Bahnsteigpinkler vor Gericht: 4,6 Promille, von Güterzug überrollt, unverletzt überlebt

Ein 44-Jähriger uriniert volltrunken am Bahnsteig, verliert das Gleichgewicht, fällt ins Gleisbett, wird von einem Güterzug überrollt und bleibt unverletzt. Nun ist er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er dabei auch das Bahnnetz lahmgelegt hatte. Der Richter staunt über den Promillewert.

Mit 4,6 Promille Alkohol im Blut fiel am 11. März ein 44-Jähriger aus Uffing am Bahnhof Kissing ins Gleisbett. Er hatte beim Urinieren das Gleichgewicht verloren und wurde von einem Güterzug überrollt. Wie durch ein Wunder überlebte er unverletzt. Gestern verurteilte ihn der Aichacher Amtsgerichtsdirektor Walter Hell wegen fahrlässigen Vollrauschs zu fünf Monaten Haft ohne Bewährung.

Der Angeklagte erklärte, er habe den 11. März nur noch schemenhaft in Erinnerung. Richter Hell wunderte das nicht: „4,6 Promille, das ist Rekord. So ein hoher Wert ist mir in meiner Karriere noch nicht begegnet. Normale Menschen sind da tot.“ Der Uffinger jedoch ist seit seinem 21. Lebensjahr alkoholabhängig. Mehrere Todesfälle binnen kurzer Zeit hätten ihn damals aus der Bahn geworfen, berichtete er. So sei unter anderem sein Vater gestorben.

Der 44-Jährige erzählte, er habe sogar mehrere Ausbildungen erfolgreich abgeschlossen, als Industriekaufmann ebenso gearbeitet wie als CNC-Fräser, und sich am Ende als Schmuckdesigner selbstständig gemacht. Dann jedoch sei er Pleite gegangen und geschieden worden. Spätere Jobs habe er verloren. „Wegen des Alkohols?“, fragte Walter Hell. Der habe sicher eine Rolle gespielt, gab der Angeklagte zu: „Der Druck war zu viel .“

Am 11. März jedenfalls habe er zusammen mit einem Bekannten eine Zugfahrt von Uffing am Staffelsee nach Kissing unternommen, ließ er seinen Verteidiger Christian Langhorst eine vorbereitete Erklärung vorlesen. Unterwegs habe man erheblich getrunken und ihm sei schlecht geworden. Beim Aussteigen in Kissing habe er aufgrund der plötzlichen Kälte Kreislaufprobleme bekommen. Er behauptete, er habe nicht absichtlich ins Gleisbett uriniert, sondern sich in die Hose gemacht. „Urinieren hin, Urinieren her“, sagte Hell, es spiele letztlich keine Rolle, ob der Angeklagte vorsätzlich „ins Gleisbett gepinkelt“ habe. Dass er dort hineingefallen sei, sei seiner Fahrlässigkeit geschuldet gewesen.

Der Lokführer, ein 52-jähriger Münchner, wird diesen Freitagabend wohl nie vergessen. Er steuerte um 17.49 Uhr einen 300 Meter langen Güterzug, beladen mit Containern, von Riem nach Augsburg, als er schon von Weitem einen Mann sah, der im Bahnhof Kissing an der Bahnsteigkante stand und winkte. Erst dachte er sich nichts dabei: „Es kommt öfter vor, dass einer winkt.“ Dann bemerkte er, dass der Mann ins Gleisbett deutete. „Dort sah ich etwas Blaues liegen und dachte, es ist eine Jacke.“ Im Näherkommen jedoch entdeckte er zu seinem Entsetzen, dass „die Jacke sich plötzlich bewegt hat.“ Ihm wurde klar, dass das ein Mensch ist – ein Mensch, der im Gleisbett krabbelte. Er leitete eine Vollbremsung ein und drückte die Notruftaste, um den Zugverkehr auf der Strecke zum Erliegen zu bringen. Sein schwerer Zug benötigte 600 Meter bis zum Stillstand.

Obwohl er schon mehrmals einen tödlichen Unfall erlebt und diesmal keinen Schlag bemerkt hatte, war sich der Lokführer sicher, dass der Überrollte zu Tode gekommen sein müsse. Um so erleichterter war er, als ihm ein Polizeibeamter mitteilte, das Opfer habe überlebt, und das sogar unverletzt. „Es ist nur nichts passiert, weil der liebe Gott eingegriffen hat“, befand Richter Hell. Zwei Stunden lang war die Strecke komplett gesperrt, bis ein Ersatzlokführer den Güterzug übernahm. 43 Züge hatten damals zusammengerechnet rund 30 Stunden Verspätung.

„Ich erinnere mich noch an die Lichter des Zuges, das Quietschen der Bremsen, die Gerüche. Ich habe mich lang gemacht, dann ist der Zug über mich drüber“, sagte der 44-Jährige. Das BRK brachte ihn ins Krankenhaus, die Nacht verbrachte er auf der Intensivstation. „Und da sind Sie nicht am nächsten Tag aufgestanden und haben sich überlegt, dass Sie ihr Leben ändern müssen?“, fragte Staatsanwalt Andras Roth, der sich wunderte, dass der Uffinger nicht spätestens da eine stationäre Therapie zur Bekämpfung seiner Alkoholsucht begonnen hat. Doch dieser gab zu, „zwei Tage vor der Verhandlung“ zuletzt getrunken zu haben. Der Bekannte, mit dem er damals Zug gefahren war, hätte als Zeuge vernommen werden sollen. Doch er kam dermaßen betrunken in den Sitzungssaal – „mehr als zwei Promille sind das auf jeden Fall“, konstatierte Hell –, dass das Gericht darauf verzichtete.

Während der Verteidiger Freispruch forderte – dem Vollrausch sein keine strafbare Handlung wie ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr vorausgegangen – folgte Hell in seinem Urteil dem Antrag des Staatsanwalts. Er setzte die Freiheitsstrafe nicht zur Bewährung aus. Maßgeblich dafür waren nicht einmal die 14 Vorstrafen des Uffingers und sein wiederholtes Bewährungsversagen. Schwer wog, dass er hinsichtlich einer möglichen Wiederholung des Vollrauschs keine günstige Prognose hat. „Das ist ein Hinweis für die Berufungsverhandlung, die Sie bestimmt anstreben. Hätten Sie seit März eine stationäre Therapie begonnen, hätten Sie heute Bewährung erhalten.“

Von Monika Grunert Glas
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