Autor Horst Mangasser erzählt Geschichten des vergessenen Krieges

Horst Mangasser aus Mering hat zweieinhalb Jahre für sein Buch über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien recherchiert. In seinem nächsten Roman geht es um Umweltgifte.

Schon mit 15 Jahren sitzt Horst Mangasser vor seinem Weltempfänger im Dunkeln und lauscht den Stimmen der Welt. Als er während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien Hilferufe und Schreie aus Sarajevo hört, lässt ihn das nicht mehr los.

Horst Mangasser aus Mering hat seinen Gedanken Gestalt verliehen, ihnen eine Geschichte gegeben: Die OP-Schwester Jelica flieht mit ihren Kindern aus Sarajevo, zunächst zu ihrer Schwester an die Küste nach Neum und weiter zu ihrem Schwager nach Augsburg. Ihren Mann lässt sie zurück. Seinen Roman „Weiße Adler“ hat Mangasser zur Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Zweieinhalb Jahre hat Mangasser für sein Buch recherchiert, Magister- und Doktorarbeiten und Protokolle des UN-Kriegsverbrecher Tribunals gelesen. Er reist mehrmals nach Sarajevo, Zagreb, Belgrad und weiter, er unterhält sich mit den Menschen, führt Interviews. In einer Buchhandlung lernt Mangasser eine Frau kennen, die während des Krieges mit ihrem Kind nach Mannheim flüchtete, während ihr Mann beim Militär war. „Ich wollte beide abends zum Essen einladen. Doch sie kamen nicht.“ In der Nähe von Pale, einer Stadt östlich von Sarajevo, will er sich mit Männern unterhalten, die in einer halb zerschossenen Garage grillen. Als er entgegnet, dass er Tourist und kein Reporter sei, „Journalisten mögen wir sowieso nicht“, schimpfen sie, befiehlt einer der Männer seinem jungen Freund, seine „Erika“ zu holen – auf Deutsch. Erika ist nicht die Tochter oder Ehefrau. Als Mangasser die Kalaschnikow sieht, macht er sich davon. Auf einer weiteren Tour will eine Mutter von vier Kindern Mangasser ihr kleinstes Kind verkaufen. „Es ist unglaublich, aber nach 20 Jahren passieren immer noch solche Dinge.“

Seit Jahren verbringt Mangasser seinen Urlaub in Kroatien, er und seine Frau haben Freunde auf der Insel Vir. „Sie ist aus Mazedonien, er aus Zagreb. Die kennen wir schon seit vierzig Jahren.“ Wenn das Ehepaar Mangasser nach Vir kutschiert, nehmen sie verschiedene Routen. Doch wer heute von Bosnien zur Küste hinunterfährt, komme durch Bereiche, in denen „unsagbar viele Trümmer“ stehen. „Es finden sich auch in Sarajevo noch mitten im Zentrum Häuser, die schauen aus, als sei das eben erst passiert“, berichtet Mangasser. Das seien Häuser, die ursprünglich serbischen Familien gehörten.

Dieses heute noch herrschende Leid, hat Mangasser nachdenklich gemacht. „Aber es ist leider so: Die Schlagzeile von heute interessiert morgen kein Schwein. Da ist so viel Elend, da sind Hunderte von Kindern, die unter Gewalt gezeugt wurden, Tausende Kriegsverletzte, die interessieren heute keinen Dreck mehr.“ Nicht mehr losgelassen haben Mangasser auch die Hilferufe aus Sarajevo, die er vor Jahren mit seinem Weltempfänger eingefangen hat. „Diese entsetzlichen Schreie und Hilferufe sind mir nie aus dem Kopf gegangen.“

2010 fängt Mangasser mit seinen ersten Ideen an. Während er die Protokolle und Doktorarbeiten studiert, bemerkt er, dass es keinen Roman gibt, der sich mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien und mit der Flucht von Menschen beschäftigt. Im Herbst 2011 geht er das erste Mal zu Recherchezwecken nach Sarajevo. Die Schauplätze seines Romans sind real, der Bereich, den die Protagonisten auf ihrem Weg zur Arbeit zurück legen müssen. Das Krankenhaus hat Mangasser mehrmals besucht. Nicht aus der Nase gezogen ist die Episode, in denen zwei Journalisten ein Kind für ein Sensationsfoto opfern. „Das ist nicht von mir erfunden. Das ist ein Fall, der dokumentiert ist.“ Die Geschichte natürlich ist fiktiv. „Das ist eine Familie. Da geht es um Liebe, Verpflichtung und Sorge, auch um Ehre. Ich bin kein Kriegsberichterstatter.“

Die Dinge, die Mangasser gelesen, die Geschichten, die er vor Ort gehört hat, haben ihm, so sagt er, das Wasser in die Augen gedrückt. „Wenn man sich mit dieser Sache beschäftigt, die ist sowas von endlos, grausam und unvorstellbar, ich habe einige halbe Nächte im Bett gegrübelt. Nicht weil ich mir ausgedacht habe, wie ich weiter schreibe, sondern wie Menschen auf solche Ideen kommen.“
Eine Lesung in Hochzoll hat bereits vergangene Woche stattgefunden. Lesungen in Friedberg und Mering folgen im Januar. „Ich habe auch schon E-Mails bekommen, in denen Leser gefragt haben, ob es eine Fortsetzung gibt. Aber nein. Die Geschichte ist zu Ende.“
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