Der Pendler oder Das Signal zeigt Rot

Schwabmünchen, Freitag, 31.03.2017
Es ist 05:40 Uhr. Der Pendler befindet sich pünktlich auf dem Bahnhof Schwabmünchen. Vor weit über einer Stunde ist er aufgestanden, um den Zug nach Augsburg um 05:46 Uhr zu erwischen. Freitag ist auf der Arbeit immer „Großkampftag“. Spätestens um 06:15 Uhr muss es losgehen, Überstunden sind garantiert.
Dem Pendler fröstelt, es ist noch empfindlich kühl. Der routinierte Blick schweift auf das Bahnsignal Richtung Augsburg: Rot. Rot? Das ist ein schlechtes Zeichen. Aus Erfahrung weiß der Pendler, der Zug wird nicht pünktlich sein. Hoffentlich nur die häufige Verspätung um „wenige Minuten“.
05:55 Uhr. Eine Lautsprecherdurchsage: „ Billtrgrmpf Buchloe spiltet minateput onggripff“ oder so ähnlich. Der Lautsprecher befindet sich am anderen Ende des Bahnsteigs. Der Pendler steht genau entgegengesetzt. Dort, wo der vordere Teil des Zuges halten würde. Das Gehör funktioniert noch einwandfrei, aber der Geräuschpegel auf dem Bahnsteig ist hoch. Warum wird der Durchsage keine Beachtung geschenkt? Leichtfertigkeit? Desinteresse? Es ist zum Verzweifeln. Das Signal zeigt Rot.
06:00 Uhr. Dem Pendler fröstelt. Nicht nur wegen der frischen Luft, sondern auch wegen der Gedanken an die Arbeit, die jetzt auf ihn wartet. Es haben sich Diskussionsrunden gebildet. Nun wurde schon zweimal die voraussichtliche Ankunft des Zuges nach hinten verlegt. Was ist denn heute los? Jemand erklärt sich bereit, in Richtung des elektronischen Laufbandes zu gehen (ebenso wie der Lautsprecher fernab der Stelle, wo der vordere Teil des Zuges halten würde), um die Schrift zu entziffern. Kurz darauf kehrt er begeistert zurück. Eine solche Begründung für eine Zugverspätung gab es noch nie: „Wegen verspäteter Bereitstellung in Buchloe circa 15 Minuten Verspätung“. Einhellige Meinung der Diskussionsrunde: „Da hat mal wieder einer in Buchloe verschnarcht, nicht ungewöhnlich. Unfair, denkt der Pendler, vielleicht hat die Bahn auch Probleme mit der Zeitumstellung, so wie ich (aber ich bin pünktlich) – aber man weiß es nicht.
Eine erneute Lautsprecherdurchsage ( Dieses Mal wird ihr die gebührende Beachtung geschenkt. Na bitte, es geht doch, denkt der Pendler): Die Verspätung wird nun noch einmal offiziell bestätigt. Hinweis an den Fahrdienstleiter: Bravo, alles richtig gemacht! Nur nicht gleich mit der vollen Wahrheit herauskommen. Eine erste verzögerte Bekanntgabe und dann scheibchenweise immer etwas nachlegen geht auch psychologisch voll in Ordnung. Die Alternative für einen derartig verspäteten Zug (mittlerweile sind 25 Minuten veranschlagt) ist jetzt allerdings hinfort. Der Bus nach Bobingen, mit dem man dort einen Zug nach Augsburg hätte erwischen können, um letztendlich mit einer weniger schmerzhaften Verspätung am Ziel anzukommen, ist längst abgefahren. Schade eigentlich. Dies ist wohl auch eine Form der Kundenbindung. Der Pendler sinniert (er hat ja Zeit), ob das schon eine Idee des neuen Bahnchefs ist. Ach nein, das war ja schon immer so.
06:10 Uhr. Es kommt, was kommen musste. Der Zug RB 57541 fällt aus! Aber es gibt ja Hoffnung , RB 57601 planmäßige Abfahrt 06:18 Uhr. Der Pendler blickt in Richtung Signal. Es zeigt Rot.
06:15 Uhr. Ahnungslose Reisende, die diesen Zug nehmen wollen, erscheinen am Bahnhof, lesen das elektronische Laufband: „….Zug fällt aus…“. Der Pendler ist interessiert, wer jetzt darauf hereinfällt, auf dem Absatz kehrt macht, in das Auto steigt und so seinen Beitrag zum allmorgendlichen Stau in Augsburg leistet. „Halt!“ möchte er rufen, „es ist doch ein ganz anderer Zug gemeint, der 06:18 Uhr ist pünktlich“ – ODER? Das Signal zeigt Rot.
06:20 Uhr. Nun überschlagen sich die Meldungen. RB 57601 planmäßige Abfahrt 06:18 Uhr hat 10 Minuten Verspätung, für den nächsten darauf folgenden Zug RB 59407 werden 15 Minuten Verspätung aufgrund einer Signalstörung versprochen. Das elektronische Laufband spielt verrückt. Nun muss das arme Ding schon drei Unregelmäßigkeiten anzeigen, obwohl der Zugausfall eigentlich schon Geschichte ist. Der Pendler sinniert (er hat ja Zeit), ob das der Computerexperte schon „Information overflow“ nennt. Das Endlosband ist jetzt jedenfalls nur noch von Spezialisten, die alle RB-Nummern drauf haben, einwandfrei zu deuten.
Und dann das Glücksgefühl. Vor dem dunklen Himmel plötzlich ein grünes Signal! Das „Pling Pling Pling“ der Bahnschranken kann es mit jedem Glockenklang aufnehmen! Ein Zug fährt ein. Der Pendler liebt frische Luft. Aber nach gut 50 Minuten auf dem kühlen Bahnsteig sind die Glieder doch etwas widerspenstig, nicht ganz so geschmeidig. Trotzdem ist noch einmal der volle Körpereinsatz gefordert, um einen Sitzplatz zu ergattern. In vergleichbaren Fällen gibt es häufig, quasi als Sahnehäubchen für die gebeutelten Pendler und mittlerweile in stattlicher Anzahl versammelt, nur einen Zug in halber Länge. Aber heute zeigt sich die Bahn großzügig. Trotz aller Bereitstellungsprobleme wurde noch ein Zug in voller Länge gefunden.
Am Arbeitsplatz dann das große Hallo der Kollegen. Viel Zeit zum Erzählen bleibt dem Pendler ja nicht. Wie soll man dieses unbeschreibliche Gefühl auch erklären, wenn plötzlich wie aus dem Nichts in der sich abzeichnenden Morgenröte die Lichter eines Zuges sichtbar werden.
Fazit: Eine Stunde zu früh aufgestanden, eine Stunde zu spät am Arbeitsplatz. Verlorene Zeit hinten drangehängt. „Senk ju for träwelling!“
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