat schon 1933 in die NSDAP ein. Ein Jahr später schickte er sogar eine Hitler-Figur als Geschenk an den Gunzenhäuser Stadtrat. Das „Kunstwerk“ ist allerdings seither verschollen. Der „Benno-Altar“, der in Meißen zu sehen ist, war sein bekanntestes Werk.

„Das Kriegstagebuch der Realschule Gunzenhausen 1939-1945“ hat Werner Mühlhäußer ausgewertet. Er skizziert anhand von vielen Belegen die Auswirkungen des Kriegs auf den Schulbetrieb in der Stadt. Die ersten Einträge stammen von Lehrer Benedikt Pfaff, der wie die anderen Lehrkräfte die schleichende Militarisierung der männlichen Schüler, die ständigen Änderungen im Lehrbetriebs und die Folgen des Einzugs von Lehrern zum Kriegsdienst dokumentiert. Das Kriegstagebuch ist nach Ansicht des Stadtarchivars und Schriftleiters von „Alt-Gunzenhausen“ eine ebenso wichtige Quelle für die NS-Jahre wie das Tagebuch von Stadtkämmerer Oskar Maurer.

Dr. Adolf Meier, der frühere Notar von Weißenburg, gilt als ein akribisch arbeitender Autor. Er setzt seine Reihe „Gemeinderecht, Gemeinheitsteilung und Flurbereinigung“ am Beispiel von Aha (mit Edersfeld), Unter- und Oberwurmbach sowie Wolframs-Eschenbach fort. Ein Auszug: Der Kuhhirte von Oberwurmbach hatte 1851 genau 74 Kühe, 156 Gänse und 152 Schafe zu beaufsichtigen. Und Andreas Rosenbauer war 1900 der letzte Kuhhirt von Unterwurmbach. Den letzten Gänsewirt gab es 1925. Viele Details, beispielsweise der Streit um das Weidegeld in Edersfeld, sind der Abhandlung zu entnehmen. Das lässt aufhorchen: Wolframs-Eschenbach stellt die anderen Städte Frankens weit in den Schatten. Um 1500 gab es dort 1300 Einwohner, verteilt auf 28 kleine und größere Siedlungen (127 Haushalte innerhalb und 100 außerhalb der Stadtmauer). Da können sich die Nachbarn nur noch klein machen: Ansbach zählte damals 1200 Einwohner, Gunzenhausen 870, Erlangen 350 und Windsbach immerhin 490. Im Dreißigjährigen Krieg allerdings verlor die Wolframstadt 71 Prozent ihrer Bevölkerung. (pm)
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