Schatzkammer Lechfeld

Siglinde Matysik und Rainer Linke zeigen Fundstücke von Ausgrabungen des Arbeitskreises. Foto: Stöbich


Für die meisten Menschen ist ein Scherbenhaufen gewiss kein Grund zur Freude. Ganz anders ist das bei Siglinde Matysik, der stellvertretenden Leiterin des Arbeitskreises für Vor- und Frühgeschichte im Heimatverein für den Landkreis Augsburg. Sie ist nämlich Hobby-Archäologin und liebt es, in oft wochenlanger Arbeit winzig kleine Teile eines Gefäßes wie ein Puzzle zusammenzusetzen, um der Nachwelt diese Schätze unserer Vorfahren zu erhalten.

Die Ergebnisse dieser Geduldsarbeit können Interessierte dann nach Fertigstellung des Objektes im Archäologischen Museum Königsbrunn bestaunen. Es deckt mit seinen Funden nicht nur das Stadtgebiet ab, sondern zeigt Gegenstände aus dem gesamten südlichen Landkreis Augsburg. Dabei wird ein Zeitraum von 2500 vor Christus bis zu den Alemannen (circa 700 nach Christus) ausgestellt.

Dies und vieles andere mehr über ihre archäologische Arbeit erläuterte Siglinde Matysik gemeinsam mit ihrem Kollegen Rainer Linke bei ihrem Vortrag "Bewegte Erde". Dass man nicht immer graben muss, um etwas Interessantes zu finden, zeigt zum Beispiel die Arbeit des Arbeitskreises bei Kissing im Landkreis Aichach-Friedberg. Dort fand man nach einem Sturm in den Wurzelballen herausgerissener Bäume viele Keramikscherben, die aus der Bronzezeit stammen.

Der Schwerpunkt des Arbeitskreises liegt bei den Grabungen. "Durch die Vielzahl unserer Funde können wir die Zeit ab 2300 vor Christus durchgängig nachweisen", berichtet Linke stolz. "Ausgrabungen finden zwar immer nur samstags statt, aber auch unter der Woche bin ich täglich oft bis in die tiefe Nacht hinein damit beschäftigt, unsere Funde zu dokumentieren, inventarisieren und zu restaurieren", so der Leiter des Arbeitskreises weiter. Er ist froh, im Ruhestand zu sein, "denn für Erwerbsarbeit hätte ich gar keine Zeit mehr."

Die Referenten berichteten zwar von Knochenfunden, Verfärbungen im Boden oder von Pfosten, deren Bedeutung es zu entschlüsseln galt, doch hatte man zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, es handle sich um tote Materie, von der sie da erzählten. Als Matysik beispielsweise Verfärbungen erläuterte, die auf Körperbestattungen hinweisen, fügte sie hinzu: "Die Menschen in der Bronzezeit waren gar nicht so klein, wie die meisten immer denken. Etliche Skelette, die wir gefunden haben, gehören zu Menschen mit einer beachtlichen Körpergröße von 1,80 bis 1,90 Meter."

Sieht man nun einen stattlichen Mann vor seinem geistigen Auge vorbeimarschieren, kommen sogleich auch die Frauen ins Spiel. "Die Frauen waren auch vor tausenden von Jahren sehr modebewusst. Dies können wir anhand des gefundenen Schmucks bestens belegen. So haben wir beispielsweise Frauenskelette mit Perlenketten ausgegraben, bei denen wir vermuten, dass für jedes neue Lebensjahr eine neue Perle hinzugefügt wurde", ergänzt Matysik.

Auch gibt es oft geschlechtsspezifische Unterschiede, was die Bestattungen anbelangt. Ist beispielsweise in der Glockenbecherzeit bei beiden Geschlechtern die festgelegte Haltung die eines Embryos, so wurden Frauen immer mit dem Kopf nach Süden und Männer mit dem Kopf nach Norden bestattet.

"Unser Verhältnis als Hobby-Archäologen zu den professionellen Wissenschaftlern ist sehr gut", so Linke. "Manchmal schließen wir gegenseitige Deals ab. So haben wir beispielsweise der Archäologischen Staatssammlung in München eine Reihe von Originalen unserer Ausgrabungen überlassen. Dafür haben wir kostenlose Kopien davon für unsere eigene Sammlung bekommen", erläutert der Königsbrunner weiter. "Besonders stolz sind wir natürlich dann, wenn wir den Profis mal den ein oder anderen entscheidenden Hinweis geben können."

So ist auf der Peutinger-Karte, einer abgemalten Kopie einer römischen Straßenkarte, zwischen Augsburg und Epfach ein Ort mit "ad novas" bezeichnet, der den Forschern Rätsel aufgab. Vermutlich habe sich hier beim Kopierer ein Fehler eingeschlichen und die römische Station sollte "ad nonas" heißen, also übersetzt "beim neunten" (Meilenstein). Rainer Linke ist nun die ganze Strecke zu Fuß abgelaufen mit dem Ergebnis: Die römische Straßenstation, die auf dem Städtischen Friedhof in Königsbrunn gefunden wurde, liegt genau neun römische Meilen beziehungsweise 13 Kilometer vom römischen Zentrum von Augsburg (augusta vindelicum) entfernt. Die Römerstraße Via Claudia Augusta ist heute noch an vier Stellen in Königsbrunn sichtbar.

Zu bestaunen sind eine Vielzahl der Funde im Archäologischen Museum, das sich im Untergeschoss des Königsbrunner Rathauses befindet, angefangen von Waffen- und Werkzeugfunden aus der Steinzeit über Skelette und Gefäße aus der Glockenbecherkultur bis hin zu spektakulären Funden aus der Bronzezeit wie dem 1918 freigelegten Steinkistengrab oder einem keltischen Umgangstempel aus der La-Tène-Zeit (450 bis 15 vor Christus).

All das kann an jedem dritten Sonntag im Monat von 10 bis 12 Uhr besichtigt und bestaunt werden.

Der Eintritt ist frei. Fachkundige Führungen gibt es jeweils von 10 bis 11 Uhr. (Peter Stöbich )
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