Mit dem Ballon über das Lechfeld

Den Weitblick übers Lechfeld genießt Josef Stöhr vom Ballon aus. Foto: Stöbich
 
Eine Fahrt im Herbst ist besonders reizvoll. Foto: Stöbich
 
Wohin die Fahrt genau geht, ist wegen der Windverhältnisse ungewiß. Foto: Stöbich
Königsbrunn : Königsbrunn | Pilot Josef Stöhr betrachtet die Welt aus der Vogelperspektive

Peter Stöbich
Königsbrunn. Rund 1600 Starts und Landungen mit dem Heißluftballon hat Josef Stöhr schon absolviert und dabei auch sieben Mal die Alpen überquert. Die Leidenschaft für diesen Sport hat ihn schon vor drei Jahrzehnten gepackt und seitdem nicht mehr losgelassen. Von 1994 bis 2003 war er Vereinsvorsitzender der „Ballonfreunde Lechfeld“ und darf sich öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Heißluftballone, Unfallgutachten und Startplatzgutachten nennen sowie anerkannter Prüfer für Freiballonführer und Lehrberechtigte.
„Wir fliegen nicht, sondern wir fahren“, betont Stöhr beim Start auf einer großen Wiese neben dem Königsbrunner Ilsesee. Erstaunlich sanft hebt der riesige Ballon mit dem Passagierkorb ab und schwebt wenige Minuten später hoch über den Dächern dem winzig wirkenden Lech. Es ist an diesem Herbsttag wunderschön und windstill, denn der Ballon fährt im und mit dem Wind – wohin genau, kann auch der erfahrene Pilot nicht sagen, der ständig mit den sogenannten Verfolgern irgendwo unten auf der Straße in Kontakt steht. Sie müssen nach der Landung die Reisenden samt Ballon und Korb wieder nach Königsbrunn zurückbringen.
Während viele andere Freizeitvergnügen heutzutage rein virtuell sind, ermöglicht dieses Hobby noch einen Hauch von Abenteuer und Freiheit, „Zum Ballonsport bin ich durch Zufall gekommen“, berichtet er. Als Mitarbeiter des Königsbrunner Bauamts musste er sich vor vielen Jahren mit der Einrichtung eines Ballonmuseums beschäftigen, aus dem letztlich aber nichts wurde. Seitdem hat er hunderte von Stunden in der Luft verbracht. „Er ist nicht gefährlicher als Autofahren, wenn man aufpasst, dass sich keine Routine einschleicht“, betont er.
Ballonfahren ist das ganze Jahr über möglich, sagt Stöhr, „dabei hat jede Jahreszeit ihren besonderen Reiz; allerdings sind durch die Wetterbedingungen enge Grenzen gesetzt.“ So soll die Windgeschwindigkeit beim Start und bei der Landung maximal bis zu circa zehn Knoten (circa 18 km/h) betragen. Am Startplatz trifft man sich im Sommer morgens gegen 6 Uhr und abends gegen 18 Uhr. Im Spätherbst, Winter und Frühling liegt die Startzeit in der Tagesmitte. Stöhr: „Der Grund für diese unterschiedlichen Zeiten ist die Tatsache, dass Ballonfahrten nur außerhalb der Thermikzeiten stattfinden.“
Die Ausbildung zum Piloten erfordert erhebliches Engagement und hohen Zeitaufwand. „Insgesamt muss man ungefähr ein Jahr für die Ausbildung rechnen.“ Zuvor empfiehlt es sich, die notwendige fliegerärztliche Untersuchung machen zu lassen. Aber auch danach muss für dieses Hobby ein Großteil der Freizeit angesetzt werden, um mit der notwendigen Sicherheit und damit auch mit der entsprechenden Freude Ballon zu fahren. Es sollte auch vor der Ausbildung bereits klar sein, wo der künftige Pilot Ballone fahren kann, damit er in Übung bleibt.
In jedem Fall sollte man einige Zeit in einem Verein oder einer Ballongruppe mit dabei sein – auch als Verfolger – um zu testen, ob einem dieser Sport auch wirklich Spaß macht. Stöhr: „Ballonfahren bedeutet ja auch, sich immer wieder mit dem Wetter auseinanderzusetzen, auf besseres Wetter zu warten und auch früh aufstehen zu müssen.“
Bevor die Passagiere in die Luft gehen können, müssen sie gemeinsam anpacken: Nach dem Ausladen des Korbes, der Hülle, der Gasflaschen und des Ventilators wird der Ballon aufgerüstet, mit den Gasflaschen und dem Brenner bestückt und mit der Hülle verbunden. Die Hülle wird ausgelegt und mit dem Ventilator mit Kaltluft angefüllt. Den Rest erledigt der Pilot mit dem Brenner – die heiße Luft stellt den Ballon auf. Die Mitfahrer können sofort in den Korb einsteigen.
Manövrieren kann der Pilot lediglich dadurch, dass er mehr oder weniger heizt und damit unterschiedliche Höhen mit unterschiedlichen Windrichtungen und -geschwindigkeiten erreicht. Nach geglückter Landung ist die traditionelle Ballontaufe aller Neulinge unverzichtbar: Jeder Teilnehmer wird zur Gaudi in den Adelsstand erhoben und mit Feuer und Sekt auf seinen neuen Namen getauft. Darauf wird gemeinsam mit einem Glas Sekt angestoßen.
Kinder sollten bei ihrer ersten Ballonfahrt etwa zwölf Jahre alt und circa 1,30 Meter groß sein. „Wenn sie jünger sind, wird die Ballonfahrt schnell langweilig, wenn sie zu klein sind, können sie nur schwer etwas sehen, da der Korb innen eine Höhe von 1,10 Meter hat“, sagt Stöhr. Nach oben hin sind vom Alter her theoretisch keine Grenzen gesetzt; weil die Mitfahrer aber in den Korb steigen müssen und auch nicht jede Landung genau geplant werden kann, ist eine gewisse körperliche Grundfitness erforderlich.
Die Ausbildung zum Ballonfahrer erfolgt in registrierten Ausbildungseinrichtungen für Freiballonführer; dies sind entweder Vereine oder gewerbliche Ausbildungsschulen. Um Freiballone führen zu dürfen, ist ein Privatpilotenschein notwendig. Das Mindestalter dafür beträgt 17 Jahre.
Fachliche Voraussetzungen für den Erwerb der Lizenz, Freiballone als verantwortlicher Freiballonführer nicht gewerbsmäßig und nicht berufsmäßig am Tage zu führen, sind eine theoretische Ausbildung, die Fahrausbildung sowie die erfolgreiche Teilnahme an einer Ausbildung in Sofortmaßnahmen am Unfallort. Zurzeit sind in Deutschland circa 42 Gas- und circa 1240 Heißluftballone zugelassen.Filmausrüstung nicht vergessen.
Die wissenschaftlichen Grundlagen der Ballonfahrt - das Gesetz des Auftriebs - beruhen bereits auf Forschungen von Archimedes. Auch Leonardo da Vinci hatte das Prinzip schon begriffen, als er der Erzählung nach zum Geburtstag des Papstes Leo X. Heiligenfiguren aus Papier über dem Feuer mit warmer Luft füllte und aufsteigen ließ.
Eigentlich begann aber alles erst so richtig, als am 4. Juni 1783 als die Gebrüder Jacques und Joseph Montgolfier auf dem Marktplatz des kleinen Städtchens Annonay im Süden Frankreichs ihr Gebilde aus Papier und Stoff zwischen zwei hohen Holzmasten aufbauten. Es war das Gerücht aufgekommen, dass die Gebrüder etwas noch nie Dagewesenes an diesem Morgen vorführen wollten. Aus diesem Grund strömte eine große Menschenmenge auf den Marktplatz von Annonay um an diesem Spektakel teilzunehmen. Sie wurden nicht enttäuscht, denn gegen 12 Uhr Mittags erlebten sie den ersten Start eines Körpers schwerer als Luft und gleichzeitig auch den ersten Start eines Heißluftballons.
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