Ein Vatermord in Meitingen

Zusammengestellt von Marion Buk-Kluger, mit freundlicher Unterstützung von Adolf Fischer bei der Recherche.

Im Jahr 1889 ermordete der Bauernsohn Bernhard Dirr seinen Vater Josef mit zwei Messerstichen.

Zu dem Vatermord ist Folgendes zu lesen: Meitingen, den 7. Januar 1889
Betreff: Den Bauernsohn Bernhard Dirr in Meitingen wegen Verbrechens des Mordes verhaftet.

Dem Herrn Stattsanwalte bringe ich dienstlich zur Anzeige, dass gestern abends 5 ¾ Uhr der 66 Jahre alte Bauer (Witwer) Josef Dirr in Meitingen von seinem Sohn Bernhard durch zwei Messerstiche in die linke Stirnseite, wovon einer zwischen dem Stirn- und Scheitelbein in das Gehirn eindrang und den unmittelbaren Tod zur Folge hatte, ermordet wurde.

Den Vorgang schildert die Tochter des Verlebten, Theres wie folgt:
„Gestern abends war der ledige Korbflechter Michael Sternegger von Meitingen bei Dirr im Heimgarten. Auf einmal sagte Pubrikat: „Ich bin ein Kind des Todes, ich muss sterben, ich bin verloren“. Sternegger wollte den Bernhard trösten und sagte, lass nur gehen Bernhard, du bist noch nicht verloren und darfst nicht sterben. Daraufhin sprang Bernhard Dirr vom Kanapee auf und schrie: „Was das könnt ihr sagen, ihr müsst hinaus“, packte denselben und wollte ihn zur Türe hinaus werfen. Die Geschwister des Bernhard Dirr, Theres, Stefan und Xaver schrein nun ihrem Vater, der in der Nebenkammer schon im Bette lag, um Hilfe. Als Bernhard Dirr seinen Vater erblickte, sagte er: „So der muss auch hinaus, der muss fort, das ist der Teufel, sonst habe ich kein Ruhe“. Er fasste hierauf seinen Vater, der ohne Hose und barfüßig war, sondern nur schnell einen alten Überzieher angezogen hatte, schob denselben zur Haustüre hinaus, verriegelte dieselbe und ging in die Stube. Dort sagte Bernhard Dirr zu seinen Geschwistern: „So jetzt sind wir erlöst, der darf nicht mehr herein, der ist der alte Teufel“. Stefan Dirr begab sich mit Licht in den Stall und wollte seinen Vater von da aus Kleidung verschaffen. Er wurde aber von Bernhard, der seinen Bruder Stefan mit einem Stiefelzieher bewaffnet in den Stall nachging, daran gehindert.

Als nun Stefan Dirr sagte: „Ich lasse ja den Vater nicht herein“, ging Bernhard Dirr mit einer Mistgabel bewaffnet vom Stall herüber und drang in das Schlafzimmer seines Vaters ein. In dieser Kammer stand sein jüngerer Bruder Xaver, welchem Bernhard Dirr sofort einen Stich mit der Mistgabel in die rechte Hand versetzte. Unterdessen wurde nun der Ermordete von einem seiner Kinder in die Behausung gelassen, worauf sich er in das Wohnzimmer begab und seinen Sohn Bernhard mit Hilfe der übrigen Kinder zu trösten suchte. Bernhard Dirr, welcher nun anscheinend ganz ruhig auf dem Kanapee saß, verlangte von seiner Schwester Theres Brot. Dieselbe wollte ihm solches geben, und als sie die Tischschublade öffnete und das Brot herausnahm, sprang Bernhard Dirr hinzu, erfasste im Griff feststehendes Messer und stieß es seinem Vater, welcher inmitten des Wohnzimmers stand, mit solcher Wucht in den Kopf, dass dieser sofort zusammenstürzte und kurz darauf seinen Geist aufgab. Die Geschwister ergriffen nun die Flucht. Stefan Dirr machte auf hiesiger Station die Anzeige. Als ich und Gendarm Müller am Tatorte erschienen, bemerkten wir, dass Bernhard Dirr mit beiliegendem Messer neben seinem Opfer stand und derselbe eine Weile betrachtete. Als Bernhard Dirr Leute vor dem Haus hörte, kam er mit dem Messer in der Hand zur Haustüre heraus, worauf ihm dasselbe durch Gendarm Müller sofort aus der Hand geschlagen wurde und wir dann die Festnahme des Bernhard Dirr bewerkstelligten. Derselbe zu seinem toten Vater zurückgeführt und zur Rede gestellt, sagte: „Dieses hab ich tun müssen, hätte ich es nicht getan, so hätte ich fort müssen.“ Im hiesigen Haftlokal nochmal befragt, gab Dirr an, dass er weiß, dass er seinen Vater umgebracht habe, allein er habe dieses tun müssen, sonst hätte er hinunter müssen in die Ewigkeit in die Flammen, so aber sei er erlöst.

Nach Angabe seiner Schwester Theres ist ihr Bruder schon seit ein paar Tagen anscheinend geistesgestört und habe er immer von der Ewigkeit, sowie vom Teufel und von verschiedenen Geheimnissen, die er verraten habe, gesprochen. Bisher aber ist in der Gemeinde Meitingen von einem Trübsinn oder Geistesstörung bei Bernhard Dirr nichts bekannt, denn derselbe besorgte das elterliche Anwesen gänzlich und galt unter den hiesigen Bewohnern nur als ein sehr braver und verständiger Mensch.

Bernhard Dirr, ehelicher Sohn von Josef Dirr und Maria, geborene Meyer, ist zu Meitingen am 5. März 1861 geboren. Dort selbst beheimatet, ist Landwehrmann des I. Aufgebotes.

Otto Drexel

Stellungnahme des Arztes:

Augsburg, den 8. Januar 1889.
Der kgl. Landesgerichtsarzt in Augsburg.
Betreff: Der inhaftierte Bernhard Dirr von Meitingen,
Der wegen Todschlags inhaftierte Bernhard Dirr von Meitingen, welcher schon seit Vormittag bei der Conversation, auf der diese seines Vaters unzweifelhafte Erscheinung von geistiger Erkrankung geboten hat, hat bald nach seiner Einlieferung in das hiesige Landgerichtsgefängnis einen heftigen Tobsuchtsanfall bekommen, so dass demselben die Zwangsjacke angelegt werden musste. Es ist deshalb die schleunige Verbringung des B. Dirr in eine Irrenanstalt dringend geboten.

Dr. Lutz Landesgerichtsarzt.

Sodann mit Akten zum Herrn Staatsanwalt zur weiteren Veranlassung.
Augsburg 8. Januar 1889.

Vorgelegt dem Herrn Vorsitzenden der Strafkammer mit dem Antrage:
1,) Die Haftbeschwerde des B. Dirr zu verwerfen,
2,) Demselben einen Verteidiger zu bestellen
3,) Sodann anzuordnen, dass derselbe in die Irrenanstalt Kaufbeuern verbracht und dort beobachtet werde.

Augsburg am 9. Januar 1889.
Stations-Kommandant
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