"Klassik aus der Konsole": Franz Bader hört die Melodien von Computer- und Videospielen ab und arrangiert ihre Klangwelten für Chöre und Orchester

Auch im Parktheater im Kurhaus Göggingen war Game Music Live zu hören. Foto: Florian Haas
 
Mit dem Sinfonischen Blasorchester Bobingen und dem Schwabmünchner Kammerchor studierte Bader unter anderem Stücke aus "World of Warcraft" und "Skyrim" ein. Foto: Franziska Bader


Seit 30 Jahren steht Franz Bader vor Orchestern. Als Vierjähriger spielte er die Melodica, später kamen das Klavier und mit 14 Jahren das Horn hinzu. Nach dem Abitur absolvierte er ein Musikstudium an der Musikhochschule München. Mit Musik aus Video- und Computerspielen beschäftigt sich der Dirigent des Bobinger Musikvereins allerdings erst seit vier Jahren.

In einer Konzertkritik hatte Bader gelesen, dass die Zugabe einer Violinistin die Titelmusik aus "Assassins Creed" gewesen sei. Das sagte dem Meringer damals gar nichts - die Musik aber fand er toll. "Die Jungen kannten das alle", erinnert sich Bader an die dann folgende Probe des Sinfonischen Blasorchesters in Bobingen. Also bat er seine Schüler, sämtliche Computer- und Videospiele durchzuhören und ihm die Titel zukommen zu lassen. Das Ergebnis: "Die Noten dieser Musik gibt es nirgendwo zu kaufen."

Bader suchte sich zunächst etwas Einfaches aus: "Angry Birds". Er hörte die Melodie ab, Instrument für Instrument, und schrieb die Noten für ein Orchester auf. Etwas Übung hatte er bereits, kamen doch in den vergangenen Jahren stets Schüler, die dieses oder jenes spielen wollten. "Die Kinder saßen mit einem Angry-Birds-Shirt oder einer Angry-Birds-Mütze im Konzert", erzählt Bader. "Das kam gut an."

Ein ganzes Konzert: Game Music Live


Nun erst recht wollte Bader ein ganzes Konzert machen - "um ein Publikum anzusprechen, das sonst nie kommen würde." Und als er die Stücke arrangierte, stellte er fest, dass ein Chor dazu gehört, weshalb er Kontakt mit dem Chor der Universität Augsburg aufnahm. Er schickte den Sängern die Noten zu und nach der ersten Probe hieß es: "So begeistert habe der Chor noch nie mitgemacht." Im Juni 2015 war Premiere. "Die Karten gingen so reißend weg, dass an der Abendkasse nur noch zehn Stück übrig waren." Eine zweite und eine dritte Auflage von Game Music Live folgten 2016 und 2017, unter anderem in der Schwabmünchner Stadthalle. Dort präsentierten das Sinfonische Blasorchester des Musikvereins Bobingen und die Sänger des Schwabmünchner Kammerchors unter anderem Werke aus dem Fantasy-Computerspiel "Skyrim". "Der Leiter des Kammerchors ist gleich hellhörig geworden und erklärte: ,Das spielen wir auch'", berichtet der 61-Jährige. Ebenso trat Bader mit großen Orchestern im Leipziger Gewandhaus und in Dresden auf. "Ein Konzertveranstalter kam dann auf mich zu und fragte, ob ich ,Game of Thrones' kenne und ein ganzes abendfüllendes Programm arrangieren würde."

Bader sagte zu. Momentan tüftelt er an zwei Stunden Musik aus der Fantasy-Serie, deren Filmmusik Ramin Djawadi komponiert hat. Die Proben mit dem philharmonischen Orchester und Chor beginnen im Herbst, schon ab November ist "The Music of Game of Thrones" in Berlin, Leipzig, Nürnberg und Stuttgart zu hören, im Februar 2018 in München.

Täglich mindestens zwei Stunden

Täglich arbeitet Bader zwei bis drei Stunden an seinen Arrangements am Computer, vormittags oder abends, wenn er nicht als Dirigent und Lehrer in den Vereinen und Schulen gefragt ist. Ein Dreivierteljahr braucht Bader für ein zweistündiges Konzert. Die Schwierigkeit dabei sei, dass so ein Musikstück oft 30 Stimmen habe. "Man muss die Instrumente kennen", erklärt Bader. Und man brauche die Möglichkeit, das alles mit einem Orchester auszuprobieren. "Ich stehe seit fast 30 Jahren vor Orchestern und muss die 30 bis 40 Leute im Ohr behalten und schauen, ob es passt. Wenn ich eine Aufnahme höre, ist das genauso." Bader nimmt kein Gesamtbild wahr. "Ich nehme einen Abschnitt und beschränke mich auf ein Instrument - und irgendwann entsteht ein Bild. Manchmal hilft es auch, etwas auf dem Keyboard nachzuspielen."

Mit dem Bobinger Musikverein ist Bader ebenfalls ganz im Filmmusik-Fieber. Geübt werden unter anderem Stücke aus "Interstellar" und "La La Land" - auch an Ennio Morricone versucht sich das Orchester. Zwar gebe es einiges zu kaufen, von John Williams etwa, aber nicht alles.

Filmmusik-Konzerte seien überhaupt sehr beliebt. Mit Video- und Computerspiel-Musik könne allerdings nicht jeder etwas anfangen - so ein typisches Blasorchester Publikum bestehe vor allem aus den Angehörigen der Musiker. Das werde sich allerdings in 20 Jahren ändern, wenn die heutigen Spieler ihre Erinnerungen an die fantastischen Welten auffrischen wollen, prophezeit Bader. Denn: "Die spannendste neue Musik ist Klassik aus der Konsole." (Natascha Höck )
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