Der Hof mit der Nummer 50 -

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Zusammengestellt von Marion Buk-Kluger, mit freundlicher Unterstützung von Adolf Fischer bei der Recherche und Abschrift des Originals

Am 27.9.1859 erwarb Georg Berchtold von dem Grundbesitzer Josef Fleiner vom Hof Nr. 35 („Schweitzer“ genannt) um 66 Gulden den Bauplatz. Darauf baute er 1860 sein Haus und ein Fabrikgebäude, in dem er Eisenwaren fabrizierte. Da er aber mit seinen finanziellen Pflichten gegenüber der Bank nicht nachkommen konnte, übernahm durch Liquidation am 10. März 1867 die Bayerische Hypothek und Wechselbank München das Anwesen. Im Jahre 1870 kauften den Platz mit den Baulichkeiten dann Josef Dirr und seine Ehefrau Marian ne, geb. Maier. Dirr besaß vorher schon den Hof mit der Nummer 18, „Oberbauer“ genannt. Dirr zog diese Grundstücke sowie auch den Hofnamen mit sich und siedelte auf das Anwesen mit der Nr. 50 über, das dann zum „Oberbauer“ wurde. Neue Wirtschaftsgebäude wurden an das Anwesen, das einst Berchtold gebaut hatte, angefügt und eine Landwirtschaft begonnen. Josef Dirr hatte sechs Kinder (Josef, Bernhard, Theresia, Johann, Xaver, Stephan).
Was aus diesen wurde, das berichtete einer von ihnen, Josef Dirr, der als 90-Jähriger einst persönlich von dem Chronisten Johann Fackler befragt wurde.
„Ich (Josef) übernahm 1889 das Anwesen, mein Bruder Bernhard war geistig behindert, in einer Geistesverwirrung erstach er unseren Vater und wurde dann in eine Anstalt nach Kaufbeuren gebracht, wo er 1885 verstarb. Theresia war mit dem Metzger Rock in Augsburg verheiratet. Dieser war ein Trinker und starb. In zweiter Ehe heiratete sie den Schuhmacher Kracker, der 1947 starb. Johann heiratete nach Schwenningen und starb 1930. Xaver war Soldat und dann Gendarm, später bei der Post in Augsburg beschäftigt. Und Stephan blieb ledig, war Hausknecht in Bad Wörishofen, und hatte später dort ein Milchgeschäft.“

Weitere Geschichten

Und noch Weiteres gibt es von der Nummer 50 und seinen Besitzern zu berichten: 1886 brannten Stall und Stadel und wurden neu errichtet, zudem wurde im Zuge der Neuerrichtung eine Wagenremise gebaut.

Josef Dirr, der den Hof als Ältester übernahm, muss übrigens ein rauher Bursche gewesen sein, denn mit 22 Jahren musste er schon zweimal vor Gericht erscheinen. In der Wertinger Zeitung wurde dies wie folgt erwähnt: Wertingen, den 9. August 1882. Anklage gegen Josef Dirr, 22 Jahre alt, ledig, bisher unbestraft, wegen Verlassen des Dienstes während der Heuernte. Der Angeklagte diente bei dem Bauern Josef Stadelmeir in Meitingen, wo er entlief und durch die Gendarmerie wieder eingebracht, sofort wieder davonging. Als Grund gab er an, schlechte und ungenügende Kost erhalten zu haben, was von den vorgeladenen Zeugen zum Teil auch zugegeben wird, während andern Arbeitern die Kost wieder genügend war. Er behauptet nun, Stadelmeir habe zu ihm gesagt: Wenn du mir einen Knecht besorgst, der mir passt, so kannst du gehen. Er besorgte auch einen Knecht, Stadelmeir stellte ihn jedoch nicht ein, sondern klagt gegen Dirr.

Urteil: Josef Dirr, Dienstknecht ist schuldig trotz zwangsweiser Vorführung ohne genügende Entschuldigungsgrund den Dienst verlassen zu haben und noch dazu während der Heuernte und wird zu 8 Tag Haft und in die Kosten verurteilt.
Zur zweiten Verhandlung liest man: Öffentliche Schöffengerichts-Sitzung
Vom 8. November 1882 Als Schöffen fungierten: Bauer Mathias Wagner von Rischgau und Georg Hietmann von Hohenreichen. Anklage gegen Dirr Josef, Bauer von Meitingen, wegen Vergehens der Beleidigung. Der Angeklagte hat am 26. April l. J. in der öffentlichen Sitzung des Schöffengerichts gegen den Strassenwärter Ganzer die Äußerung gebraucht: „Dem Ganzer seine Aussage hat keinen Wert, er hat schon öfters falsches Zeugniß abgelegt.“ Der Angeklagte denunzierte auch in einem Brief an die Staatsanwaltschaft in Augsburg den Ganzer wegen dieser angeblichen falschen Zeugnisse, und wurde von der Staatsanwaltschaft auch in jeder Richtung hin Recherche gepflogen, welche jedoch die Unhaltbarkeit dieser Behauptungen herausstellten und wurde Dirr in Folge dessen wegen Beleidigung vor das Schöffengericht verwiesen. Dirr behauptet zwar, den Strassenwärter Ganzer weder mit den gebrauchten Äußerungen noch mit dem Brief an die Staatsanwaltschaft habe beleidigen wollen, sondern besagte Ausdrücke habe er nur zu seiner Verteidigung gebraucht.
Urteil: Der Angeklagte Dirr ist schuldig eines Vergehens der Beleidigung und wird in eine Geldstrafe von 50 Mark, eventuell 10 Tage Haft und in sämtliche Kosten verurteilt und wird dem Strassenwärter Ganzer, der in öffentlichen Dienst steht, das Recht zuerkannt, das Urteil auf Kosten des Beklagten innerhalb 14 Tagen im Wertinger Amts- und Anzeigblatt zu veröffentlichen.
Vom wilden Dirr zum Hofbesitzer
Sieben Jahre später schließlich, im Alter von 29 Jahren, übernahm eben dieser Josef Dirr 1889 von seinem Vater den Hof und heiratete am 28. Juli 1891 die Karolina Baur (Bauer) von Riedlingen.

Im Jahre 1914 wurde der Stall aufgestockt und die Scheune umgebaut.
Die Tochter Kreszenz verheiratete sich am 21. Juli 1925 mit dem Josef Christl von Weiden (Thierhaupten) und übernahm mit ihm den Hof.

Ihr Mann, Josef Christl, machte den ersten Weltkrieg mit und kam erst 1919 aus englischer Gefangenschaft wieder heim. Das jetzige Anwesen wurde 1937 an Stelle des ehemaligen Wohngebäudes neu erbaut. Am 20. März 1950 feierte der Austrägler und frühere Besitzer Josef Dirr seinen 90. Geburtstag, der in der Wertinger Zeitung mit einer Anzeige gewürdigt wurde: „Der Austrägler Josef Dirr (Hausname Oberbauer) feierte gestern neben seinem Namenstag auch Geburtstag, und zwar den 90. Er erfreut sich als der älteste Einwohner der Gemeinde noch einer guten Gesundheit.“

Nachdem Josef Christl, der Schwiegersohn von Dirr, infolge einer schweren Krankheit an den Rollstuhl gefesselt war, übergab er wiederum seiner Tochter Kreszenz den Hof, die den Johann Glück ehelichte und der am 1.8.1958 den Hof übernahm. Nach seinem frühen Tod 1982 wurde die Landwirtschaft schließlich aufgegeben.
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Gudrun Arndt aus Augsburg - Haunstetten | 28.07.2017 | 09:01  
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