Eine Festung des Rückzuges

Werner Söller vor einem seiner selbst gemalten Bilder (Foto: AWO Therapiezentrum Schloss Cronheim)
 
Thomas Wagner bei Korbflechtarbeiten im AWO Therapiezentrum Schloss Cronheim (Foto: AWO Therapiezentrum Schloss Cronheim)
Gunzenhausen: Schloss Cronheim |

Cronheim - Zwei alkoholerkrankte Bewohner des AWO Therapiezentrums Schloss Cronheim schildern ihre Schicksale

Ein Leben im Schloss, für viele klingt das auf den ersten Blick nach einem Traum. Werner Söller und Thomas Wagner können sich hingegen schönere Orte vorstellen, an denen sie ihren Alltag verbringen möchten. Doch die beiden Herren sind alkoholkrank. Im AWO Therapiezentrum Schloss Cronheim versuchen sie nun seit einigen Jahren, ihre Suchterkrankung in den Griff zu bekommen und sich eine neue Lebensperspektive zu erarbeiten. Rückschläge sind dabei leider nicht ausgeschlossen. Die beiden Bewohner gaben uns einen berührenden Einblick in ihre Biographien, die sie in unsere Suchteinrichtung im Gunzenhausener Ortsteil führten.

Jahrelang konnte Söller seine Alkoholerkrankung verbergen. Denn beim Bundesgrenzschutz (BGS) gehörte der exzessive Alkoholkonsum zum Alltag. So wurde wie selbstverständlich bei Kameradschaftsabenden das notwendige „Zielwasser“ für das spätere Schießtraining getrunken. Dass Werner Söller dabei tiefer als seine Kameraden ins Glas blickte, fiel kaum auf. Von seinen Freunden das erste Mal gedeckt werden musste er erst ein paar Jahre später, als er als Wachmann für den BGS im Bonner Innenministerium tätig war. Bei seinen Patrouillen arbeitete er sich nicht nur von Bürotür zu Bürotür, sondern auch von Minibar zu Minibar vor. Als er einmal betrunken in einem Büro einschlief, konnte er sich auf das Stillschweigen eines befreundeten Kollegen verlassen. Glück hatte er, als er einige Zeit später volltrunken seinen Wagen in den Straßengraben setzte und die anrückende Polizei ein Auge zudrückte.

Ein Warnschuss, den Werner Söller leider überhörte. Denn in den Folgejahren hangelte er sich von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle. Nicht nur viele Jobs, sondern auch viele Beziehungen und Freundschaften zerbrachen an seiner Alkoholabhängigkeit. Es klang nach dem großen Los, als er mit einer wohlhabenden Geschäftsfrau aus Roth zusammenkam und er sich in der Folgezeit als Bodenbelagsverkäufer einen Namen machen konnte. Trotz oder gerade wegen seines fordernden Berufes, der viele Kundenkontakte und Abendtermine mit sich brachte, kam Söller von seiner Trinksucht jedoch nicht los. Über Monate führte er eine Art Parallelleben, mietete sich wenige Kilometer von seiner Freundin entfernt eine Zweitwohnung, die ihm als Rückzugsort zum Ausnüchtern nach heimlichen Saufgelagen diente. Auch der Besuch der Anonymen Alkoholiker bot keinen Ausweg.

Es kam, wie es kommen musste, die Liaison zu seiner „großen Liebe“ zerbrach nach mehreren Versuchen endgültig. Am Ende saß Werner Söller auf der Straße. Er stahl sich Klamotten aus dem Altkleidercontainer, um vor Supermärkten Geld für seine Alkoholsucht zu erbetteln. Als Schlafplatz dienten Parkbänke. „Man macht sich einsam“, so das ernüchternde Fazit Söllers beim Rückblick auf die fortschreitende Abwärtsspirale in seinem Leben.

Auch Thomas Wagner hat eine wahre Odyssee an Auf- und Abstiegen hinter sich gebracht, bis er 2010 in Cronheim ankam. Zuvor versuchte er es bereits in drei anderen Therapiezentren vergeblich, trocken zu werden. In allen Einrichtungen endete die Behandlung nach diversen Rückfällen mit dem Rauswurf. Bereits im zarten Alter von zehn Jahren, in dem Wagners Freunde bevorzugt Fußball oder Karten spielten, griff Wagner zur Flasche, von der er in seinem weiteren Lebenslauf nicht mehr wegkommen sollte. Ein Aushilfsjob an der Tankstelle des Bruders endete an den Wochenenden in regelmäßigen Räuschen. Auch die spätere Ausbildung zum Schreiner half Wagner nicht, wieder Fuß im Leben zu fassen, gehörte der Alkoholkonsum auf den Baustellen doch quasi zum „guten Ton“. Ständige Jobwechsel, Krankheiten und familiäre Streitigkeiten taten ihr Übriges. In den 80er Jahren wurde Thomas Wagner erstmals zur Entgiftung und späteren Entzugstherapie stationär eingeliefert. Anschließend gelang es ihm immerhin, stolze vier Jahre lang trocken zu bleiben. Doch die Krankheit kam zurück und warf Thomas Wagner endgültig aus der Bahn. Heute quälen Wagner verschiedene, dem übermäßigen Alkoholkonsum geschuldete Krankheitsleiden. Und dennoch schafft er es nicht, dem Gift abzuschwören. „Es ist wie ein Schalter im Kopf, den ich nicht umlegen kann. Der Alkohol wird mich wohl bis ins Grab begleiten.“

Das AWO Therapiezentrum Schloss Cronheim kommt Werner Söller, Thomas Wagner und den anderen Bewohnern sicherlich nicht wie ein „Schloss“ vor. Und dennoch ist es eine Festung des Rückzugs, in der sie dank der kompetenten Unterstützung der Belegschaft an ihrer Genesung, aber auch an der Verarbeitung ihrer oft tragischen Biografien, arbeiten können. Wir sagen Danke an alle Mitarbeiter, die sich mit ihrem täglichen Engagement schweren Schicksalen wie jenen der beiden Herren annehmen und ihnen bei der Erarbeitung einer neuen Lebensperspektive helfen.

Alles Gute, lieber Herr Söller und Herr Wagner!
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